Fehlende Soldarität unter Müttern: Alles Jammerlappen außer Mutti

Immer wieder stellen Eltern die Existenz struktureller Missstände in Frage, weil sie sie persönlich nicht kennen. Warum fällt es so schwer, solidarisch zu sein?

Ein Baby schreit, der SChnuller ist aus Mund gefallen.

Nur weil dein Kind nicht ständig schreit, heißt es nicht, dass andere nicht ständig schreien Foto: Christophe Ketels/ Compagnie Gagarine/Reporters/imago

Wenn Eltern über das Elternsein schrei­ben, dann erzählen sie entweder lustige Geschichten über Kinder, Essen, Fäkalien und Familienleben oder sie schreiben über die Strukturen der Gesellschaft. Über diese Strukturen gibt es zwei Arten von Texten. Die einen sollen Missstände aufzeigen, die Eltern erfahren: etwa einen Mangel an Kinderbetreuung oder die Last von Care-Arbeit. Die anderen Texte hingegen sollen diese strukturellen Missstände in Frage stellen, und zwar mit nur einem, recht eigenwilligen Argument: dass die Au­to­r:in­nen solche Probleme nicht kennen oder sich dabei zumindest nicht so angestellt haben.

Immer wenn ich so einen Text lese, frage ich mich, was das für ein Reflex ist. Wieso versucht man anderen die Schwierigkeiten abzusprechen anhand der eigenen Biografie? Wozu? Das ist nicht nur offensichtlich schwach argumentiert, es ist auch unsolidarisch. Außerdem findet sich doch immer jemand, für den große gesellschaftliche Missstände kein Problem sind. Jemand, der sagt: Stellt euch nicht so an. Bestimmt findet man jemand, der Hartz IV bezieht und gut findet. Eine Frau, die Feminismus für überflüssig hält. Einen Betroffenen, dem Rassismus gar nichts ausmacht. Oder Menschen, die zufrieden sind mit der CDU in der Regierung. Und dann? Genau, nix dann.

Mir geht es gar nicht darum, einzelne Eltern zu verurteilen, weil sie sich zeitweise über andere Eltern erhöhen. Wahrscheinlich haben wir das unbedacht alle schon einmal gemacht. Vielleicht nicht in einem Text, vielleicht nicht zu strukturellen Problemen, vielleicht in einem Gespräch auf dem Spielplatz über Ess-, Schlaf- und Spielgewohnheiten. Kennt man doch, diese Gespräche: „Wie, du stehst nachts noch so oft auf? Also meiner schläft ja durch, seit er ein Embryo war.“ Gespräche, die einem Elternteil mit monatelangem Schlafmangel in etwa so guttun wie ein Tritt in den Magen.

Aber wieso ist es so schwer für Eltern und vor allem für Mütter, sich solidarisch zu verhalten und auf ein hilfloses „Ich kann das nicht, mir fällt das schwer“ nicht schadenfroh zu rufen: „Aber ich kann das, mir fällt das gar nicht schwer, du Jammerlappen!“ So will doch eigentlich niemand sein.

Die einzige Erklärung, die mir plausibel erscheint, ist, dass wohl gerade Mütter hoffen, so für Erreichtes endlich mal gelobt zu werden. Weil es sie so sehr dürstet nach Anerkennung für den Arsch voll Arbeit und die ganzen Sorgen, die sie seit der ersten ausgetragenen Schwangerschaft nebenbei wuppen. Endlich ein kleines bisschen Applaus. Einmal groß sein, wenn es sein muss, auch mit einem Fuß auf dem Rücken einer anderen Mutter.

Ich denke, es handelt sich mal wieder um das Symptom eines strukturellen Problems. Und ich freue mich schon jetzt auf den Le­se­r:in­nen­brief, der so sicher kommen wird wie die nächste volle Windel des Babys, der mir erklären wird, dass das kein strukturelles Problem ist und ich mich einfach nicht so anstellen soll.

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Seit 2013 bei der taz. Erst Volontärin der taz panter-Stiftung und dann taz eins-Redakteurin. Seit 2019 Ressortleiterin des Gesellschafts- und Medienressorts taz zwei. Schreibt über Gesellschaft, Politik, Medien und manchmal über Österreich.

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