Gewalt gegen Obdachlosen in Osnabrück: Täter filmten sich beim Angriff
In Osnabrück wurde ein Obdachloser Opfer eines brutalen Angriffs. Die Verdächtigen nahmen die Tat mit dem Handy auf. Das brachte die Polizei auf ihre Spur.
Das Video, das den brutalen Angriff zeigt, dem in der Nacht auf den 20. Juni um kurz nach drei Uhr ein mutmaßlich Obdachloser im niedersächsischen Osnabrück zum Opfer gefallen ist, in der Innenstadt-Fußgängerzone der Großen Straße, ist zutiefst verstörend.
Es zeigt den passiven wirkenden, dunkelhäutigen 33-Jährigen, dem ein junger Mann nach verbaler Anstachelung durch einen Dritten, der offenbar die Kamera hält und dessen Stimme im Video zu hören ist, mit aller Kraft eine Bierflasche ins Gesicht schlägt.
Das Glas zersplittert. Der Getroffene bricht zusammen, liegt vor einem Schaufenster. Der Angreifer schlägt dem Wehrlosen danach noch mehrfach ins Gesicht und tritt ihm gegen den Kopf. Der Angegriffene wird dabei schwer verletzt, er erleidet Frakturen.
Mutmaßlicher Haupttäter ist ein 16-Jähriger. Ein 18-Jähriger soll die Tat gefilmt haben. Nachdem sie von ihrem Opfer abgelassen hatten, flüchteten sie. Zeugen, die all das beobachteten, alarmierten die Polizei. Die war innerhalb weniger Minuten vor Ort. Rasch war klar: Die Tätergruppe war fünf oder sechs Personen stark.
Ermittlungen erst Wochen später
Der entscheidende Ermittlungsanstoß kam Wochen später. Das 38 Sekunden lange Video wurde der Presse zugespielt und gelangte durch sie zur Polizei. Parallel dazu wurde es von Dritten in einer Osnabrücker Wache der Polizei übergeben. Diese prüfte es auf Echtheit, schloss KI-Fake aus und identifizierte schließlich zwei Verdächtige.
Wolfgang Beckermann, Erster Stadtrat
Zu dem beklemmenden Video, dass die Tat zeigt, sagt Jannis Gervelmeyer, Sprecher der Polizeiinspektion Osnabrück, der taz: „Es wurde uns vergangenes Wochenende zugespielt. Davor hatte es offenbar schon eine ganze Weile im Türstehermilieu in Osnabrück und im Nordkreis der Stadt kursiert.“ Fatal sei, sich vorstellen zu müssen, „dass viele Menschen es gesehen haben, ohne sich bei uns zu melden“.
Dass es die Täter selbst waren, die ihre Tat gefilmt haben, kommentiert Gervelmeyer so: „Wir sehen da einen wirklich gefährlichen Trend: Man dokumentiert sich selbst bei seinem kriminellen Tun, vermutlich um Bestätigung in der eigenen Bubble zu erhalten. Das hatten wir auch in anderen Fällen schon, und das ist wirklich äußerst besorgniserregend.“
Polizei sieht keine Indizien für rassistisches Motiv
Am Mittwoch kam es bei den beiden Haupttätern, beide aus dem Landkreis Osnabrück, zu Hausdurchsuchungen. „Dort wurden Handys als Beweismaterial sichergestellt“, sagt Gervelmeyer. „Die Ermittlungen dauern derzeit an.“
Der Polizei liegt übrigens noch ein zweites Video vor, aus derselben Quelle, 13 Sekunden lang. Jannis Gervelmeyer: „Es zeigt den Täter in anderer Kleidung, mit blutigem Gesicht, blutiger Hand. Aber einen Bezug zur Tat vom Juni, etwa als Vorgeschichte, schließen wir aus.“ Es sind also noch viele Fragen offen. Ob ein rassistisches Tatmotiv vorliegt, kann Gervelmeyer „weder bestätigen noch dementieren“. Es lägen dazu keinerlei Indizien vor.
Das Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Osnabrück richtet sich bisher gegen drei Beschuldigte, zwei Jugendliche und einen Heranwachsenden, wird also nach Jugendstrafrecht geführt. Im Raum steht der Tatvorwurf der gefährlichen Körperverletzung.
Wenig Übergriffe auf Obdachlose in Osnabrück
Die Tat steht singulär. „Gegen Obdachlose gibt es zum Glück in Osnabrück sehr wenig Übergriffe“, sagt Heinz Hermann Flint, Fachbereichsleiter Soziale Dienste SKM, der taz. „Und wir erleben da derzeit auch keine Steigerung.“ Der SKM, der sich als Fachverband der Caritas engagiert, bietet in Osnabrück ambulante und stationäre Hilfen sowie Beratungsangebote für Menschen in Wohnungsnot und ist nah am Puls der Szene. Er ist Herausgeber der Straßenzeitung Abseits!? und betreut rund 150 Obdachlose.
Auch die Stadt Osnabrück ist schockiert: „Die Aufnahmen dieses grausamen Angriffs auf einen wohnungslosen Menschen machen mich zutiefst betroffen, wütend und fassungslos“, schreibt der Erste Stadtrat Wolfgang Beckermann der taz. Er ist zuständig für Bildung, Kultur und Familie und Vertreter der Oberbürgermeisterin. „Wer einen wehrlosen Menschen attackiert, greift die fundamentalen Werte unseres Zusammenlebens an.“ Dass die Tat gefilmt und der Täter offenbar auch noch angefeuert wurde, zeige eine erschütternde Menschenverachtung.
Die Stadt Osnabrück verurteile diese Tat auf das Schärfste. „Unsere Gedanken sind bei dem Opfer. Wir vertrauen darauf, dass Polizei und Justiz den Fall lückenlos aufklären und alle Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen. Gewalt, Menschenverachtung und Verrohung dürfen in Osnabrück keinen Platz haben.“
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