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Gallery Weekend BerlinNach der Party kommt das Kümmern

Beim Berliner Gallery Weekend geht es nicht mehr ohne Sponsoren und Investoren. Manchmal pinkelt die Kunst dann aber doch in den lauwarmen Prosecco.

Hanna Stiegelers „Study for Brutes des nuits“ ist 2026 entstanden. Das Material entstammt dem Video eines Babyphones Foto: Courtesy of the artist and Sweetwater, Berlin

Die radikalen Zeiten sind vorbei

Es ist eine wahre Wohltat, im Hinterhofflachbau der Galerie Neu auf die satten Urinstrahlen zu blicken, mit denen Sophy Rickett und ihre Freundinnen im 90er-Jahre-Office-Chic an Londoner Brücken, Geländer und Mauern pissten. 1995 war das schon, die angepullerten Orte sind aufgeladene Symbole der kapitalistischen Stadt, MI5, Old Street, Vauxhall Bridge. Auch in Berlin könnte man mittlerweile mal gehörig an ein paar Ecken pinkeln, das Spektakel des Kapitals ist auch an dieser 22. Ausgabe des Berliner Gallery Weekends sehr nah.

Beim Eröffnungsempfang in der sechsten Etage des KaDeWe wurde wie jedes Jahr der Untergang der Stadt diskutiert (Dysfunktionale Fördersysteme! Peinliche Kulturpolitik! Nicht mehr cool! Ryan Air zieht seine Flotte vom BER zurück!), während der lauwarme Prosecco aus den Mundwinkeln sprudelte. Die mehrheitlichen Einzelausstellungen der fünfzig partizipierenden Galerien wirkten größtenteils investmentorientiert und risikoarm, die Zeiten der politischen, gar radikalen Kunst sind vorbei.

Stattdessen gab’s Flachware, dick gemalte Schinken und echte Männer, so wie Markus Lüpertz (*1941) bei Galerie Michael Werner, der seine neusten pastosen Riesenformate neben nackigen Frauenkörpern mit Soldatenhelmen und klobigen Stiefeln versah oder den albanischen Ministerpräsidenten Edi Rama, der im oberen Stockwerk bei Societé seine Kugelschreiber-Scribbles in massive Bronzen hat gießen lassen. Dem Meloni-Freund zu Ehren schmiss die italienische Botschaft einen Empfang.

Ganz schön viel Mann gab es auch in einer der anderen wenigen Gruppenschauen des Wochenendes, der vom Kritiker Cornelius Tittel kuratierten Auseinandersetzung mit dem Selbstportrait bei Max Hetzler: Jeff Koons explizit sexuelles Frühwerk überstrahlte dabei leider auch subtilere Arbeiten Cindy Shermans oder Oliver Baks. Überhaupt trafen hier große, große Namen auf recht mittelmäßige Arbeiten wie eine enttäuschend lustlose Tracy-Emin-Malerei. Mit dem ganzen Ich im Zentrum bildete „The Self Assessed“ tatsächlich so was wie den Gegenpol zur Schau bei Neu.

Neben Sophy Rickett hatte die Kuratorin Juliette Desorgues dort noch Werke von unter anderem Cosima von Bonin, Jana Euler, Pippa Garner, Klara Liden und Anita Steckel versammelt, Letztere vertreten mit Arbeiten aus den 1960er und 70ern: Phalli in New Yorks Skyline und Gefilte Fisch im Hudson River in Mischtechnik gedrängt auf Leinwand, überhaupt Sex, Identität und die Frage, wem diese verdammte Stadt und die Körper darin eigentlich gehören.

Der Himmel über New York von Anita Steckel. Wem gehören die Körper, die auf jüdische Geschichte und Gegenwart verweisen? Foto: Anita Steckel/Galerie Neu

Trost finden in dem üppigen Irrsinn konnte man bei Sweetwater: Hannah Stiegler zeigte verrauschte Aufnahmen ihrer zerwühlten Laken. Je nach Abstand entfalteten sich dort zwischen Lo-Fi-Nitrofrottage und abstrakter Malerei Gefühle von Haut, Gewicht und Körper. Entstanden sind die Aufnahmen durch den Bildschirm des Babyphons der Künstlerin. „Brutes des Nuits“ – die wilden Nächte. Nach der Party kommt das Kümmern, die Stadt kann es gebrauchen. Hilka Dirks

Was machen die Museen?

Mit welcher Kunst treten die öffentlichen Museen auf während des Gallery Weekends? Die kriegen in Berlin nicht nur die stetig an- und abtretenden Kul­tur­se­na­to­r:in­nen zu spüren, sie müssen angesichts knapper öffentlicher Kassen und kulturpolitischer Stimmungsschwankungen neue Finanzierungsstrategien entwickeln. In Frankfurt am Main will sich das Städel als Endowment Museum gar von der öffentlichen Förderung weitestgehend unabhängig machen und muss dafür wie eine Investmentbank agieren. In Berlin hingegen wollen sich die öffentlichen Häuser für Sponsoren und Mäzene attraktiv zeigen.

Im Museum Hamburger Bahnhof etwa, wo „sämtliche Ausstellungen entweder gänzlich durch externe Mittel realisiert“ oder „nur durch zusätzliche externe Mittel ermöglicht werden“, wie es einmal auf taz-Anfrage hieß, setzt man dafür auf Glamour. Erst kürzlich gab es dort eine Promi-Gala, zum Gallery Weekend eröffnete in der monumentalen alten Bahnhofshalle des Museums eine Kunstinstallation, bezahlt von der Mode- und Kosmetikmarke Chanel. Wie in einer Trümmerlandschaft türmen sich nun dort 400.000 Holzwürfel zu Stapeln, hügelartigen Strukturen oder Mauerfragmenten. Per­for­me­r:in­nen und Be­su­che­r:in­nen können dazwischen herumlaufen, sie weiterbauen oder vielleicht auch zum Einsturz bringen.

Eine sinnliche, intensiv nach Harz duftende Metapher für das gesellschaftliche Zusammenleben hat die litauische Künstlerin Lina Lapelytė hier gefunden. Die von den Per­for­me­r:in­nen manchmal eingesungenen Gedichtzeilen über Liebe, Verlust und Gemeinschaft wären gar nicht mehr nötig gewesen. In Lapelytės bekannter Opernperformance „Sun & Sea“, 2019 mit dem Goldenen Löwen der Venedig-Kunstbiennale ausgezeichnet, war noch etwas mehr Ironie im Spiel. Vielleicht passt solch Sentimentalität auch einfach besser zu Chanel. Der Sponsor soll Künstlerin und Museum zwar freie Hand gelassen haben, aber wer weiß, wie sich die Geldquelle eben doch subtil auf die Kunst auswirken kann.

Edi Ramas Bronzeskulptur „Untitled“ von 2026 ist bei Société zu sehen Foto: Trevor Good

Der Neuen Nationalgalerie muss es allein um die viral gehenden Bilder gegangen sein, warum sonst sollte sie Beeples Roboterhunde mit ihren ulkig zappelnden Elon-Musk- oder Kim-Jong-un-Masken während des Gallery Weekends durch ihr Foyer laufen lassen? Die KI-gesteuerten, aber nicht sehr schlauen Maschinen fotografieren mit einer eingebauten Kamera das Publikum und scheißen gelegentlich Ausdrucke davon wieder aus. Ihr Erschaffer, der US-Amerikaner Mike Winkelmann alias Beeple, war unbekannt, bis er 2021 eine NFT-codierte Collage aus 5.000 Digitalbildern bei Christie’s für 69,3 Millionen US-Dollar versteigerte und damit einen irrwitzigen Höhepunkt des NFT-Hypes markierte.

Die prominente Kuratorin und Ex-Documenta-Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev ist fasziniert, wohl eher vom Phänomen Beeple als von der Qualität seiner Kunst. Derart von Christov-Bakargiev geadelt, will nun also auch die Neue Nationalgalerie mit Beeples „Regular Animals“ die Herausforderung durch KI behandeln, so die flache Begründung. Zum Fototermin durfte man ein bisschen schmunzeln, als Christov-Bakargiev auf allen vieren zwischen den Hunden herumkrabbelte. Und konnte dabei zuschauen, wie das öffentliche Museum ziemlich aus seiner Balance zwischen kritischer Instanz und Pop geriet, zugunsten des plumpen Social-Media-Hits. Sophie Jung

Blaue Körper decodiert

Das Schönste am Gallery Weekend ist, dass man sich durch eine große Menge an Ausstellungen wühlen kann, die teilweise höheres Niveau haben als die der Institutionen, während draußen der 1. Mai tobt und man immer etwas Mitleid mit den Galeriemitarbeiterinnen hat, die am Tag der Arbeit arbeiten müssen.

Bei Trautwein Herleth zeigt Stella Zhong Skulpturen, die erst mal groß und wenig zugänglich wirken. Wenn man sich darauf einlässt, dann findet man die kleinen Gucklöcher und plötzlich eröffnet sich die ganze Welt. Wie durch ein Fernrohr verengt sich die Sichtachse und macht das, was man dann als kleinen Ausschnitt zu sehen bekommt, umso deutlicher.

Sophy Ricketts „Vauxhall Bridge“ aus der Serie „Pissing Women“ von 1995 ist jetzt in der Galerie Neu zu sehen Foto: Courtesy the artist

Eine der schönsten Gruppenausstellungen kann man in einem kleinen Nebenraum bei Neugerriemschneider sehen, wo unter anderem Renata Lucas und Sheila Gupta ihre Skulpturen zeigen. Ein großer Kranz aus Glocken, die sich in den Raum ausdehnen, ihn einnehmen und dabei klingen, in dem Moment, in dem man beginnt, den Kranz zu drehen.

Als die Nachricht vom Tod Georg Baselitz’ die Runde machte, schaute man dann noch mal anders auf die Arbeit, die in der Gruppenausstellung bei Max Hetzler auf der Potsdamer Straße hängt. Der Künstler, der alles auf den Kopf stellte und dessen Werk später doch für das Marktkonforme stand. Aber immer wieder erinnert er uns daran, dass man eben nur mal eine Sache anders machen muss, um etwas Neues zu erschaffen.

So wie die Performancekünstlerin Göksu Kunank das bei Ebensperger in Kreuzberg gemacht hat. Blau angemalt schoben sich dort nackte Körper über Autos und erinnerten an Yves Klein, der das schon mal mit Frauen gemacht hat. Jetzt waren es starke Männerkörper, auf denen das Kobaltblau prangte und die sich durch die Gegend pressten, ihre Abdrücke unter anderem auf einem weißen BMW hinterließen und sich darauf räkelten. Kunak macht das oft. Sie nutzt Autos und andere Objekte, die Macht und Dominanz ausdrücken, und codiert sie neu. Den Körper und seine Fetischisierung bringt Kunak in eine neue Form, die man so radikal umgesetzt lange nicht gesehen hat.

In der Neuen Nationalgalerie wie auch im Hamburger Bahnhof gab es ein umfangreiches Talk-Programm, nach dem man eigentlich denken sollte, dass wirklich alles, was es über und aus der Kunst heraus zu sagen gibt, dann auch wirklich endlich mal gesagt ist. Wobei das Schöne ja ist, dass das letzte Wort nie gesprochen ist und alles im nächsten Jahr wieder von vorn losgeht. Laura Helena Wurth

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