piwik no script img

Lateinamerikanisches LiteraturfestivalSpieße aus migrantischen Herzen

Beim Berliner Literaturfestival Barrio kommt die lateinamerikanische Diaspora noch bis zum 18. Oktober zusammen. Eine Zwischenbilanz.

Vor ihren Häusern sitzen Nachbar*innen, aus einigen Fenstern klingt Musik, Kinder spielen herum, Straßenhunde schlafen Siesta. Es riecht nach Essen. Wie aus einem Bilderbuch kann man sich ein „Barrio“ in vielen Ländern Lateinamerikas vorstellen. Ein Barrio ist ein Kiez, eine Nachbarschaft, ein Fest – und in Berlin auch ein Festiva: Barrio Berlin.

Zum dritten Mal, bis zum 18. Oktober, bringt es mit Lesungen, Performances, Gesprächen und Workshops kostenlos die literarischen Szenen der lateinamerikanischen Diaspora in Europa zusammen. Kuratiert wird es gemeinsam mit Buchhandlungen, Kollektiven und Salons sowie mit Kulturinstituten und Literaturhäusern.

„Im Vergleich zu den riesigen Metropolen Lateinamerikas ist Berlin klein, also fast ein ‚Barrio‘. Und doch ist die Stadt längst ein Ort, an dem sich unterschiedliche lateinamerikanische Communities und literarische Szenen begegnen“, sagt Timo Berger, Autor, Übersetzer und einer der Gründer und Or­ga­ni­sa­to­r*in­nen des Festivals. „Wir verstehen Barrio nicht nur als geografische Bezeichnung, sondern auch als sozialen Raum, in dem Literatur und Begegnungen entstehen.“

Zu einem „Barrio“ gehört oft auch ein „almacén“, ein Gemischtwarenladen, in dem sich Nach­ba­r*in­nen über den Weg laufen und sich über alles Mögliche unterhalten.Ein ähnliches, intimes Flair hat der kleine Hinterraum einer Kiezkantine am Mehringplatz. Hier findet im Rahmen des Festivals ein Abend mit dem kubanischen Dichter Ariel Maceo Téllez und dem deutsch-spanischen Autor und Übersetzer José F. A. Oliver statt. Es gibt Rotwein und Empanadas. Wer ankommt, begrüßt mit einem Kuss, wer früher gehen muss, entschuldigt sich. Im Gespräch geht es zum Beispiel um Poesie, Exil und Hoffnung.

Feuchte Augen

„Die Hoffnung ist eine Entscheidung“, sagte die Schriftstellerin Gioconda Belli zu Oliver in Madrid, erzählt er. Dort lebt sie seit 2022 im Exil, nachdem ihr die Rückkehr zu ihrem Heimatland Nicaragua verwehrt wurde. Nicht nur das Publikum ist von der Aussage berührt. Auch Téllez hat feuchte Augen. Er hält sein Buch „Leck mich am Flan“ in der Hand, Oliver hat es ins Deutsch übersetzt. Wie Belli musste auch der Dichter fliehen. Seit 2024 lebt er in Dortmund als Teil des Exilprogramms des internationalen Schrift­stel­le­r*in­nen­ver­bands PEN. Zum Festival wurde er eingeladen, um seine in Kuba verbotenen Gedichte vorzutragen.

Téllez ist einer von mehr als 50 Gästen in diesem Jahr. Zu den Veranstaltungsorten gehören auch das Instituto Cervantes, die Amerika-Gedenkbibliothek und das Literarische Colloquium Berlin, wo das Festival am 2. Oktober mit einem ganztägigen Symposium eröffnet wurde. „Ich bin die Pest, ich bin der Poet. Der Poet ist ein Monster namens Vaterland“, liest Ariel Maceo Téllez auf Spanisch vor, anschließend José F. A. Oliver auf Deutsch.

„In Deutschland aber auch weltweit befinden wir uns in einem politischen Kontext, der darauf abzielt, das Anderssein auszulöschen. Alles, was unbequem oder fremd ist, soll verschwinden“, sagt die Schriftstellerin und Mitorganisatorin Karen Byk. „Wir wollen das Gegenteil. Wir möchten Au­to­r*in­nen mit Übersetzer*innen, Verlagen und dem Publikum vernetzen. Deshalb gibt es bei fast allen Evenst eine Dolmetschung. Gerade in diesen schwierigen Zeiten wollen wir uns weiterhin verbinden.“

Verbindungen und „poetische Duette“ stehen auch im Mittelpunkt der „Hispanopoetischen Begegnungen“. Das Open Mic gibt es nicht nur beim Festival, sondern seit acht Jahren in Bars, Gärten oder Hausprojekten. Es wird ehrenamtlich organisiert und finanziert sich durch Spenden. Für die Sonderausgabe im Auditorium der Spore-Initiative in Neukölln hat sich Initiatorin Alicia Morán in Gold gekleidet. Willkommen sind alle, die ihre Texte teilen möchten. Auch andere künstlerische Ausdrucksformen sind gefragt.

Der Applaus ist lang

An diesem Abend isst etwa ein Performer rohe Kartoffeln, ein Paar tanzt Cumbia, gekleidet wie John Travolta und Uma Thurman in „Pulp Fiction“ und es gibt eine Übung fürs Publikum: mit einem fremden Menschen ins Gespräch zu kommen. Doch es geht auch um die Verbindung zu den Städten, in denen wir leben. Die Spree, der Volkspark Friedrichshain und andere prägende Orte Berlins tauchen immer wieder in den Texten auf.

„Sie verkaufen Spieße aus migrantischen Herzen an der Karl-Marx, auf der Warschauer, am Alexanderplatz“, heißt es in den Versen einer peruanischen Autorin. Eine Teilnehmerin aus Madrid erzählt von Maricarmen, der Rentnerin, die zwangsgeräumt wurde und am 7. Oktober starb. „Maricarmen war meine Nachbarin“, sagt sie. Der Applaus ist lang.

Der Open Mic Abend unter dem Titel „Vínculos“ (Verbindungen) knüpft an Festivalmotto und Weltlage an. „Verbindungen und Communities aufzubauen, ist auch Politik machen“, sagt Alicia Morán. „Ein Barrio ist ein Ort, an dem Menschen Halt finden. Genau das brauchen wir jetzt mehr denn je, vor allem, wenn wir migrantisch sind.“

Mehr zum Thema

0 Kommentare