piwik no script img

Geflüchtetenhelfer über Lage in Ceuta„Wir werden mit dem Tod bedroht und durch die Stadt gejagt“

Nolte Bauer hilft mit Mission Lifeline in Ceuta. Er erzählt von Bedrohungen und Angriffen und was die EU tun könnte, um die Situation zu entschärfen.

Gustav Cattapan

Interview von

Gustav Cattapan

taz: Sie sind für die NGO Mission Lifeline in Ceuta, was genau machen Sie dort?

Nolte Bauer: Mission Lifeline ist seit der ersten Augustwoche vor Ort und versucht, das Schärfste abzumildern. Wir organisieren Schlafplätze, Essen und auf den ersten Blick banale Dinge wie Aufladestationen für Handys, damit Geflüchtete weiter mit ihren Familien in Kontakt bleiben können. Vor den Camps bilden sich Schlangen an Geflüchteten, sobald unser Truck am Horizont sichtbar ist. Bei Einbruch der Dunkelheit müssen wir unsere Arbeit dann beenden.

taz: Wieso das?

Bauer: Die Camps sind noch die sichersten Orte für uns Einsatzkräfte. Sobald wir als Hel­fe­r*in­nen erkannt werden, werden wir andauernd gefilmt, bedroht und bedrängt. Nachts nimmt es ein Ausmaß an, dass wir nicht mehr arbeiten können. Noch bedrohter sind die obdachlosen Geflüchteten. Die haben aber keine Wahl, das Camp nimmt nur 30 bis 40 neue Menschen am Tag auf. Sie müssen auf der Straße übernachten und sind rechtsextremen Mobs und wütenden Anwohnern ausgeliefert.

Im Interview: Nolte Bauer

28, ist Vorstandsvorsitzender der Dresdner NGO Mission Lifeline.

taz: Wie erleben Sie die Stimmung generell vor Ort?

Bauer: Wir werden bei unserer Arbeit gestört und beleidigt – zum Glück verstehe ich kein Spanisch. Jemand hat versucht, die Reifen unseres Trucks aufzustechen. Vor einer Woche wurde unser Team in der Nähe einer rechten Demonstration erkannt, wir wurden mit dem Tod bedroht und durch die Stadt gejagt. Gemeinsam mit einem älteren marokkanischen Mann auf Krücken haben wir uns in einer Tiefgarage versteckt – sonst hätte das schlimmer ausgehen können. In der folgenden Nacht haben Rechte ein Geflüchteten-Camp angezündet, nicht zum ersten Mal.

taz: Können Sie die Wut der Anwohnenden verstehen? Dass die Situation eine Überforderung für die 80.000-Einwohner-Stadt sein kann?

Bauer: Die Ein­woh­ne­r*in­nen von Ceuta sind unfreiwillig in die Lage versetzt worden, die Ideologie der EU auf ihrem Rücken auszutragen. Wir haben Verständnis für Demonstrationen und wir finden auch, dass es nicht adäquat ist, hier 5.000 bis 10.000 Menschen unterzubringen. Aber den vielen wohnungslosen Geflüchteten geht es deutlich schlechter als den Spa­nie­r*in­nen in ihren Wohnungen. Vor einigen Tagen mussten wir zwei 14-jährige marokkanische Jungs, die zusammengeschlagen und mit Pfefferspray besprüht worden waren, versorgen. Die Reaktion der Anwohner war, dass sich eine Traube aus Männern gebildet hat, die uns beschimpft haben und gesagt haben, dass diese Jungs kriegen, was sie verdienen.

Der Schlagstock sitzt für kleinste Sachen sehr locker

Nolte Bauer, Mission Lifeline

taz: Wie geht denn die Polizei mit den Geflüchteten um?

Bauer: Die Polizei geht mit überzogener Härte gegen die Geflüchteten vor, der Schlagstock sitzt für kleinste Sachen sehr locker. Uns wurde mehrfach berichtet, dass die Polizei und das Militär gerade nachts Gewalt gegen sie ausüben, Telefone zerstören und Wertgegenstände klauen.

taz: Wie ist die humanitäre Situation vor Ort?

Bauer: Die Gesundheitsversorgung ist miserabel, das Rote Kreuz kommt gar nicht mehr hinterher. Es werden Camps aufgebaut, um die Menschen von der Straße zu bekommen, aber viel zu langsam. Menschen, die ihr Recht ausüben, die Landesgrenze zu überqueren, um nach Asyl zu fragen, müssen am Strand schlafen. Sie haben kaum Zugang zu sanitären Anlagen und sind immer wieder der lokalen aufgestachelten Bevölkerung und Rechtsextremen ausgeliefert. Das kann nicht das Maximum sein, was die EU zu bieten hat. Es gibt 452 Millionen Menschen in der EU, selbst wenn hier 100.000 Geflüchtete wären, würde es niemand überhaupt merken, wenn alle verteilt auf die EU-Mitgliedsstaaten geregelte Asylverfahren bekommen.

taz: Wie, denken Sie, wird es weitergehen?

Bauer: Unter dem öffentlichen Auge werden hier Geflüchtete misshandelt, ohne dass es jemanden juckt, und ich befürchte, dass sich das Ganze hier noch Monate zieht. Mission Lifeline setzt jetzt verstärkt Einsatzkräfte in Ceuta ein, die sonst in Krisengebieten wie der Ukraine oder Afghanistan arbeiten. Ohne die wäre unsere Sicherheit nicht zu gewährleisten. Das alles ist das Ergebnis der Hetze von konservativen bis rechtsextremen Parteien, die über Ceuta nur von Invasion, Strömen und Abwehr reden – das sind alles Kriegsbegriffe.

Die taz schreibt, redet und diskutiert für Pluralismus und eine freie, offene Gesellschaft – besonders jetzt, wo der Rechtsextremismus weiter erstarkt und demokratische Institutionen angreift. Dort wo rechtsextreme Kräfte an Zustimmung gewinnen, wächst auch die Befürchtung vor zunehmenden Angriffen und Diffamierungen gegen Gegner*innen extrem rechter Politik. Besonders selbstverwaltete Orte spüren diesen Druck, dabei brauchen wir gerade jetzt Orte der Kritik, (Sub)Kultur und der Solidarität. Gerade jetzt müssen wir zusammenhalten und uns solidarisch mit denjenigen zeigen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit „Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema
Fotomontage eines wochentaz-Titels und dem Buchcover „Autoritäre Rebellion“ von Andreas Speit

10 Wochen taz + Sachbuch „Autoritäre Rebellion“

Zeiten wie diese brauchen Seiten wie diese: unabhängig, konzernfrei und mit klarer Kante gegen Faschismus, Rassismus und Rechtsruck. Teste jetzt die taz und erhalte das neue Buch „Autoritäre Rebellion“ von Rechtsextremismus-Experten Andreas Speit als Prämie.

  • Das neue Buch „Autoritäre Rebellion“ von Andreas Speit als Prämie
  • Die wochentaz jeden Samstag frei Haus + digital in der App
  • Die tägliche taz von Mo-Fr digital in der App
  • Zusammen für nur 28 Euro

10 Wochen taz + Buch „Autoritäre Rebellion“

Jetzt bestellen

15 Kommentare

 / 
  • *Sabine*

    Beide Seiten sollten auf Gewalt verzichten. Es sind nicht nur die Einheimischen, die Gewalt ausüben, auch die Geflüchteten scheinen sich nicht ausschließlich zu verteidigen, wenn man anderen Medien glauben darf. Wobei ich nicht weiß, was stimmt.

  • Astrid Sehnefeld

    "taz: Können Sie die Wut der Anwohnenden verstehen? Dass die Situation eine Überforderung für die 80.000-Einwohner-Stadt sein kann



    Bauer: Die Ein­woh­ne­r*in­nen von Ceuta sind unfreiwillig in die Lage versetzt worden, die Ideologie der EU auf ihrem Rücken auszutragen."



    Völlige Verklärung der Wirklichkeit.



    Es liegt nicht an der EU, dass tausende illegale Migranten in Ceuta gestrandet sind, sondern an ausländischen Akteuren, die durch absichtliche Verbreitung von Fehlinformationen den Massenansturm auf Ceuta ausgelöst haben.



    Gefangen sind die Migranten in Ceuta, weil Marokko sich verständlicherweise weigert, diese Menschen, die Marokko selbst auch nicht loswerden kann, zurückzunehmen.



    Spanien kann auch nicht nachgeben, sonst hätte sich der Grenzsturm als probat erwiesen und würde Schule machen.



    Außenlager sind noch nicht fertig und Italiens Lager bietet nur Platz für 1.200 Migranten aktuell, der Kapazitätsausbau auf 3.000 ist nur geplant.



    Die Wahrheit ist, niemand weiß wohin mit den Migranten. Ceuta verfügt auch nur über einen Hubschrauberlandeplatz - ausfliegen in Heimatländer wäre nur über Partnerflughäfen möglich, wobei freilich kein Herkunftsland die Migranten zurücknehmen will.

  • Perkele

    Aus interessierten Kreisen von rechts bis faschistisch wird die einheimische Bevölkerung aufgehetzt. Das ist in Ceuta nicht anders als in Radevormwald, Sedan oder in Denver. Anstatt dass die Verantwortlichen in der jeweiligen Regierung mit progressiver Aufmerksamkeit, Empathie für ALLE Beteiligten aufbringen und an vernünftigen Lösungen arbeiten, halten sie sich zurück und hängen ihre Fahnen in den Wind des persönlichen Vorteils. Der größte Teil der Leute hält sich raus und zuckt mit den Schultern - in christlicher Nächstenliebe...

  • Ruhig bleiben

    Und genau da ist wieder dieses "Ich verstehe deren Sorgen, ABER ....". Das Gleiche Spiel wie in Ostdeutschland.

    Wird auf die Sicht der Bevölkerung eingegangen? Nein. Müll, gestiegene Kriminalität usw.

    Die Bevölkerung bleibt eine gesichtslose Masse, die bei Bedarf gelegentlich moralisch in die Nähe von Rechtsextremen gerückt wird, wenn sie ihren Unmut(und bevor mir hier jemand was unterstellt: Nein, mit Unmut meine ich nicht Gewalt) äußert.

    • kma

      @Ruhig bleiben:

      Das mag in Teilen richtig sein. Ich weiß nicht genau ob hier nicht trotzdem Rechtsextreme gemeint sind, davon hat Spanien ja auch genug.



      Wenn man spanische Medien quer liest, ergibt sich ein Bild, das eher ein Spektrum zeichnet. Von den spanischen Staatsbürgern in der Stadt scheint niemand zufrieden aber die Wahrnehmung von Problemen und der Umgang damit ist nicht einheitlich.

  • Marwei

    Na ja, die ganze Medaille hat ja zwei Seiten...Fakt ist, das die meisten der Migranten Marokkaner sind, die keinen Fluchtgrund haben, viele von ihnen minderjährig. Hier sieht niemand ein, dass man sie schützen müsste. Sie wollen nach Europa, um sich ein besseres Leben zu ermöglichen. DAGEGEN gibt es Proteste. Von den anderen aus Sub-Sahara Afrika haben sicherlich einige Anspruch auf Asyl und die werden das spanische Festland auch erreichen.

    • *Sabine*

      @Marwei:

      "... viele von ihnen minderjährig."

      Wenn sie Ausweisdokumente mit sich führen, ist das darin angegebene Alter rechtsverbindlich. Dann müssten doch aber auch die Eltern ausfindig gemacht werden können.

      Wenn die Person keine Ausweispapiere dabei hat, aber angibt, minderjährig zu sein, gilt im spanischen Recht grundsätzlich die Vermutung der Minderjährigkeit.

      Ein Staatsanwalt kann zwar ein Altersfeststellungsverfahren einleiten, aber ich gehe nicht davon aus, dass die Kapazitäten vor Ort dafür ausreichen.

      Insofern weiß ich nicht, inwiefern die Angaben zur Anzahl der Minderjährigen belastbar sind.

  • economista

    Nehmen wir die alte Geschichte vom Samariter, der dem unter die Räuber gefallenen Fremden hilft. Er zahlt dem Wirt zwei Silberlinge für Unterbringung und Pflege und verspricht, später noch nachzuzahlen, sollten diese nicht reichen. Nächstenliebe wäre demnach nicht nur, Notleidenden dorthin weiterzuhelfen, wo es ihnen mutmaßlich gut gehen wird, sondern vielmehr selbst für ihren Unterhalt aufzukommen, sollten diese ihn selbst nicht bestreiten können.

    • Timo Schröder

      @economista:

      Jupp, der Unterschied es war eine einmalige Leistung bis es dem Mann wieder gut ging und er nach Hause könnte. Es kamen keine weiteren nach!



      Im Fall CEUTA würde das bedeuten, kurzfristig helfen und dann nach Hause bringen.



      Helfen würde auch Strafverfolgung massiv gegen diejenigen durchzusetzen die Falschmeldungen zur Grenze verbreiten!

      • kma

        @Timo Schröder:

        Letzteres auf jeden Fall, auch wenn das schwierig wird.

  • Ingrid Schleyer

    Mich würde in Berichten interessieren, was die Gründe sind, warum diese Menschen nicht zurück in ihr Heimatland gehen. Sind sie Schutzsuchende, weil sie verfolgt werden oder Armutsflüchtlinge oder weil sie keine Zukunftsperspektive in ihrem Land haben. Welche Gründe werden genannt?

    • kma

      @Ingrid Schleyer:

      Andere Medien fassen das mit Armut, Arbeitslosigkeit und fehlender Zukunftsperspektive zusammen.

  • Christof Abt

    Man hat den Einheimischen ihr vorheriges Leben genommen. Das wollen sie wieder zurück haben. Mit rechter Hetze hat das nichts zu tun

    • *Sabine*

      @Christof Abt:

      Ich stimme Ihnen zu und finde Ihren ersten Satz sehr einfühlsam. Meiner Meinung nach haben sich diejenigen, die den Sachverhalt auf "Hass, Hetze, rechts" einschränken, sich nicht ausreichend damit befasst, wie sich die Lebensverhältnisse in Ceuta verändert haben. Davon abgesehen denke ich, dass manche der Geflüchteten in Marokko ein besseres Leben hatten, als es die ceutischen Bürger:innen m/w/d jetzt und auf unbestimmte Zeit haben werden. Die Integrationsmöglichkeiten der Geflüchteten in Ceuta dürften begrenzt sein.

  • Horst Sörens

    Es bleibt nur zu hoffen, dass die EU dieses Schlupfloch schließen kann, damit es diese dramatischen Zustände und die Bedrohung für die geflüchte die nicht mehr gibt.