Film „Ghost School“: Dschinns statt Staatsdiener
„Ghost School“, das Spielfilmdebüt von Regisseurin Seemab Gul prangert die Korruption in Pakistan an. Der Kinderfilm nutzt dafür dokumentarische Aspekte.
Schlechte Kinderfilme erkennt man oft daran, dass die Erwachsenen in ihnen dümmer als die Kinder selbst agieren. Auf gewisse Art ist das der Populismus des Genres: Man schmeichelt dem Zielpublikum, um es ganz auf seine Seite zu kriegen. „Ghost School“, das Spielfilmdebüt der britisch-pakistanischen Regisseurin Seemab Gul, geht mit dem Gefälle zwischen Erwachsenen und Kindern anders um. Der Blick der zehnjährigen Rabia (Nazualiya Arsalan) auf ihre Umgebung wirkt zwar genau wie das, was man klassischerweise „altklug“ nennt. Aber die Erwachsenen um sie herum sind keine dämlichen Gestalten, auch wenn sie sich aus der Sicht des Publikums manchmal töricht verhalten.
Rabia jedenfalls beobachtet ihre Umgebung genau. Das Mädchen freut sich darauf, nach Ende der Ferien wieder in die Schule zu gehen. Der Schuluniform ist sie ein Stück weit entwachsen. Ihre Mutter muss in letzter Minute noch die Säume herauslassen, damit sie ihr passt. Kurz stört sich Rabia an den Bügelfalten, die sichtbar bleiben, aber besonders lange gibt sie sich damit nicht ab. Die Vorfreude ist zu groß.
Aber als sie vor der Schule ankommt, erlebt sie eine Enttäuschung: Der Hausmeister schickt alle Kinder wieder weg. Die Begründung klingt absurd: Das Gebäude sei von einem Dschinn besessen, heißt es. Der Schulleiter sei als Erstes verschwunden, danach auch die drei Lehrer. Nun traue sich keiner mehr rein.
„Ghost School“. Regie: Seemab Gul. Mit Nazualiya Arsalan, Samina Seher u. a. Pakistan/Deutschland/Saudi-Arabien 2025, 88 Min.
Rabia hat keine Lust nach Hause zu gehen. Sie schaut sich um und stellt Fragen. Der Geschichte vom Dschinn misstraut sie. Zu oft hat sie Ähnliches über leerstehende Gebäude in ihrem Dorf gehört. Warum nur haben die bösen Geister eine solche Vorliebe für Gebäude wie Krankenhäuser und Schulen? Vom Nachbarsjungen erfährt sie, dass er jetzt ein Dorf weiter in die Schule geht, was für Rabia aber keine Möglichkeit ist, weil dort nur Jungs unterrichtet werden.
Immer ein bisschen fehl am Platz
Also beschließt sie, den Lehrer aufzusuchen, um ihn zu überreden, doch zurückzukommen. Es ist die erste von vielen Stationen, die das Mädchen an diesem Tag anläuft. Immer mit der einen Frage, warum ihre Schule geschlossen ist. Immer ein bisschen fehl am Platz, aber von Mal zu Mal auch mutiger und trotziger.
Seemab Gul filmt ihre Geschichte fast wie einen Dokumentarfilm. Die Kamera heftet sich an die Fersen der kleinen Heldin und lässt sie in ganz verschiedene Situationen geraten. Sie kommt weit herum an diesem Tag. Das Dorf erweist sich als alles andere als ein heimeliger, idyllischer Ort. Es ist eine zerstreute Siedlung mit hässlichen Betonruinen, unfertigen Straßen und vielen Menschen, die mit ihren ganz eigenen Dingen beschäftigt sind.
Den Lehrer erwischt Rabia zwischen Tür und Angel, er ist unterwegs zum Arzt, was mangels funktionierenden Krankenhauses im Dorf ein weiter Weg ist. Statt auf Rabia einzugehen, schimpft er vor sich hin, etwas über Korruption und schlechte Bezahlung und dass andere sich das Geld in die Tasche stecken, das eigentlich für die Ausbildung von Kindern wie Rabia gedacht sei. Die Klage wird sie noch öfter hören an diesem Tag.
Empfohlener externer Inhalt
Trailer „Ghost School“
Wenn man „Ghost School“ auf eine Botschaft reduzieren wollte, wäre es das: Der Film prangert die Korruption und die öffentliche Schlamperei in Pakistan an, die verantwortlich dafür sind, dass es Millionen von Kindern an Möglichkeiten fehlt, zur Schule zu gehen. Aber dank der gewählten Erzählperspektive wird mehr daraus.
Gelungenes Mädchenporträt
Durch Rabias Blick hindurch lernt man die Erwachsenenwelt besser kennen, die solche Zustände durch resigniertes Hinnehmen noch verschlimmert. An ihrer Seite begreift man, dass die Rede von den Geistern, die angeblich in den Gebäuden spuken, weniger Aberglaube ist als vielmehr reine Rhetorik. Es redet sich leichter von Dschinns als von korrupten Staatsdienern.
Wie nebenbei gelingt Gul mit ihrem Film auch ein besonders schönes Mädchenporträt: Ohne viel Dialog macht die junge Darstellerin Nazualiya Arsalan klar, was in ihrer Figur vorgeht. Sie zeigt die Neugier auf die Welt, die Rabia hat, die trotzige Nachdrücklichkeit, mit der sie sich bis zum Gemeindevorsteher durchfragt, aber auch die Unsicherheit des Kindes, das immer gesagt bekommt, nicht auf dem richtigen Weg zu sein, und nach Hause gehen soll.
An einer Stelle wird Rabia von einer reichen Frau im Auto mitgenommen, für die ihre Mutter arbeitet. Sie begreift Rabias Wissensdurst und Intelligenz und bietet ihr an, sie zu sich in die Stadt zu holen, damit sie dort auf eine „gute“ Schule gehen könne. Als Gegenleistung solle Rabia ihr im Haushalt helfen.
In einem anderen Film wäre das die Chance, die die Heldin nicht ablehnen kann. Hier aber artikuliert Rabias Mutter, wie viel Ausbeutung in dem nur vermeintlich großzügigen Angebot liegt. „Die Reichen glauben, unsere Kinder kaufen zu können – aber lieber Analphabet sein als Sklave mit Bildung!“ Für Rabia deutet sich am Schluss ein anderer, origineller Ausweg an, eine Lösung, die dem Mut und der Experimentierfreudigkeit dieser Heldin viel angemessener erscheint.
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