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Nachruf auf Georg BaselitzDer Maler der Antihelden

Georg Baselitz galt als „Malerfürst“. Doch seine Malerei, deren Motive er auf den Kopf stellte, war kein Ausdruck einer auftrumpfenden Attitüde.

Georg Baselitz vor seinem Gemälde „Schlafzimmer“ Foto: Andreas Gebert/dpa/picture alliance

Irgendwann kam das Wort von den Malerfürsten wieder auf, ein aus dem 19. Jahrhundert geliehener Begriff für großmäulige Aufsteiger, die als Maler in der Mitte ihres Lebens unumstößliche Wertschätzung erreicht hatten. Zu diesen zählte in den protzigen 1980er Jahren Georg Baselitz, der sich als stärker erwies als das Ressentiment, das ihm lange entgegenschlug, weil er seine „Bilder auf dem Kopf“ malte.

Was natürlich Unsinn war: Baselitz malte nicht seine Bilder auf dem Kopf, sondern betrachtete seine Motive um 180 Grad gewendet. Begonnen hatte er das 1969, und als Prinzip hat es alle bekannten Werkphasen überlebt. Dass die Bildträger auf keinen Fall erst bemalt und dann umgedreht worden waren, sah man an den Tropfspuren, die seinen Motiven eine solide Erdung gaben. Gelegentlich fühlte er sich genötigt, die Aussage zu verschärfen: Ein Adler, umgekehrt betrachtet, wird immer ein stürzender Adler sein. Überhaupt war seine Malerei keineswegs Ausdruck einer auftrumpfenden Attitüde.

Im Gegenteil, seine müde aus dem Dickicht der Geschichte glotzenden Männchen waren von vornherein Antihelden. „Die große Nacht im Eimer“ (1962/63) zeigt einen alterslosen Wicht in kurzer Hose, aus deren Schlitz ein langer, rötlicher Stengel horizontal herausragt, durch die Drehung der Figur aber ist es fast eine Diagonale. Die entstellte Figur, mit Requisiten, steht vor einem dunklen Hintergrund wie auf einer Bühne. Es wurde als „Masturbationsbild“ bezeichnet; dass es von tiefster Frustration handelt, ist unübersehbar. Das Gemälde, 250 mal 180 Zentimeter groß, ist im Museum Ludwig zu sehen und hat seine verstörende Energie bis heute nicht verschossen. Manche Interpreten erkannten in der libidogestörten Nachtgestalt eine Hitlerkarikatur.

Dürerfiguren, irrlichternd

Eine Variante sind „Die großen Freunde“ (Städel, 1965), als Hünengestalten in eine apokalyptische Landschaft gestellt. Schon hier entwickelte Baselitz seinen Stil, in dem sich das Flickenhafte des Gegenstands mit einer Lust am malerischen Klein-Klein verbündeten. Die Freunde haben die Köpfe zueinander gewandt, aber die Köpfe sind winzig im Vergleich mit den männlichen Körpern, die in Lumpen gekleidet sind. Auch hier sind die Schlitze der kurzen Hosen nicht ganz zu. Es sind Dürerfiguren, irrlichternd, die noch längst nicht begriffen, was sie verloren haben.

Aufgewachsen in der Oberlausitz als Hans-Georg Kern, Kind von Lehrern, ging er mit achtzehn Jahren nach Weißensee, um Malerei zu lernen. Von der sozialistischen Hochschule in der Hauptstadt der DDR wurde er nach zwei Semestern wegen „gesellschaftlicher Unreife“ verwiesen. Er studierte sogleich weiter an der Hochschule der Künste (HdK) in Westberlin. Die stilisierte Wolkigkeit seine Lehrers Hann Trier ist nicht ohne Einfluss auf sein Frühwerk geblieben.

Gegen den neuen Mainstream

Nach seinem Geburtsort Deutschbaselitz nannte er sich früh Georg Baselitz. Wie Gerhard Richter und Sigmar Polke brachte er eine Biografie mit, in der sich Erfahrungen in der Nazizeit und im Krieg mit denen im Stalinismus unproduktiv vermischten. Sie alle mussten westdeutsche Künstler werden, um erfolgreich gegen etwas zu sein.

Noch in Westberlin verfasste Baselitz mit dem ebenfalls sächsischstämmigen Maler Eugen Schönebeck ein „1. Pandämonisches Manifest“ als Text-Bild-Collage in Postergröße. Es war eine von morbiden Artaud'schen Theorien getriebene Streitschrift, gerichtet gegen den neuen Mainstream von Informel und Abstraktem Expressionismus. Da hatten Polke und Richter mit ihrem „kapitalistischen Realismus“ in Düsseldorf mehr Glück, es war das spitze Ende desselben Speers.

Schönebeck gab 1967 auf, Baselitz blieb übrig. Er wurde düsterer und kühner, blies die Formate auf, begann mit Holzskulpturen, die er mit der Kettensäge in Unform brachte. Eine schwebende, nackte Leserin im Foyer der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt ist ein gutes, problematisches Beispiel. Sehr raffiniert löffelte er den deutschen Expressionismus aus, um sich in malerischer Entgrenzung auszutoben.

Es wuchs ein Kult um Baselitz

Als er im Herbst 2014 das von Okwui Enwezor geleitete Haus der Kunst in München bespielte, ließ er eigens für sich einen Eingang einrichten. Im „Remix“ wurden alte Motive auf schwarzem Grund variiert und tatsächlich wieder auf die Füße gestellt. Die späte Schau hatte etwas von Bodybuilding auf einem Nagelbrett.

Als größte Ehrung bekam er schon 1986 in Goslar den Kaiserring. Er war 20 Jahre lang Kunstprofessor, zuerst in Karlsruhe, dann lange in Berlin. Am Ammersee ließ er sich ein Atelier von Herzog & de Meuron bauen. In den letzten Jahren war ein Kult um Baselitz gewachsen, weit über Kritiklosigkeit hinaus, und er versuchte, seine Biografie aus diktaturbedingten Beschädigungen zu erklären. Unterwegs in den Medienruhm fiel ihm ein, dass Frauen nicht malen könnten. So endete er als Doppelwesen: der sensible Mann als Riese, der Patriarch als Gnom.

Am Donnerstag ist Georg Baselitz mit 88 Jahren gestorben. Er hinterlässt seine Frau Elke, die auch sein Modell war, und zwei Söhne, die beide Galeristen sind.

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