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Kunstprojekt „Various Others“ in MünchenDie Subversion kleidet sich pastellfarben

In München schließen sich die Kunsteinrichtungen zum 10-tägigen Programm „Various Others“ zusammen. Vor allem die Galerien zeigen Feinstes.

Es windet, durchstößt und leckt sich ab in Maryam Hoseinis „Counterflow (Pierced Window)“, 2026 bei Deborah Schamoni Foto: Dirk Tacke. Courtesy the artist and Deborah Schamoni

Sind es Intarsien? Ist das Malerei? Warum sitzt das Pigment so tief im Holz, dessen Struktur sich organisch eindeutig unter den lasierenden Korallentönen abzeichnet? Grafische Elemente wechseln sich ab mit abstrahierten Formen. Tritt man näher, beginnt man zu sehen, zu verstehen. Mit Pigmenten, Öl, Tusche und Buntstift hat Maryam Hoseini ihre Motive auf die Holzpaneele aufgetragen, die sie teils lange in pigmentierten Farben eingeweicht und immer wieder abgeschliffen hat. Weich sieht die Oberfläche des Malgrunds aus, es fällt schwer, ihn nicht berühren zu wollen.

Fragmentiert ist die Bildsprache der gebürtigen Iranerin, die am US-amerikanischen Bard-College lehrt. Lose Gliedmaßen entspringen aus Farbfeldern, verwandeln sich in Blumen, Eingeweide, scharfe Nägel und Stacheln. Es wird sich transformiert, gewunden, durchstoßen, penetriert und gestreichelt. Die queere Erfahrung im Exil, sagt Hoseini, sei es, die sie hier verarbeitet. Die Zärtlichkeit, Wärme und Lust, die auch in einer feindlichen, bedrohlichen Welt nicht verschwinden, die unkaputtbar sind.

Abseits vom Galeriengewimmel, welches während des Münchner Kunstfestivals Various Others bis auf die Schwabinger Bürgersteige strömt, kann man Hoseinis Arbeiten betrachten. Deborah Schamoni zeigt sie in ihren Bogenhausener Räumen, parallel mit einer höchst begehrlichen Vasenedition der Berliner Künstlerin Katharina Ruhm: gewölbtes, mundgeblasenes Glas schimmert mal verchromt, mal milchig-bläulich stumm vor sich hin. Opalin heißt diese Farbe, hergestellt wird sie mit tierischem Knochenmark. Die postmodernen Alchemistenobjekte thronen auf ziemlich coolen orangen Latexsockeln. Franz West reckt entfernt die tote Hand zum Gruß.

Katharina Ruhms silbrige Glasvasen bei Deborah Schamoni wecken Begehrlichkeiten Foto: Courtesy of Katharina Ruhm and Deborah Schamoni.
Die Ausstellungen

„Various Others Contemporary Art Munich“, bis 24. Mai

Vor der Galerie eine blaue Bank: „It was hard to get here. Rest here if you agree.“ (Z. Dt.: Es war schwer hierherzukommen. Ruh dich hier aus, wenn du zustimmst.) Finnegan Shannon hat sie dorthin gestellt. Selbst bewegungseingeschränkt, wurde das regelmäßige Ausruhen einfach Teil der künstlerischen Praxis Shannons und ist damit durchaus artverwandt mit dem Werk Christine Sun Kims, welches zeitgleich zu Various Others im Münchner Stadtraum zu entdecken ist und die die Welterfahrungen als Gehörlose in liebevoll-radikalen Arbeiten in die Welt trägt. Auf dem Marienplatz, direkt am Rathaus, eröffnete die Initiative Public Art München unter den historischen Arkaden die Arbeit „ABC (Always Be Communicating)“ voll pixeliger kleiner Bildschirmmotive von Kim und Thomas Mader, die die Entwicklung der amerikanischen Gebärdensprache nachzeichnen.

Der Geist von Pope L.

Das Münchner Kulturreferat finanziert die temporäre Kunst im öffentlichen Raum und fährt dabei ein unerwartet progressives Programm. Am Freitagnachmittag winden, rollen und rollern die Performer Justin F. Kennedy und Navid Acosta durch die Unterführung des Maximiliansforums, die informierten Be­trach­te­r:in­nen sind begeistert, die unwissenden Passanten schmunzeln beklemmt, als Kennedy im Hofnarrenmantel auf dem E-Roller an ihnen vorbeigleitet und dabei soulig-cool die Zeilen des eher peinlichen Popschlagers „Safety Dance“ von Men Without Hats intoniert. Der Geist Pope L.s scheint hier durch die Unterführung zu huschen. Dessen Videoarbeit der Performance „ATM Piece“ war schon am Vorabend bei der Eröffnung in der Sammlung Brandhorst zu entdecken. Der US-Amerikaner verschenkte darin 1997 1-US-Dollar-Noten vor einer New Yorker Bank.

Christine Sun Kim & Thomas Mader, ABC – Always Be Communicating, 2026. Animation Still aus der Ausstellung im öffentlichen Raum Foto: Christine Sun Kim & Thomas Mader. Courtesy the artists

Der Verein zur Förderung der Außenwahrnehmung Münchens als Kunststandort e. V., der Various Others als zusammenschließende Initiative von Museen, Sammlungen, Galerien und Off-Spaces in der Stadt verantwortet, hat in diesem Jahr ganze Arbeit geleistet. Nur zwei Wochen nach dem Berliner Gallery Weekend und eine Woche nach der Eröffnung der Biennale in Venedig sammelt sich nicht nur die Münchner Kunstszene in der Stadt, um ein auffällig internationales, teils hochpolitisches Programm zu betrachten. Wie viel hochfinanzierte, doch für die Betrachter ja erst mal kostenlose Kultur dabei auch von den Galerien gezeigt wird, ist beeindruckend.

So bereitet es große Freude die wirklich perfekt gehängten und gerahmten Zeitungspapierarbeiten Willem de Koonings bei Jahn und Jahn zu betrachten und den ausführlichen Begleitessay des Autors und Kurators Matthew Holman zu lesen. Oder über eine exzellent gelungene Zusammenarbeit Max Goelitz’ mit Hauser und Würth zu staunen, die drei frühen Arbeiten der ikonischen Amerikanerin Eva Hesse mit neu und dialogisch produzierten Werken der beiden Bildhauer Lukas Heerich und Rindon Johnsons zeigt.

Bei Max Goelitz zeigt Hauser und Wirth unter anderem Eva Hesse. „No Title“, 1960, Öl auf Masonite Foto: The Estate of Eva Hesse, Courtesy Hauser und Wirth, Photo: Jon Eyer
Installationsansicht von Anousha Paynes Ausstellung „Triangle reshapes the O of my mouth“ in der Galerie Sperling Foto: Sebastian Kissel

Da die Zeichnungen Hesses aus den 1960er Jahren besonders vor Licht geschützt werden müssen, haben Heerich und Johnson kurzerhand die Neonleuchten der ansonsten bis auf den Rohbau zurückgebauten Galerieräume abgesenkt, unter denen sich nun ihre Skulpturen wie gehäutete Tiere auf der Suche nach Wärme oder ausgestellt verspukte Behausungen unbekannter Spezies kauern.

Das Domestische, das Geisterhafte, das Gehäutete

Das Domestische, das Geisterhafte, das Gehäutete findet sich auch in den Hinterhofräumen der Galerie Sperling. Aus den mit Batikarbeiten und Seidenmalereien bespannten Keilrahmen hat die Britin Anousha Payne eine häusliche Struktur errichtet. Menschliche Leiber verdoppeln sich darauf in Unschärfe, mottenartige Nachtfalter verlieren ihre Punkte, und schon wieder finden sich fragmentierte Körperteile in fahl pastellige Skulpturen übersetzt. Die Musikerin und Performerin Ushara singt darin ein Libretto über Trennung und Neuanfang, rezitiert Bach, Hildegard von Bingen, da dürfen natürlich auch Federicis Caliban und die Hexen im kuratorischen Text nicht fehlen.

Auch bei Heldenreizer Contemporary hängen die Gliedmaßen über die Sockel. Witalij Frese hat sie hier in toll lasche Keramiken übersetzt, die entgegen ihrer harten Zerbrechlichkeit in den Raum zu fließen scheinen. Aus griechisch geformten Vasen winden sich Finger, nackte Männerkörper schweben über zerstückelte Fliesen. Auch hier ist es beige, sinnlich und erfrischend explizit queer. In München kleidet sich die Subversion in zartrosé-greiges Pastell. Verschieden anders halt. Und überaus verführerisch.

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