Malerei von Philip Grözinger: Die Hotdogs schmirgeln in der Mikrowelle
Super zärtlich und null schulmeisterlich malt Philip Grözinger die Gier der Menschen knallbunt. Zu sehen in 68 Projects der Berliner Kornfeldgalerie.
Aus tiefem Schwarz formt sich ein schattenhaftes Männlein, ein rundliches Daumenfigürchen, ganz ohne Bedrohlichkeit und doch mit geisterhaften Augen. Es ist der Protagonist in den dicken Gemälden des gebürtigen Braunschweigers Philip Grözinger.
Es wuselt und staunt, es klettert, fällt, freut sich und angelt, mal still, mal panisch, mal schwarz, weiß, orange. „Manntje, Manntje, Timpe Te“, der Satz, den der Fischer im plattdeutschen Märchen „Von den Fischer un siine Fru“ ruft, um den magischen Butt anzulocken, leiht der Ausstellung des Malers bei 68 Projects, einem Seitenraum der Charlottenburger Kornfeld Galerie in der Berliner Fasanenstraße, seinen Titel.
Abstrakt lässt sich die Geschichte auf den Leinwänden in den Ausstellungsräumen nachvollziehen, auch wenn Grözinger sie mit einnehmendem Humor eher in eine Art grinsenden postkapitalistischen LSD-Trip verwandelt hat. Doch anders als im Märchen, das auch die Gebrüder Grimm in ihre Sammlung aufnahmen, lebt der kleine, liebenswerte Fischer hier nicht in einem ärmlichen Pissputt, einer erbärmlich kargen Hütte, sondern hat – ganz Mann des 21. Jahrhunderts – schon so allerlei Kram angehäuft.
Da sind eine Einbauküche, eine Waschmaschine, ein Beistelltischchen mit Radio, die Grözinger als bemalte Holzskulpturen in die Galerie gebaut hat. Ein auf den Kopf gestelltes, verunfalltes Rennauto in Rot, ein wildes Blumenbeet und ein Kamin, in dem der trotz allem lachende Butt als Goldfisch getarnt schon von einem freundlichen Feuer gegrillt wird, verraten den Betrachtern: Auch hier war die Gier zu groß, gewünscht wurde sich so einiges, doch am Ende geht’s zurück zu Hotdogs aus der Mikrowelle.
Karaoke gegen schlechte Vibes
So richtig stören tut das niemanden, die Diskokugel im Raum dreht sich weiter, da fehlen zwar ein paar Spiegelchen, hie und da zeigen sich Risse, aber Karaoke kann man trotzdem drunter singen, was soll man auch sonst machen. Keine der Krisen unserer Zeit lässt sich vom kleinen Männlein allein lösen, dabei wollte seine Frau doch so viel und will es immer noch, aber vielleicht kann man ja einfach von vorne anfangen? Und wenn nicht, dann hat es eh keinen Zweck, die wenige Zeit noch mit schlechter Laune zu verbringen.
Philip Grözinger: „Manntje, Manntje, Timpe Te“. 68 Projects by Kornfeld, Berlin. Bis 20.6. 2026.
Karaoke singen kann man dort immer, samstags ist meistens der Künstler ab 15.00 Uhr selbst da.
Grözinger ist ein erstaunlicher Erzähler und entschiedener Maler. Die Werke funktionieren einzeln, ohne dabei in Comic oder Fragment zu rutschen und bilden doch eine Gesamtinstallation.
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Das Ganze geschieht mit pastosem Pinsel, dynamischem Strich und so schillernden Farben, dass es solche Lust aufs Leben macht, überhaupt auf Kunst und auch auf die Menschheit, auf Fantasie, auf Kinder, Tiere, Blumen und Würstchen, dass man noch heftiger als sonst zu hoffen beginnt, dass die Welt unserer Gier standhalten wird. Und gleichzeitig vollstes Verständnis dafür hat, dass man einfach immer mehr will, von diesem knallvollen Leben.
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