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Heulende Fußballer bei der WMAlle Weltmeister im Weinen

Tränen im Fußball sind nichts Neues, aber bei dieser WM wird doch sehr viel geflennt. Was ist mit den Männern los? Zum Heulen gäbe es doch bessere Gründe.

Männer weinen heimlich. Das sang jedenfalls mal Herbert Grönemeyer. Doch die Zeiten sind vorbei. Zumindest auf dem Stadionrasen dieser WM und drumherum. Seit Beginn des Turniers vergeht kaum ein Tag, an dem nicht die Tränen fließen. Erwachsene Männer in verschwitzten Trikots schluchzen, flennen, heulen, lassen ihre Tränen ungehindert über das Gesicht kullern. Aus Glück, Trauer, Frust, Erleichterung, Enttäuschung. Die Emotionen sind vielfältig und oft herzzerreißend, die Zuschauer total gerührt und die Medien lassen keine Träne unkommentiert.

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Die taz bei der Fußball-WM

Der Ball ist rund und die taz ist ihm dicht auf den Fersen. Unsere Reporterin Alina Schwermer ist auf einem Roadtrip (meist) per Bus und berichtet in Reportagen und in ihrem Blog – manchmal auch aus den Stadien, aber noch viel öfter über alles drumherum. Alle Spiele werden von ausgeschlafenen tazler:innen für Sie hier in „Alle Spiele“ kurz zusammengefasst. Dann gibt es das ganz geheime Tagebuch von Fifa-Dingsbums Gianni Infantino. Und alles andere rund um die WM finden Sie hier.

Ist das die neue Männlichkeit? Ist es vorbei mit den harten Kerlen auf dem Feld? Haben selbst die größten Machos nun gelernt, ihren weichen Kern zu akzeptieren? Ist heutzutage nur der, der auch richtig weinen kann, ein richtiger Mann? Sollte man sich darüber freuen? Oder sind das doch bloß alles Waschlappen, die dem Druck einer WM nicht standhalten? Oder noch schlimmer: „performative males“? Was ist da los?

Gut, Tränen im Fußball sind jetzt nichts absolut Neues. In den letzten Jahrzehnten sind sie fast schon zur Normalität geworden. Und doch ist das Ausmaß bei dieser Weltmeisterschaft schon einen näheren Blick wert.

Alles begann mit dem kapverdischen Torwart Vozinha. Direkt in der ersten Spielrunde, nach seinem allerersten WM-Spiel flossen bei ihm die Tränen. Denn Vozinha hatte seinen Kasten gegen Europameister Spanien sauber gehalten. Doch leider konnte er diesen Moment nicht mit seiner Mutter teilen. Die hatte sich nämlich die Kaution von 15.000 Dollar für das Visum nicht leisten können. Wenig später kümmerte sich das US-Außenministerium höchstpersönlich um das Visum. Männliche Tränen können also weiterhelfen.

Keine Emotion scheint mehr peinlich

Jedenfalls sind seitdem alle Dämme gebrochen. Dem Kanadier Stephen Eustáquio kamen die Tränen, als er im Interview nach seinen kürzlich verstorbenen Eltern gefragt wurde, die nicht mit ihm sein Siegtor hatten feiern können. Der Niederländer Cody Gakpo weinte, weil er seinen Treffer seinem ungeborenen verstorbenen Sohn widmete. Vinícius Jr. brach bei einem TV-Interview in Tränen aus, als ihm eine Videobotschaft von seiner Großmutter gezeigt wurde. Keine männliche Emotion scheint mehr peinlich vor der Kamera.

Und dann sind da schließlich noch die Fußballemotionen. Neymar jun. und Lukas Díaz heulen, weil ihre Teams schon im Achtelfinale ausgeschieden sind. Und Messi wiederum, weil Argentinien dieses Schicksal doch noch verhindern konnte. Xhaka, der mit der Schweiz ins Viertelfinale einzieht, weinte vermutlich auch aus Erstaunen. Selbst – und hier wird es bedenklich – Tormaschine CR7 hatte beim Ausscheiden gegen Spanien Tränen in den Augen. Und ziemlich sicher waren die sogar echt. Auch ein CR7 empfindet nun mal Enttäuschung.

Messi ließ seinen Tränen übrigens nicht nur freien Lauf, sondern sprach nach dem Spiel sogar über seine Emotionen: „Ich war sehr traurig, weil ich den Elfmeter verschossen hatte. Ich hatte das Gefühl, die Mannschaft in einem entscheidenden Moment im Stich gelassen zu haben.“

Man fragt sich bei dieser ganzen Weinerei dann doch: Was ist eigentlich mit den Deutschen? Über deren Ausscheiden weinten wohl vor allem die Fans. Bei der Mannschaft überwog doch das Entsetzen. Die hatte dafür aber schon vor der WM geweint, als feststand, dass Lennart Karl doch nicht teilnehmen konnte. War es Mitgefühl, wahre Männlichkeit oder doch nur Verzweiflung? Man weiß es nicht.

Fest steht aber: Männer weinen nicht mehr heimlich in der Kabine, sondern ganz offen und ehrlich auf dem Platz. Das ist doch schon mal ein Fortschritt, aber da ist auch noch Luft nach oben. Bei der WM wünscht man sich oft, dass vielleicht auch jemand mal wegen anderer Dinge weint oder zumindest Emotionen zeigt. Wegen der korrupten Infantino-Trump-Achse zum Beispiel, oder der vielen Personen, denen aus rassistischen Gründen die Einreise verwehrt wurde, wegen der Klimakrise, die durch die Mega-WM zusätzlich angekurbelt wird, und der überteuerten Ticketpreise, der Berge an Müll und jeder Menge weiterer Ungerechtigkeiten. Aber das ist dann vermutlich doch etwas zu viel gewollt.

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