Kneipenkollektiv hat Geldprobleme: Liebe, Schnaps und Revolution
Das Café Cralle wird nächstes Jahr fünfzig. Doch die queerfeministische Kneipe möchte die Getränkepreise nicht erhöhen und ist auf Spenden angewiesen.
Gedämmtes Licht, auf Sesseln und Holzstühlen hat es sich eine Gruppe junger Erwachsener gemütlich gemacht und lacht über ein Kartenspiel. Im Hintergrund läuft leise spanische Musik. Am Tresen werden persönliche Geschichten, Sorgen und Anekdoten ausgetauscht: der anstehende Friseurtermin, die Präsidentschaftswahl in Brasilien Ende Oktober, eine Einladung zu einer Kundgebung. Durch die Einrichtung und die familiäre Atmosphäre wirkt das Café Cralle wie ein großes Wohnzimmer.
Trotzdem kommen und gehen Gäste früh – bleiben oft für nur ein Getränk. Das passiere immer öfter seit Corona, erst schleichend, dann immer auffälliger, so erzählt es Pola, selbsterklärte Stammgästin und Kollektivmitglied des Cralle, das nur acht Gehminuten vom Leopoldplatz entfernt liegt.
Das Cralle als Ort, an dem so wenig wie möglich profitorientiert gearbeitet wird, bietet eine Möglichkeit des Zusammentreffens, unabhängig vom Einkommen. Daher sind auch die Getränkepreise niedrig, das billigste große Bier kostet zwei Euro, der günstigste Kaffee drei. „Doch das zu gewährleisten, ist immer schwieriger. Instandhaltungskosten, Schulden und Kreditabzahlungen fallen an, die Reserven dafür fehlen aber. Natürlich könnten wir die Preise erhöhen“, sagt Mo, Kollektivmitglied seit Anfang des Jahres. Doch das ist nicht erwünscht – neben der eigenen Integrität büße man dann auch Stammgäste ein. „Erschwinglich zu bleiben, ist ein Teil unserer politischen Überzeugung“, fügt Mo an.
Spendenaufruf zum Erhalt des Cralle
Um die anfallenden Kosten decken zu können, hat das Cralle einen Spendenaufruf gestartet, der am 9. Oktober endete. Wohin das Geld dann genau fließt, muss das Kollektiv unter sich ausmachen. Genug zu reparieren und abzuzahlen gäbe es, von dem Kauf einer neuen Kaffeemaschine bis hin zu den Heizkosten im Winter. Bis zum Ende des Aufrufs wurden 8.683 Euro gespendet.
Über die Höhe der Miete will sich das Kollektiv nicht äußern, mit dem Vermieter, dem skandinavischen Immobilienunternehmen Heimstaden, gäbe es aber keine Probleme, sagt Mo. Mehrere Collectivistas, so nennen sich die Angestellten des Kollektivs, seien Teil einer Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR), die die Räumlichkeiten mietet.
„Noch vor fünf Jahren sind hier nächtelang rauschende linke Feste gefeiert worden.“ Dass mittlerweile die meisten Abende um zwölf enden, habe, laut Pola, nicht nur mit dem verhaltenen Alkoholkonsum unter jungen Erwachsenen zu tun, sondern auch mit den veränderten Lebensumständen: „Wenn du kein Geld mehr für Essen im Kühlschrank hast, hast du erst recht keins für Bier.“
Das macht sich in Kneipen und Bars schneller bemerkbar als an anderen Orten. Besonders dort, wo es erschwinglich für alle bleiben soll, wie eben im Cralle. Seit 1977 steht es, ursprünglich als Café, allen offen – auch damals schon mit feministischem Fokus. Heute versteht sich das Kollektiv als linksradikal und queerfeministisch. Doch der Anspruch ist der gleiche geblieben: einen nachbarschaftlichen Marktplatz und Treffpunkt für unterschiedlichste Menschen zu bieten, besonders für die mit geringem Einkommen.
Der Erhalt des Cralle ist den Collectivistas auch ein persönliches Anliegen. „Linke Vereinigungen, Plena und AktivistInnen brauchen Ausruh- und Ausgehorte, die sie schützen und in denen sie sich nicht zu erklären brauchen“, sagt Mo. Das gilt auch für FLINTA- und queere Personen, für und von denen der Raum zur Verfügung gestellt wird. „Das ist wichtig, in einer Zeit, in der Kollektive ums Überleben kämpfen und linke Kiezkneipen aussterben“, berichtet Mo. „Besonders, wenn es brenzlig wird in politisch angespannten Zeiten“, sei der Bestand queerfeministischer Räume essenziell.
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