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TrauerbewältigungDas Nichts fühlen

Wie soll es weitergehen, wenn plötzlich Verwandte und Freunde in kurzen Abständen sterben? Wie soll man umgehen mit der Trauer und der Leere?

Von Tod, entmilitarisierten Männern, und rauschenden Bäumen Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

D ie Bäume rauschen, die Sonne scheint. Auf den Parkplatz, die Autos, das Supermarkt-Schild. Ich denke: schön. Und dann: Hör auf, es schön zu finden.

Zu viele Menschen, die mir nahe standen, sind gestorben. Zuerst mein Stiefvater. Dann mein Vater, kurz darauf mein Opa. Vor einem Monat ein alter Freund aus meiner Heimat und ein weiterer aus meiner alten Band. Vor einer Woche mein Onkel.

Sie alle starben an ihren eigenen Kriegen. Sie fanden nie ihren Frieden. Es mag eine Kette von Zufällen sein, doch es fühlt sich nicht so an. Die sechs Toten haben alle etwas gemeinsam. Sie waren Männer.

Aufgewachsen in einem Land, in dem Gefühle irgendwann gefährlich wurden. Männer, die ihr Inneres entmilitarisiert haben. Übrig blieb Schweigen.

Das Nichts fühlen

Ich könnte jetzt weiter schwadronieren. Sagen: toxische Männlichkeit. Dass du nicht selbst toxisch sein musst, um davon regiert zu werden. Es schwebt stets herum wie ein Gas auf der Suche, irgendwo fest zu werden. Vorzugsweise in Körpern, die dann keine Schwäche zeigen und sich nicht helfen lassen können.

Doch das will ich nicht sagen. Große Begriffe verleiten nur dazu, das Denken zu beenden und das Leise zu übertönen.

Die Sonne scheint immer noch. Irgendwo da draußen ist immer ein Krieg.

Ich habe das Gefühl, ich kann nichts fühlen. Ich kann das Nichts fühlen. Ich lasse meinen Kopf in den Nacken fallen und starre ins Leere. Doch es gibt keine Leere. Die Leere ist voll. Voll mit Stimmen, die schon zu meinen Toten sprachen. „Stell dich nicht so an“, sagt eine besonders schlaue.

Wer steht mir nah?

Täglich führe ich Ringkämpfe mit Traurigkeit. Von außen sichtbar ist dann nur eine Hülle in zu großen Sneakern, die auf dem Bürgersteig stehen bleibt und mit Toten spricht:

„Ihr Lieben, ich vermisse euch. Aber nicht die Welt, die euch gemacht hat.“

Heute setzt sich die Hülle nach einigen Minuten in Bewegung. Zur Ausstellung von Mark Leckey in der Julia Stoschek Collection in Berlin. Die großen Augen der tanzenden Ra­ver:­in­nen in der Videoinstallation sind näher an der Wirklichkeit als meine Trauer. Sie wirken vertraut. Vielleicht, weil ich mehr Zeit anonym in Clubs verbracht habe als mit jenen, die in den letzten Monaten starben.

Die Autorin Clarice Lispector schreibt in „Todas as crónicas “, sie brauche keinen Schmerz, um zu beweisen, dass sie lebe – es genüge ihr, dass ihr Herz in der Brust schlage wie ein blindes Tier, das gegen eine Wand rennt.

Sie würden schweigen

Wie verwöhnt musst du sein, um diesen Satz nicht zu zerschlagen und die Trümmer auf Bluesky zu posten? Was würde mein Vater dazu sagen, zu so viel Zärtlichkeit, und mein Stiefvater und mein Opa und mein Onkel und meine Freunde?

Ich ahne es. Sie würden gar nichts sagen. Sie würden schweigen. Sie würden es in ihrer Brust einschließen. Dort würde es weiterarbeiten wie der Pilz aus „The Last of Us“, der das Nervensystem übernimmt. Ein Parasit, der sie von innen auffrisst.

Trauer macht bescheuert. Trauer macht pathetisch, lächerlich, hart und bitter. Und wenn ich nicht aufpasse, dann bleibt sie.

Abends sitze ich im Musikstudio und versuche, die Trauer in Bewegung zu halten. Ich spiele einen Bass ein, als würde ich versuchen, den Takt des Herzens von Lispector künstlich nachzubauen. Falls meins mal unerwartet aussetzt. Wie das der anderen.

Irgendwo da draußen ist immer ein Krieg. Manchmal reicht es, das zu spüren. Und sich ganz langsam zu entwaffnen.

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Philipp Rhensius
Autor
Philipp Rhensius ist Autor, Journalist, Musiker und Editor von Norient. Seine Texte kreisen um die Mikropolitik des Alltags sowie um Affekt und Klasse – getrieben von der Idee, dass das Fühlen der Ketten der erste Schritt zur Emanzipation ist. Er liest und performt international sowie auf Berlins Poetry-Bühnen. Sein 2025 erschienenes Buch "Home Is Where the Heart Strives" versammelt Essays, Gedichte und Artikel von 85 Stimmen – unter anderem von McKenzie Wark, Gisela Swaragita und Sally Garama – aus 38 Ländern zu Migration, Zugehörigkeit und Musik. Als Alienationist verbindet er Spoken Word mit tiefen Bässen, Live-Percussion und melancholischem Futurismus.
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