Gitarristin Mary Halvorson im Porträt: Le Jazz pour le jazz

US-Jazzgitarristin Mary Halvorson veröffentlicht mit „Amaryllis/Belladonna“ ein neues Doppelalbum, das ihren Erfindungsreichtum unterstreicht.

Mary Halvorson in einer Zimmerecke

Lässt sich nicht in eine Ecke stecken: Mary Halvorson Foto: Michael Wilson

Ein Bogenstrich, leicht angeraut und mit Nachdruck auf den Streichersaiten, intoniert eine elegische Melodie, die einem unruhigen Gemüt entspringt oder tonmalerisch den steten Wechsel von Mondlicht und Dunkelheit in einer bewölkten Nacht ausbreitet.

Die gleiche Melodie zupft Mary Halvorson in „Moonbeam“ auf der Gitarre anfangs im Einklang mit den Streichern, graduell wachsen diese zu vier komplementären Stimmen und Halvorson schert allmählich aus, zunächst mit Trillern zwischen den glasklaren Tönen, dann parliert sie selbstversunken, lässt Cluster von Tönen übereinanderstolpern, so erklingen leises Jaulen und Glucksen zugleich.

Die US-Jazzkünstlerin hat dem Mivos-Streichquartett alle Kompositionen geschrieben, zu denen sie sich auf dem Album „Belladonna“ als Improvisatorin in Beziehung setzt. Halvorsons Instrument ist eine Halbresonanzgitarre mit gewölbter Decke – eine Fertigung, die ursprünglich aus dem Geigenbau kommt und das Instrument den Streichern als Schwester anverwandelt.

Melodische Brüche

Im Titelstück „Belladonna“ mäandert die schnelle Wiederholung einzelner Töne, das Tremolo, zwischen dem Zittern des Bogens über die Geigensaiten und Halvorsons huschenden Fingern über die Gitarrensaiten hin und her. Erst hält sie die Streicher so im Zaum, zieht sich dann zurück und überlässt ihnen die Wanderung durch die eingangs vorgestellten melodischen Motive, Brüche und Tempowechsel in ständig wechselnden Kombinationen.

Mary Halvorson: „Amaryllis/Belladonna“ (Nonesuch/Warner Music)

Dann schließlich kehrt sich das Verhältnis um, die Streicher hegen sich als Begleitung ein, und Halvorson schlägt um in Verzerrung und geradezu transzendenten Noise, bevor sie das Stück mit einem gehörigen Rock-Riff abschließt. Die Belladonna ist eine Varietät der Pflanzengattung Amaryllis, nach der Halvorson wiederum den ersten Teil ihres Doppel­albums benannt hat. Für „Amaryllis“ hat sie extra ein neues Sextett gegründet, das wiederum drei Stücke gemeinsam mit dem Mivos-Quartett spielt.

Neu an Halvorsons Seite sind die Vibrafonistin Patricia Brennan und der Kontrabassist Nick Dunston, der Ende 2020 von New York nach Berlin gezogen ist. Posaunist Jacob Garchik und Trompeter Adam O’Farrill waren bereits Teil ihres Oktetts und ihrer Band Code Girl, der Schlagzeuger Tomas Fujiwara stammt, wie Halvorson, aus Boston und ist einer ihrer längsten und engsten musikalischen Weggefährten.

Eloquent, aber null Geltungsdrang

Geboren 1980, ist Halvorson die erfindungsreichste Gitarristin der zeitgenössischen improvisierten Musik in den Vereinigten Staaten. Sie ist eloquent, Geltungsdrang aber liegt ihr fern. Mit ihrer schier unermesslichen Bandbreite an Klängen und Spieltechniken könnte Halvorson auf der Bühne als Rampensau auftreten, aber sie versenkt sich vollkommen ins Zuhören und Spielen ihres Instruments.

Gitarre wollte sie lernen, nachdem sie als Elfjährige „And the Wind Cries Mary“ von Jimi Hendrix gehört hatte, später studierte sie bei dem Komponisten, Musiker und einflussreichen Erneuerer der improvisierten Musik, Anthony Braxton.

In 20 Jahren Musikerinnenkarriere hat sich Mary Halvorson selbst ein höchst ausdifferenziertes Repertoire fürs Üben, Improvisieren und Komponieren erarbeitet. Sie beginnt stets mit dem Spiel, schält Ideen heraus, wiederholt diese immer wieder, verdoppelt oder verdreifacht Töne, spielt Akkorde rückwärts oder überlistet sich selbst bei üblichen Griffen. Sie ersinnt Melodien beim Singen und komponiert Songs für sich und andere.

Übersichtliches Set-Up

Nie hat sie sich beirren lassen von Traditionalisten oder Gear-Fanatikern: Ihr Set-up ist übersichtlich und dient einzig dem Klang, nicht der sichtbaren Attitüde. Bis heute hat sie mehr als 25 Alben in unterschiedlichen Konstellationen veröffentlicht, nicht nur mit Jazzkolleg:Innen. Halvorson ist eine von zwölf Musikerinnen und Komponistinnen, die seit 1982 als MacArthur Fellows (im Volksmund „The Genius Grand“) bedacht wurden – gegenüber 37 Kollegen.

Die Auszeichnung geht einher mit einem Stipendium in Höhe von umgerechnet über einer halben Million Euro, das über einen Zeitraum von fünf Jahren in Tranchen ausgezahlt wird.

Halvorson wurde 2019 ausgezeichnet, sicher eine glückliche Fügung für ihre Lebensgrundlage: der kraftraubende Zyklus von Auftritten und Einspielungen, wie er während der Coronapandemie aus den Fugen geriet. Die Musikmetropole New York hat schwer gelitten, zahlreiche Spielstätten, gerade auch für Jazz, mussten schließen, ­reihenweise konnten sich Mu­­si­ke­r:In­nen selbst die Übernachtung in Abstellkammern nicht mehr leisten und verließen die Stadt.

Nuancierte Klangumgebungen

Halvorson zog sich zurück und erlaubte sich, ihrem Traum von Musik für ein Streichquartett entgegen zu komponieren. Sie ist neugierig, tatendurstig und hat ein Ohr für nuancierteKlang­umgebungen und schillernde Strudel. Auch wenn man als Hörende nicht erfasst, wie sie eigentlich entstehen, sind sie auf dem Doppelalbum „Amaryllis/Belladonna“ vollkommen eingelöst.

In ihrem Sextett kann die 41-jährige US-Amerikanerin übergangslos in verschiedene Rollen schlüpfen: Beim Song „Night Shift“ treibt sie etwa den Rhythmus gemeinsam mit Bass und Schlagzeug, breitet die Melodie aus, die Trompete und Posaune aufgreifen und fortspinnen. Mit dem Vibrafon kann sie in obertonreiche Wolken abdriften.

In der lyrischen Einleitung von „Anesthesia“ finden sich alle Instrumente an ihrem Platz im Gefüge aus Vorder- und Hintergrund, wohinein Halvorsons Gitarre schwebt und sich erst nach Momenten als Spiritus Rector einer kollektiven Improvisation zu erkennen gibt.

Das Tentett gemeinsam mit dem Mivos-Quartett schließlich vereint beherzte und fein ziselierte Streicher-Arrangements mit schwelgerischen Bläserstimmen und Raum für uneitle und doch anrührende Soli unter Halvorsons Ägide. Denn die Amaryllis erscheint nur mit vielen Blüten in voller Pracht.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Jeden Monat die beste Playlist der Welt! Ausgewählt von der taz-Musikredaktion

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob sie dieses Element auch sehen wollen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de