Elternschaft und Emotionen: Das größte Paradox

Elternsein ist vollkommenes Chaos und Langweile gleichermaßen. Und dann wird einem oft noch klar, wie entbehrlich man ist.

Ein Baby macht ein ernstes Gesicht

Babys können so süß sein, lassen aber auch ziemlich viel Babyscheiße ab Foto: Imago

Kinder zu haben, ist das größte Paradoxon überhaupt. Einerseits vollkommenes Chaos. Emotionen, die man vorher nicht kannte. Ich bin überzeugt, dass es pure Liebe ist, die mich durch all die Fäkalien meiner Kinder trägt. Schon seit dem Moment, als das Baby sich noch im Kreißsaal auf meinem Bauch erleichtert hat. Liebe, und dass ich mir beim Wickeln gerne Reime überlege – mein liebster bisher: Ich hab hier so viel Babyscheiße, wie andere Journalistenpreise.

Dazu der Organisationsaufwand. Allein dass alle genug saubere Unterwäsche haben, ist stets eine Gratwanderung: Kann ich die Wäsche in der Maschine lassen oder muss das Kind dann in der Badehose zur Kita? Keiner sagt einem, dass Wäsche zum Hauptlebensinhalt wird. Nicht nur das Waschen. Ich frage mich: Wie machen das andere Eltern? Vergraben sie im Garten? Mieten die Lagerhallen an für die Kleidung, die noch gut ist fürs nächste Kind? Stopfen die Matratzen damit aus? Wohin mit dem ganzen Zeug?

Und andererseits ist Kinderhaben eine unfassbare Entschleunigung. Manchmal ist es regelrecht langweilig. Dennoch hat man weniger Ruhe und Zeit als je zuvor. Das strengt an. Spätestens, wenn das Kind auf dem Weg zu einem Termin bei jeder Ameise in die Hocke geht und begutachtet, was das kleine Wesen da macht – während man daneben innerlich im Dreieck springt, aber gleichzeitig weiß: Es bringt überhaupt nichts, jemanden zur Eile anzuhalten, der das Konzept von Zeit noch nicht verstanden hat.

Die Entschleunigung beginnt schon in der Schwangerschaft. Heb dies nicht, mach das nicht – den Rest tut der Körper. Und die hormonelle Müdigkeit legt sich über einen wie eine schwere Daunendecke am kalten Wintertag. Dann das Wochenbett. Liegen, bis ein ganzes Hummelvolk im Hintern surrt. Aber: Schon dich! Sonst Inkontinenz mit Ende 30. Wer will das schon. Und schließlich die Elternzeit, in der man für gewöhnlich allmählich erkennt, wie sehr man sich zuvor über einen Job definiert hat. Wie füllt man dieses Loch, ohne jeglichen Respekt vor sich selbst zu verlieren? Wurde eigentlich schon mal erforscht, wie Wochenbettdepression und verminderte Berufschancen von Müttern korrelieren?

Dass wir Menschen größtenteils in beruflicher Hinsicht recht leicht ersetzbar sind, war mir vor dem ersten Kind schon klar. Dennoch hatte ich damals daran zu kauen. Und auch diesmal wundere ich mich, wenn ich mit dem Baby so in den Tag hineinlebe, während in meinem Kopf die Gedanken zu gordischen Knoten werden, wie sehr ich doch Teil dieser Leistungsgesellschaft bin. Wann ist das passiert? Bin ich ohne meine Visitenkarte nicht gut genug? Die Antwort ist schwieriger, wenn man finanziell davon abhängig ist.

Die Welt dreht sich auch ohne einen weiter. In der Pandemie etwas langsamer als sonst, aber doch. Andere tun große Schritte, während man selbst die ewig gleiche Runde im Park dreht. Eine Herausforderung, die krank machen, aber auch heilen kann.

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Seit 2013 bei der taz. Erst Volontärin der taz panter-Stiftung und dann taz eins-Redakteurin. Seit 2019 Ressortleiterin des Gesellschafts- und Medienressorts taz zwei. Schreibt über Gesellschaft, Politik, Medien und manchmal über Österreich.

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