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HBO-Serie „Half Man“Düsteres Bild von moderner Männlichkeit

Die neue Serie von Richard Gadd lässt sich nicht auf einen moralischen Nenner bringen. Erzählt wird von zwei männlichen Schicksalen – ohne Katharsis.

Vor zwei Jahren wurde „Rentierbaby“ zum weltweiten Überraschungserfolg, ein Sechsteiler, in dem der Autor, Komiker und Schauspieler Richard Gadd persönliche Erfahrungen mit einer Stalkerin und andere Details seiner Biografie verarbeitete.

Mehr als nur nebenbei ging es dabei allerdings auch um den Umgang mit traumatischen Erfahrungen und deren Spätfolgen sowie das Ausloten der eigenen, männlichen Identität. Und genau diese Themen stehen nun auch im Zentrum von Gadds neuer Serie „Half Man“, gerade angelaufen bei HBO Max.

Gleich in der ersten Szene stehen sich zwei höchst unterschiedliche Männer gegenüber: Niall (Jamie Bell) ist adrett in typisch schottische Hochzeitstracht gewandt, ihm gegenüber hat Ruben (Gadd selbst) sich obenherum seiner Kleidung entledigt, die Hände wie ein Boxer bandagiert.

„Half Man“

bei HBO Max.

Zwischen angespannt und konfrontativ, intim und erotisch aufgeladen schwankt die Atmosphäre in diesem Moment, doch daran, dass diese Begegnung kein harmonisches Ende nimmt, besteht kein Zweifel.

Beschützer gegen Bullys

Immer wieder springt „Half Man“ hin und her zwischen der Gegenwart, in der Niall seinem Partner Alby das Ja-Wort gibt, und der Vergangenheit, in der er und Ruben in ihrer Jugend etliche Jahre wie Brüder aufwuchsen, weil ihre Mütter ein Paar waren.

Als in den frühen 80er Jahren der 17-jährige Ruben (Stuart Campbell) aus der Jugendstrafanstalt entlassen wird, muss er sich mit dem zwei Jahre jüngeren Niall (Mitchell Robertson) das Zimmer teilen. Der sensible Teenager, der zu jenem Zeitpunkt noch weit davon entfernt ist, sich mit seiner Homosexualität auseinanderzusetzen, wagt kaum, mit dem unberechenbaren Draufgänger zu interagieren.

Als sich allerdings Ruben in der Schule zu Nialls Beschützer gegen Bullys aufschwingt, entsteht zwischen den beiden doch noch eine Nähe, die immer wieder auch Grenzen überschreitet. Etwa, wenn der Ältere bei der unfreiwilligen Entjungferung seines Quasi-Bruders durch die eigene Freundin behilflich ist.

Er habe mit dieser Geschichte, sagte Gadd gegenüber der taz im Interview, nicht die ganz großen gesellschaftspolitischen Fragen beantworten, sondern sie auf individuelle Figuren und Erfahrungen herunterbrechen wollen.

Im Schatten abwesender Vaterfiguren

Doch es ist ein düsteres Bild, dass er dabei von moderner Männlichkeit zeichnet. Niall und Ruben klammern sich aneinander im Schatten abwesender Vaterfiguren und vereint im Unvermögen, die eigenen Ängste und Gefühle zu artikulieren. Jeder Befreiungsakt ist mangels gründlicher Traumaaufarbeitung immer nur von vorübergehender Dauer, und die Brutalität in ihrer co-abhängigen Beziehung über die Jahre mindestens so sehr psychischer wie körperlicher Natur.

Weil beide Männer, geprägt mehr noch durch die vermeintliche Aussichtslosigkeit ihrer sozialen Herkunft als durch das gesellschaftliche Klima ihrer Zeit, auf ihre jeweils ganz eigene Weise zutiefst toxisch und selbstzerstörerisch sind, und „Half Man“ über weite Strecken den in „Rentierbaby“ immer präsenten Humor vermissen lässt, ist die Serie mitunter schwer zu ertragen.

Im konsequenten Zulassen und Ausloten von moralischen und emotionalen Grauzonen ist Gadd allerdings meisterlich, und auch schauspielerisch wird hier Großes geboten. Nur auf eine Katharsis dürfen Zuschauende angesichts von so viel Schmerz und Verzweiflung nicht hoffen. Und auf Frauenfiguren, die mehr sind als zweidimensionale Stichwortgeberinnen, leider auch nicht.

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