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Israelische FoltergefängnisseDer Missbrauch ist politisch gewollt

Kommentar von

Birte Brodkorb

Von Israel inhaftierte Palästinenser sind Schlägen, Hunger und sexuellem Missbrauch ausgesetzt. Die Täter werden systematisch geschützt.

Blick auf ein israelisches Sicherheits-gefängnis in der Nähe von Ramallah Foto: Debbie Hill/imago

V on Oktober 2023 bis August 2025 sind 94 Palästinenser in israelischer Haft zu Tode gekommen, viele davon im Zusammenhang mit Folter, Hunger und medizinischer Vernachlässigung. In Haftanstalten der israelischen Gefängnisbehörde werden oft über zehn Häftlinge in eine Zelle gesperrt.

Für mehr als 3.000 seit Beginn des Krieges verhaftete Palästinenser sind keine Betten vorhanden. Das Öffentliche Komitee gegen Folter in Israel, das Rechtsberatungszentrum für die arabische Minderheit Adalah, die Ärzte für Menschenrechte Israel, die NGOs HaMoked und Eltern gegen Kinderhaft protestieren gegen diese unmenschlichen Haftbedingungen.

In Militärlagern müssen Häftlinge oft über Monate bis zu 24 Stunden täglich mit verbundenen Augen, gefesselt und oft in vollständiger Isolation verharren. Weder Familienangehörigen noch Vertretern vom Internationalen Roten Kreuz wird der Zugang zu den inhaftierten Männern, Frauen und Kindern gewährt. Auch Anwaltsbesuche sind nur stark eingeschränkt, wenn überhaupt möglich.

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Der Missbrauch ist ganz offiziell. So legte der rechtsextreme Minister für Nationale Sicherheit, Itamar Ben-Gvir, das Ziel fest, die Bedingungen auf das gesetzliche Minimum zu reduzieren. Dazu gehört eine Diät von 1.000 Kalorien täglich, die über kurz oder lang zu schwerer Unterernährung führt. Aufgrund von medizinischer Vernachlässigung müssen immer wieder vermeidbare Amputationen vorgenommen werden. Ehemalige Häftlinge berichten zudem über systematische körperliche und sexuelle Gewalt durch Aufseher.

Birte Brodkorb

Birte Brodkorb ist Juristin und Kriminologin. Seit 2020 leitet sie den Bereich Internationale Beziehungen bei der Organisation Public Committee against Torture in Israel.

Die Verstöße bleiben in der Regel ungeahndet. Seit dem 7. Oktober ist es zu keiner einzigen Anklage wegen sexueller Gewalt oder Todesfällen in den Haftanstalten gekommen. Die Straflosigkeit zieht sich durch alle Ermittlungsbehörden.

Solange dieser systemische Mangel an Rechenschaftspflicht für Folter und andere Verstöße gegen die UN-Antifolterkonvention in Israel und den besetzten palästinensischen Gebieten andauert, ist kaum damit zu rechnen, dass die Gewalt gegen die Häftlinge aufhören wird.

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17 Kommentare

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  • Es wird nicht nur mit zweierlei Maß gerechnet, es ist vielfältiger. Strenge Maßstäbe legt man etwa bei Putin an, bei Trump hört's schon auf und wirkliche Gegenmßnahmen erfolgen -wenn überhaupt- nur halbherzig. Bei Netanjahu und seinen Rechtsextremen handelt man anders: der bekommt Waffen geliefert und ansonsten trägt man Augenbinden und Ohrenstöpsel um nichts zu sehen und zu hören.

  • Ich hoffe einfach nur, dass es nicht bewusste "Rache" oder "Abschreckung" ist, was da abgeht.



    Die Strategie "sauberer Rechtsstaat" ist die, die Israel einschlagen sollte. Keine Verhaftungen auf Vorrat, keine Misshandlungen. Ich wünsche allen jenen, ja durchaus existierenden Kräften in Israel alles Gute, die noch gegen die tägliche Ungleichheit den Rechtsstaat einfordern.

  • Solange die Amerikaner vorbehaltlos hinter den Israelis stehen und die EU ihnen hinten reinkriecht, bis nur noch die Zehenspitzen rausschauen, wird dieses Land nie wegen Kriegsverbrechen oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor irgendein Gericht gestellt werden.

    • @Resistor:

      Das ist schlichter: Dass sich Israel wie einige andere Länder nicht dem Strafgerichtshof unterstellt hat.



      Palästina aber schon, und damit sind Untaten auf palästinensischem Grund grundsätzlich gerichtsfähig.

      Netanyahu kann vielleicht noch zu Putin oder nach Marokko, um zwei andere Länder zu nennen, die auf ihrer Besatzung beharren.

  • Warum vergisst die Autorin zu erwähnen, dass die Verordnung von Ben Gvir bereits vor 2 Monaten vom höchsten israelischen Gericht kassiert wurde?

    www.timesofisrael....-slap-to-ben-gvir/

    „Seit dem 7. Oktober ist es zu keiner einzigen Anklage wegen sexueller Gewalt oder Todesfällen in den Haftanstalten gekommen.“

    Wenn man den jenen Aufsehen erregenden Fall vom Juli 2024, bei welchem man initial von sexuellem Missbrauch sprach, mit einbezieht, dann stimmt so nicht.

    www.timesofisrael....nee-at-sde-teiman/

    Bei wie vielen von diesen Todesfällen wurden denn den isr. Staatsanwaltschaften denn genügend Hin- und Beweise übermittelt um eine Anklage erheben zu können?

    Wie viele der 94 waren bei Kämpfen verletzt in isr. Gefangenschaft gefallen? Mancher Schlachtfeldschwerverletzter erliegt an den Folgen mit Verzögerung, selbst bei Einlieferung in ein Krankenhaus innerhalb 1 Stunde. Soweit ich nachgelesen habe beträgt unter diesen die Todesrate 9-10%. Schwere Kämpfe + viele Gefangene = viele schwerverletzte Gefangene -> viele Tote.

    • @Socrates:

      "Wie viele der 94 waren bei Kämpfen verletzt in isr. Gefangenschaft gefallen? "

      Wow.

      Wie weit will man eigentlich gehen bei der Leugnung von Verbrechen? Kann man denn nicht einfach akzeptieren, dass israelische Soldaten Verbrechen begehen können?



      Unter den Taz Foristen noch nie erlebt, dass die Verbrechen der Hamas bestritten wurden.

      Aber unter JEDEM Artikel zu israelischen (Kriegs-)Verbrechen sofort die Leugner.

      www.btselem.org/pu...08_welcome_to_hell

      Es wird keine medizinische Versorgung geleistet.



      Es wird gefoltert.

  • Ja, da kann man sich schon fragen war zuerst die Henne oder zuerst das Ei da.

  • "Weder Familienangehörigen noch Vertretern vom Internationalen Roten Kreuz wird der Zugang zu den inhaftierten Männern, Frauen und Kindern gewährt. " Woher wissen Sie denn dann so genau Bescheid?

    • @PeterArt:

      "Woher wissen Sie denn dann so genau Bescheid?"

      Weil die Opfer berichteten?



      Glauben Sie denen nicht?



      Weil es Palästinenser sind?



      Glauben Sie auch den israelischen Geiseln nicht?

      Israelische Whistleblower haben auch darüber gesprochen:

      edition.cnn.com/20...leblowers-intl-cmd

      Viele blenden diese Verbrechen natürlich aus, weil es nicht ins gut kontrastierte Weltbild passt.

  • Ein sehr wichtiger Artikel, ich wusste nicht, dass Israel der Hamas sozusagen systematisch Argumente für ihre Gewalt gegen Israel liefert. So erscheint eine Geiselnahme mit Ziel der Befreiung der Gegangenen vielen doch als irgendwie logische Folge?



    Beide Seiten sind so in in einer Spirale von Gewalt und Gegengewalt gefangen, die Basis der Hamas wird immer größer, der Rückhalt der rechten Kräfte in Israel auch. Gefühlt wird das seit Jahrzehnten immer hoffnungsloser.

    Der Friedensplan wird das nicht lösen und wenn es da ungerecht zugeht Wut und Hass verstärken.

    Oder gibt es doch auch irgendwo noch eine Initiative, die auf eine Versöhnung hinarbeitet?

    • @ttronics:

      Es gibt die Tauben immer noch.

      Dass Israel auf Vorrat Leute einsackte, war offenes Geheimnis und goss Wasser auf die Hamas-Mühlen. So züchtet man nur leider Geiselnahmen und bleibt in der Spirale.



      Likud fördert Hamas, Hamas Likud. Doch die Menschen auf beiden Seiten können aus dem Spiel aussteigen, die Israelis einfacher. Das Ende der Besatzung ist ein Schlüssel.

    • @ttronics:

      Man sollte nicht alles glauben, was die Hamas behauptet...

      • @PeterArt:

        Hamas ? BTselem, Physicians for Human Rights, JP oder Le Monde, alles Hamas gesteuert ? Ich finde Ihren Beitrag etwas paranoid .

        • @Jo Lang:

          Wobei Paranoia noch die akzeptabelste Erklärung wäre.

  • > zu keiner einzigen Anklage wegen sexueller Gewalt oder Todesfällen in den Haftanstalten gekommen

    Es kam bereits zu *Verurteilungen* wegen körperlicher Gewalt ohne Todesfolge:

    www.jpost.com/isra...ews/article-842773

    Ist die Formulierung im Artikel deswegen so überspezifisch?

    • @Arne Babenhauserheide:

      Sie ist offenbar genau. Wenn es sexuelle Gewalt in Knästen gibt oder gar Todesfälle, will ansonsten wohl jeder eine rasche und gründliche Aufklärung, oder? Wie wir es sogar von Molwanien fordern würden.

  • Erstaunlich welche Handlungen dem israelischen Staat vom "werteorientierten" Westen immer wieder akzeptiert werden.