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Eine Fabrik voller Kunst

In den Gerichtshöfen im Berliner Wedding öffnen die Künstler ihre Ateliers

Von Hilka Dirks

Die Gerichtshöfe im Berliner Wedding sind eines der ältesten und größten Kunstquartiere Deutschlands. Zwischen Gericht- und Wiesenstraße erstreckt sich die 1912 erbaute „Industriestätte Nord“, ein typischer Fabrikkomplex. Seine Vergangenheit prägen ein Äther-Keller, ein überforderter Hitlerjunge, der einen Teil des Hauptgebäudes zum Einsturz brachte, eine überbordende Berliner Industrievergangenheit – und Künstler.

1983 mieteten sich die ersten günstig ein. Mehr als 70 arbeiten hier heute. Seit über 20 Jahren öffnen sie meist im Herbst ihre Ateliers für die Öffentlichkeit.

Spaziert man am Sonntag zwischen den Backsteinmauern die sechs Höfe entlang, herrscht reges Treiben. Menschen drängen sich ums schmale Essensangebot, beraten neuste Entdeckungen und schnaufen Treppen rauf und runter. Fast überall gibt es Kunst zu entdecken – meist auch, wie sie produziert wird. Da stehen Töpfe mit geschmolzenem eingefärbtem Bienenwachs und akkurat aufgereihte Belichtungsapparate ohne ein Staubkorn oder wuchern Zimmerpflanzen über Retro-Couches und Bücherstapel so wild, dass man nicht recht weiß, wo die aufwendigen 90er-Jahre-Papierschöpfarbeiten an der Wand hergestellt wurden.

Entdecken kann man Kitsch und aus der Zeit Gefallenes, unheimliche Skulpturen und ehrgeizigen Airbrush. An einigen Namensschildern bleibt man traurig hängen. Leda Bourgogne steht darauf oder Thomas Kratz. Gern hätte man auch einen Blick auf deren Werke geworfen, aber die Türen bleiben zu. Dafür entdeckt man das Lebenswerk des 87-jährigen Wolfgang Rohloff. Beginnend mit 60er-Jahre-Pop über Abstraktion bis Decollage staunt man über ein intaktes und schlüssiges ­Œuvre und kommt mit dem Maler ins Gespräch – wenn er in Laune ist.

Einen Aufgang weiter hat der halb so alte Brite Richard Kellett sein Atelier komplett entleert. Sonnenstrahlen fallen durch die Fabrikfenster auf hellgraue Wände. An denen hängen nur wenige, sorgfältig kuratierte Werke. Blinzelt man, meint man abstrakte Landschaften zu erkennen, dabei hat Kellett hier Farbe und Gestus selbst abgebildet. In der Nähe des Hadrianswalls aufgewachsen, hätten ihn als Kind die uralten Spuren, die Menschen auf den verwitterten Steinen hinterlassen haben, und die Farbtöne der Natur fasziniert.

Diese spiegeln sich auch in den Keramiken Witold Riedels, den Kellett für den Tag eingeladen hat. Riedel schneidet seine Schalen regelrecht aus dem Block. Mit Lasuren und Flugasche versehen erhalten sie eine unberechenbare Patina und passen hervorragend zu den sinnlichen Studien Kelletts. Dass man Werke von beiden und den meisten Künstlern an diesem Tag vor Ort erwerben kann, ist ein schöner Nebeneffekt der offenen Türen.