Gentrifizierung in Berlin: Nicht nur ein Haus ist verloren
Im Berliner Abgeordnetenhauses geht es um die Situation künstlerischer Arbeitsräume. Jedes dritte geförderte Atelierhaus gilt momentan als gefährdet.
Es war einmal das Atelierhaus in der Wilsnacker Straße 62 in Berlin-Moabit. 35 Jahre lang entstand dort Kunst, es ist ein Urgestein im Atelierförderprogramm des Berliner Senats. Noch arbeiten dort acht Künstler:innen in sieben Ateliers. Zum 1. November aber müssen sie ausziehen, der Mietvertrag endet.
Als gefährdet galt das Atelierhaus schon länger. Dass der Standort jetzt endgültig verloren ist, darauf kam man immer wieder zu sprechen bei der öffentlichen Sitzung des Kulturausschusses am Montagnachmittag im Berliner Abgeordnetenhaus. Die Fraktionen von Bündnis 90/Die Grünen und der Linken hatten die Besprechung der Situation der Arbeitsräume von Künstler:innen in der Stadt beantragt. Aus aktuellem Anlass, weil das Problem längst nicht nur ein Haus betrifft.
So sprach auch Kulturstaatssekretärin Cerstin Richter-Kotowski (CDU) von den großen Herausforderungen um das Arbeitsraumprogramm, von gestiegenen Kosten – und von einer geplanten strategischen Neuausrichtung, um den Bestand zu wahren. Ernst meint sie es damit hoffentlich, denn die Lage ist vertrackt. Es mangelt am Geld, doch nicht nur daran. Um Standorte dauerhaft und zu günstigen Preisen zu sichern, müsste man Mietverträge abschließen, die über den laufenden Haushalt hinaus gelten. Sogenannte Verpflichtungsermächtigungen bräuchte man. Eine Novellierung der Förderrichtlinien könnte Dinge vereinfachen, weil es mitunter an vergleichsweise kleinen Beträgen scheitert. Letztlich fehlt so etwas wie ein Projektmanagement.
Die Atelierförderung gibt es in Berlin seit 33 Jahren, das Arbeitsraumprogramm, das auch Räume für Künstler:innen anderer Sparten umfasst, seit 10 Jahren. Einmalig ist das. Etwas, womit sich das Land Berlin rühmen kann, wie ja sowieso mit seiner Kunst und Kultur. Und die entsteht nun einmal nicht im luftleeren Raum. Damit Malerinnen malen, Tänzer tanzen, Musiker:innen Musik machen können, brauchen sie vier Wände, das Nötigste an Infrastruktur. Und bezahlbar sollte es sein.
Mietverträge müssten dringend verlängert werden
Für die bildenden Künste ist das Atelierbüro des BBK und die beiden Beauftragten Julia Brodauf und Lennart Siebertum die zentrale Anlaufstelle auf der Suche nach Arbeitsräumen. Vor ein paar Wochen erst veröffentlichten sie eine interaktive Standortkarte zur Situation der Atelierhäuser. Jeder dritte der Punkte darauf, die jeweils ein Haus symbolisieren, ist aktuell rot markiert. Rot steht für gefährdet, meist, weil Mietverträge dringend verlängert werden müssten.
Nicht vermerkt auf der Karte sind die Räume der Künstler:innen, die aktuell noch an einem Ort arbeiten, der physisch ganz nah dran ist, im Gebäude der Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt in der Brunnenstraße in Mitte nämlich. Die Ateliers im Kultursenat waren nie Teil des BBK-Atelierprogramms. Sie entstanden eher zufällig, weil in der 5. Etage eben Platz war. Die Künstler:innen schlossen jeweils einzelne Mietverträge mit der BIM, dem zentralen öffentlichen Immobiliendienstleister Berlins.
Eng und klein schmiegen sich die Räume an langen Fluren aneinander. Zerkratzte Raufasertapete, löchriger Teppichboden, an der ein oder anderen Stelle regnet es rein. Dafür sind die Mieten günstig und die Lage ist zentral. In der Innenstadt ist so etwas heute kaum mehr zu finden. Räume, die brauchbar sind und auch noch erschwinglich, gibt es maximal noch in Außenbezirken.
Auch die Ateliers im Kultursenat werden verschwinden, schon zum 30. Juni. Das Gebäude wird saniert. Im Ausweichquartier am Fehrbelliner Platz ist kein Platz für sie und auch in der Brunnenstraße werden Ateliers nicht wieder eingeplant. Immerhin wurde den Künstler:innen eine andere Alternative angeboten: Räume in der ehemaligen Lungenklinik Heckeshorn – am Wannsee.
170 Bewerbungen je BBK-Atelier
Von Mitte aus braucht man dorthin eine Stunde. Wieder ist es eine Zwischennutzung und eine mit so vielen Fragezeichen, auch was die Kosten angeht, dass sie für viele der Künstler:innen aus der Brunnenstraße keine wirkliche Option darstellt. Heckeshorn sei ein wunderbarer Ort für junge Künstler:innen, sagt eine von ihnen. Aber nicht für ältere. Das eben muss man auch bedenken: dass es um Personen mit individuellen Bedürfnissen geht. Viele der Künstler:innen aus den Ateliers im Kultursenat sind schon jenseits der 60. Da machen die lange Anreise, die Lage, die Begebenheiten eines Gebäudes einen großen Unterschied. Sie habe sich kürzlich auf ein BBK-Atelier beworben, erzählt die Künstlerin. Durchschnittlich machen das 170 Künstler:innen pro Atelier. Bekommen hat sie es nicht.
Positive Meldungen aus dem Arbeitsraumprogramm, die gibt es mitunter. So entstehen aktuell aus Landesmitteln 32 neue Arbeitsräume im alten Frauengefängnis an der Lehrter Straße. „Tolle Räume“, wie Brodauf vom BBK-Atelierbüro im Gespräch mit der taz betont, aber es reicht eben nicht. Und Gewerbemieten auf dem freien Markt sind kaum bezahlbar für viele der Berliner Künstler:innen, die statistisch 14.000 Euro netto pro Jahr verdienen.
Überhaupt reiche es nicht, nur die Ateliers abzuzählen. Brodauf rechnet es beispielhaft für das Jahr 2025 vor, als auf dem Papier ein Atelier verloren ging: Im April 25 wurde ein Haus in der Kienitzerstraße mit 23 Ateliers neu bezogen, während gleichzeitig in der Wilhelminenhofstraße andere wegfielen. Die Kosten, die das neue Haus in der Kienitzerstraße für den Senat verursacht, liegen bei 650.000 Euro im Jahr. Der Mietvertrag ist neu, der Eigentümer hat extra für das Programm ausgebaut. Das Haus in der Wilhelminenhofstraße hingegen kostete Berlin nur etwa 80.000 Euro im Jahr, war allerdings auch in einem anderen baulichen Zustand.
Wo bleibt die vorausschauende Planung?
Eine vorausschauende Planung könnte so nicht nur den Künstler:innen die Sorgen nehmen, sondern sogar den Senat entlasten. Eine neue Strategie, die braucht es wirklich.
Eigentlich, so scheint es, wollen auch im Kulturausschuss alle das Gleiche: möglichst viele Ateliers erhalten. Bleibt die Frage nach der Umsetzung. Und die Zeit drängt. Die Sommerpause steht kurz bevor, im September wird neu gewählt. Bis die neue Koalition, der neue Haushalt steht, wird es dauern, so lange können die Mietverträge nicht warten.
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