„Gen Z regelt“-Proteste : Keiner muss an Halloween auf die Straße gehen
Nach den Unruhen von Paris und Mailand fragte die Presse unablässig nach hiesigen Protesten. Niemand muss diese Erwartungshaltung erfüllen.
Foto: Michael Ukas/dpa
D er Slogan klingt arg lässig. Mit den Worten „Gen Z regelt“ mobilisiert eine Gruppe gerade für Demonstrationen an Halloween, die in Hamburg, Bremen und Hannover und 29 weiteren Städten stattfinden sollen. Der Aufruf ist nach den Krawallen von Paris und, wie der Stern berichtete, auch ein bisschen mithilfe von künstlicher Intelligenz formuliert worden. Auf der Website der Gruppe können sich junge Menschen ein Ticket für die Demo in ihrer Stadt ziehen. Ein Klick, ein Ticket und eine Rangliste, die anzeigt, welche Stadt „am lautesten“ sein wird: „Hol dir dein Ticket und bring deine Stadt auf Platz 1!“.
„Gen Z regelt“, das könnte übersetzt heißen: Die mit dem Buchstaben Z bezeichnete Generation der zwischen 1995 und 2010 Geborenen nimmt sich vor, die anstehenden Probleme zu lösen. Und sie beginnt mit einer Demo an Halloween, aber ohne Halloween-Masken, weil auf Demos ein Vermummungsverbot gilt.
Auch wenn ihre Demo-Hitliste es schon auf fast 146.000 Klicks bringt und eine gewisse Faszination ausüben mag, wirken die Forderungen zu Bildung, Alltag, Gerechtigkeit, Wehrpflicht, Grundrechte und Klima etwas glatt formuliert und allgemein.
Mehr „Geld für Schulen, Suchthilfe und Psychotherapie“ zum Beispiel leuchtet erstmal ein, nur ist Bildung in Deutschland Ländersache. In Hamburg zum Beispiel wurde viel Geld in den Schulbau investiert, gleichwohl wird hier aktuell an Gymnasien und Oberstufen gespart. Aber gut, so konkret kann so ein bundesweiter Aufruf natürlich nicht werden.
Bundesschülerkonferenz (BSK) darüber, warum sie sich von den „Gen Z regelt“-Demos distanziert
Die angekündigten Demos erhalten ungewöhnlich viel Gegenwind. Sogar die Bundesschülerkonferenz (BSK) hat sich distanziert. „Wir wollen nicht weniger laut werden – wir wollen gezielter gehört werden“, schreibt sie und kündigt ein Engagement für „ausreichend Personal und gute Lernbedingungen“ an. Gleichwohl warnt sie vor der Gefahr, bei den Halloween-Demos könnten junge Menschen „Spielball politischer Instrumentalisierung“ werden.
Diese Distanzierung mag auch mit dem heißen Eisen Wehrpflicht zusammenhängen. „Gen Z regelt“ lehnt die Wehrpflicht ab und schreibt: „Wir sollen für Kriege ausgebildet werden, für die wir nie mitentschieden haben.“ Die Kürzungen gingen auf Kosten der Jugend, „während Großunternehmen profitieren und Milliarden in Aufrüstung fließen“. Die Bundesschülerkonferenz hat zur Wehrpflicht keine einheitliche Position, wie ein Mitglied sagt. Dabei hat die junge Generation bei der Wehrpflicht ein Thema, was nur sie betrifft. Und mit den Halloween-Demos könnte der Anti-Wehrpflicht-Protest eine bisher nicht bekannte Breite erreichen.
Und doch ist es seltsam, wenn nur von einer kleinen Gruppe im Netz eine Massenbewegung organisiert wird. In Hamburg, wo laut Website mehr als 8.000 Teilnehmer ein Ticket buchten, findet laut Polizei keine eigene, der „Gen Z regelt“-Bewegung zuzurechnende Demo statt. Es sei unter dem Tenor „Gegen Wehrpflicht“ ein Aufzug mit 1.000 bis 2.000 Teilnehmern angemeldet worden, der vom Jungfernstieg in die Innenstadt ziehen soll, berichtet ein Polizeisprecher. Man rechne aber damit, dass sich potenzielle „Gen Z regelt“-Demoteilnehmer diesem Aufzug anschließen. Wie die Polizei am Freitag mitteilte, hat der Anmelder jener Demo inzwischen den Namen in „Gegen Wehrpflicht – GenZ regelt!“ geändert. Auch auf dem Instragramm Acount von Gen-Z-regelt Hamburg sagte ein Sprecher: „Die Demo wird laufen wie geplant und auch beworben“.
Hamburgs Polizei droht
Die Hamburger Polizei erklärte, sie rechne mit einem störungsfreien Verlauf, sei aber mit mehreren Hundertschaften präsent, auch in den Stadtteilen Harburg, Wilhelmsburg, Billstedt und Steilshoop. „Krawallmacher“ würden mit allen Mitteln aus ihrer vermeintlichen Anonymität geholt, so der Sprecher. Auch Drohnen würden dafür eingesetzt. Das klingt bedrohlich.
Halloween, das ist in Hamburg eigentlich der Tag, an dem die Straße der Jugend gehört, wo auch mal Böller fliegen, einfach so. Dass nun die „Gen Z regelt“-Mobilisierung gerade so groß wird, ist auch Ergebnis der Berichterstattung. Es war die Presse, die nach den Unruhen von Paris und Mailand unablässig die Frage nach hiesigen Protesten stellte. Doch um eine Erwartungshaltung von wem auch immer zu erfüllen, sollte kein junger Mensch auf die Straße gehen.
Anmerkung der Redaktion: Der Artikel wurde nach Erscheinen um den Hinweis auf den neuen Namen der Demonstration ergänzt.
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