Häusliche Gewalt und Umgangsrecht: Auf schmalem Grat

Väterverbände kritisieren einen Report und eine Studie, die eine Rechtlosigkeit alleinerziehender Mütter gegenüber den Behörden beklagen. Und Experten?

Baby- und Männerfüsse auf steinigem Strand

Steiniger Weg Foto: Stella Mai/plainpciture

BERLIN taz | Gegen die Journalistin Marie von Kuck entlud sich Hass und Wut. Vor ein paar Wochen hat sie in einem Feature für den Deutschlandfunk das Thema Gewalt gegen Frauen aufgegriffen und dabei kritisch auch über die Rolle von Behörden berichtet. Nun hat sie kaum noch Ruhe vor empörten Väterrechtlern. „Geschichten von Frauen zwischen Gewalttätern, Familiengerichten und Jugendamt“, hieß es in der Ankündigung des Hörfunkbeitrags, „von Frauen, gefangen zwischen der Angst vor Gewalt und der Sorge um ihre Kinder“. Titel der Sendung, die nach wie vor in der Mediathek verfügbar ist: „Ihre Angst spielt hier keine Rolle.“

Es ist ein heißes Eisen, erst recht seit sich SPD, Grüne und FDP im Koalitionsvertrag auf einen wichtigen Satz verständigt haben: „Wenn häusliche Gewalt festgestellt wird, ist dies in einem Umgangsverfahren zwingend zu berücksichtigen.“

Väterverbände hier, alleinerziehende Mütter dort – der Streit tobt. Er erreicht auch Journalist:innen, die sich wie Marie von Kuck intensiv mit dem Konflikt befassen. Ein Väterrechtler, laut „Wikimannia“ der ehemalige Geschäftsführer der inzwischen aufgelösten Männerpartei Deutschlands, schrieb von Kuck in drohendem Ton: „Wann verstehen Medienleute, dass dieses System sich gegen sie wenden wird, wenn es mal soweit sein wird?“

Auch der Väteraufbruch (VAfK), einer der wichtigsten Lobbyverbände der Väterrechtler, kritisierte in einer mehrseitigen Stellungnahme das Feature von Marie von Kuck in scharfen Worten. Autorisierte Zitate von Bundesvorstandsmitglied Markus Witt seien „dem ursprünglichen Kontext entrissen“ und „gezielt missbraucht“ worden, um einem Report des Hamburger Soziologen Wolfgang Hammer den Weg zu ebnen, erklärte der Verband. Witt spricht von einer „seit Monaten geführten Desinformationskampagne“.

Verweis auf genetische Elternschaft

Auch die taz hatte Anfang April über Hammers Studie berichtet, laut der ideologische Vorstellungen unter Richtern, Anwälten und Jugendämtern dazu führen, dass man Kinder zu Unrecht von ihren Müttern trennt. Alleinerziehende Mütter, so Hammers Fazit, wären im Umgang mit dem Jugendamt „erheblichen Risiken“ ausgesetzt.

VAfK-Vorstand Witt war in dem DLF-Feature mit folgenden Sätzen zur Sicht von Kindern auf ihre Eltern zitiert worden, in denen es auch um häusliche Gewalt ging: „Das Kind hat keine anderen und es wird diese in der Regel dann auch lieben. Und selbst in Fällen, wo vielleicht tatsächlich Dinge passiert sind mit Gewalt, Missbrauch oder Ähnliches … Man weiß, dass auch diese Kinder diesen Elternteil immer noch lieben. Da merkt man, wie tief auch das drinne ist. Wenn Kinder sich entwickeln, brauchen sie Antworten. Nicht nur verbal. Und diese genetischen Antworten können tatsächlich auch nur die genetischen Eltern liefern.“

Es ist ein schmaler Grat, auf dem sich der Väteraufbruch und seine Mitstreiter bewegen. Einerseits versichert VAfK-Vorstand Witt, häusliche Gewalt dürfe „unter keinen Umständen“ als tolerierbar angesehen werden. Andererseits sagt er, dass die Türen des Vereins „für jeden offen“ stünden: „Selbst wenn in Einzelfällen tatsächlich gewalttätig gewordene Elternteile uns hinzuziehen, lässt dies keinen inhaltlichen Rückschluss auf die Haltung unseres Vereins zu.“ Es sei „zu begrüßen, wenn Elternteile ihr Verhalten reflektieren und unter Umständen auch Initiative zeigen, ihr Verhalten zukünftig zu verändern“.

Wo der Väteraufbruch die Grenzen zieht, wenn sich gewalttätig gewordene Männer an ihn wenden, ist nicht ganz klar. In den Beratungsrichtlinien des Vereins wird Verständnis bekundet für Väter, die „durch eine Scheidung alles verlieren: ihre Familie, die Partnerin, die Kinder“. Dies sei eine „besondere psychische Belastungssituation“, heißt es. Der VAfK gibt zu: „Äußerlich reagieren Männer auf diese Gefühle vereinzelt aktionistisch und aggressiv, teilweise mit Wut und Gewalt oder auch depressiv, bis hin […] zum Suizid.“

Studie als „Geschwurbel“ kritisiert

Hilft der Väteraufbruch in solchen Fällen, dass Männer ihr Gewaltproblem in den Griff bekommen? Oder bietet er auch Strategieberatung, um Väter, die ihre Frauen verprügelt haben, bei der Durchsetzung von Umgangsrechten zu unterstützen? Relativiert er so Partnerschaftsgewalt?

Sicher ist: Die Väterverbände munitionieren sich – auch für ihre Lobbyarbeit bei der neuen Bundesregierung. Die Studie von Wolfgang Hammer sei „Geschwurbel“, moniert etwa „Eltern für Kinder im Revier“. Es ist eine Initiative, die auch der Bundesfamilienministerin Lisa Paus (Grüne) vorwirft, „Eltern-Kind-Entfremdung“ – so das Schlagwort – als „Form psychischen Kindesmissbrauchs“ zu leugnen oder sogar zu fördern.

Von Expertenseite gibt es unterschiedliche Reaktionen auf die Debatten. Die Neue Richtervereinigung erklärte, Hammers Analyse zum Familienrecht sei „kein seriöser Beitrag zur Diskussion“. Der Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes, Heinz Hilgers, sagte hingegen der Schwäbischen Zeitung, die Studie liefere wichtige Hinweise auf Schwachstellen bei Familiengerichten und Jugendämtern.

In diesem Bereich erfahrene Rechtsanwältinnen kennen zahlreiche Fälle, in denen erlittene Gewalt bei der Lösung von familiären Konflikten ausgeblendet wird, sowohl von der Justiz als auch von den Jugendämtern. Die Rechtsanwältin Christina Clemm twitterte vor ein paar Tagen: „Väterrechtler, die sich nicht explizit gegen #GewaltGegenFrauen und patriarchale Strukturen einsetzen, interessieren sich nicht für das Wohl der Kinder, sondern für ihre eigenen Rechte.“ Die Rechtsanwältin Asha Hedayati empfahl die Reportage von Marie von Kuck als „wirklich gutes und starkes Feature zu Partnerschaftsgewalt und wie schwer es Frauen gemacht wird, sich und ihre Kinder zu schützen“. Sie warb: „Das sollten alle Fa­mi­li­en­rich­te­r:in­nen und Jugendämter in Deutschland hören.“

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