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Ein Trick beim SitzungsgeldDer Friesoyther CDU wundersame Brotvermehrung

Jan Kahlcke

Kommentar von

Jan Kahlcke

Im niedersächsischen Friesoythe hat die CDU die Bezahlung von Kom­mu­nal­po­li­ti­ke­r:in­nen mit einem Trick verbessert – aber nur die der eigenen.

Hier war jahrelang nichts aufgefallen: Rathaus Friesoythe Foto: Frank Vincentz by CC-SA 3.0

K ommunalpolitik ist mühsam: wenig Gestaltungsspielraum, viele abendliche Sitzungen. Und das Sitzungsgeld hat eher symbolischen Charakter.

50 Euro pro Fraktionssitzung sieht die Aufwandsentschädigungssatzung der Stadt Friesoythe im Oldenburger Münsterland in Niedersachsen vor. Ziemlich wenig für einen verlorenen Feierabend. Bei der CDU ist deswegen jemand auf eine clevere Idee gekommen: Wenn man zwei Ratsausschüsse an einem Abend vorbereitet, kann man doch einfach nach dem ersten Thema einen Cut machen, die Sitzung beenden und eine neue eröffnen. Schon sind es zweimal 50 Euro – und allmählich wird ein Schuh draus.

Ratsmitglieder von SPD und Grünen müssen sich mit der Hälfte begnügen. Aufgeflogen war das kreative Abrechnungsmodell der Bürgerlichen einer neuen Mitarbeiterin im Rathaus, als die CDU-/FDP-Fraktion den Bogen überspannte: Sogar drei Sitzungen an einem Abend wollte sie abgehalten haben, macht also 150 Euro pro Nase.

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Das verstieß so klar gegen die Satzung, dass das Rathaus das Geld nicht ausgezahlt hat. Ob zwei Sitzungen an einem Abend erlaubt sind, ist dagegen umstritten. „Wird die Sitzungsdauer von sechs Stunden überschritten, wird ein weiteres Sitzungsgeld gewährt“, heißt es da. Und weiter: „Bei mehreren Sitzungen an einem Tag dürfen nicht mehr als zwei Sitzungsgelder gewährt werden.“

Nach Lesart der SPD sind die beiden Sätze zusammenzudenken: Nur wenn nach sechs Stunden eine zweite Sitzung einberufen wird, gibt es ein zweites Sitzungsgeld. „Das ist bei uns in den letzten 15 Jahren ein Mal vorgekommen, an einem Wochenende“, sagt Fraktionschefin Renate Geuter.

Die Sicht der CDU

Aus Sicht der CDU sind die sechs Stunden keine Voraussetzung für eine zweite – oder gar dritte – Sitzung. Fraktionschef Lukas Reinken erhielt sogar doppeltes Sitzungsgeld, also 200 Euro pro Abend. Nötig hätte er das nun wirklich nicht. Als Landtagsabgeordneter stehen ihm monatlich 7.485 Euro Diät plus eine steuerfreie Aufwandsentschädigung von 1.526 Euro zu.

Äußern möchte sich der 30-Jährige nicht selbst, lässt stattdessen ein Schreiben der Kölner Medienrechtskanzlei Höcker schicken. Die weist vor allem darauf hin, was man alles nicht schreiben dürfe, und bekräftigt ansonsten die Sichtweise der örtlichen CDU, alles sei im Einklang mit der Satzung gewesen. Und schiebt dem Rathaus den Schwarzen Peter zu: „Auch die Stadtverwaltung liest diese Vorschrift genau so“ und habe die Entschädigungsanträge der Ratsmitglieder geprüft. Die CDU-/FDP-Fraktion habe lediglich die Anwesenheitslisten ans Rathaus weitergereicht. Den Vorsitzenden treffe demnach auch „kein Organisationsverschulden“. Warum die CDU die Praxis dennoch 2025 eingestellt hat, schreiben die Anwälte nicht.

Bürgermeister Sven Stratmann kommt von der SPD und ist daher der Kumpanei mit den Konservativen unverdächtig. Er bestätigt, die Abrechnung von zwei Sitzungen an einem Tag sei „satzungskonform“, weswegen er auch keine Rückforderungen erhoben habe.

Seine Parteifreundin Geuter sieht das anders. „Ich bin froh, dass die Kommunalaufsicht das jetzt überprüft“, sagt sie. Sie sieht negative Folgen für die Kommunalpolitik als solche: „Die Geschichte schadet uns allen – die Menschen differenzieren nicht.“

Kritisch sehen beide Fraktionen die Rolle des Mannes, der die Affäre öffentlich gemacht hat: Der Journalist Heinz-Josef Laing, langjähriger Friesoyther Lokalchef und landespolitischer Korrespondent der Nordwest-Zeitung, hatte einen Bericht auf Facebook gepostet. Der Rentner ist Kreissprecher des BSW. Und im September ist in Niedersachsen Kommunalwahl.

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Jan Kahlcke
Redaktionsleiter
Jan Kahlcke, war von 1999 bis 2003 erst Volontär und dann Redakteur bei der taz bremen, danach freier Journalist. 2006 kehrte er als Redaktionsleiter zur taz nord in Hamburg zurück
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11 Kommentare

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  • Wer Werte und Anstand besitzt braucht zur Erklärung seines Verhaltens keine Medienanwälte. Der Landtagsabgeordnete Lukas Reinken, CDU und seine Gefolgschaft klüngeln sich auch ohne im Selbstbedienungsladen Politik nach oben. In der Selbstdarstellung geben sie sich dabei auch noch progressiv und vermeintlich volksnah. Ganz schlechte Entwicklung.

  • Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen. Das was die AgD mit Staats-Betrug der Vetternwirtschaft vorführt, ist keineswegs hinnehmbar, doch überrascht es auch nicht sonderlich. Dass es die cdU auch kann, das ist eine Binsenweisheit. Diese Union sollte sich nur noch schämen.

  • Typisch für die CDU scheint mir das fehlende Unrechtsbewusstsein.

    • @Flix:

      Sie können es alle:

      "In Rheinland-Pfalz steht die SPD-geführte Landesregierung in der Kritik, da eine Landesbeamtin für die Organisation des SPD-Wahlkampfs Sonderurlaub erhielt. Während der Beurlaubung wachsen ihre Pensionsansprüche weiter, was Vorwürfe der Steuergeldverschwendung und Vetternwirtschaft auslöst. Die Staatsanwaltschaft Mainz prüft einen Anfangsverdacht der Untreue."

  • Nur keine Aufregung! Nirgendwo gehören Kungelei und Korruption so sehr zum etablierten Alltagsgeschäft wie in der Kommunalpolitik - und zwar unabhängig von der Parteifarbe.

    Übrigens gibt es ja auch noch diverse Einnahmen, die über die Wahrnehmung von Aufsichtsratstätigkeiten in den kommunalen Unternehmen generieren lassen.

  • Im Laufe der letzten 30 Jahre gehörte ich drei verschiedenen Kommunalparlamenten an.



    In allen war die Anzahl der Fraktionssitzungen, die jährlich abgerechnet werden konnten limitiert.



    Da war es vollkommen egal, wieviele an einem Tag stattfanden, man konnte trotzdem nicht mehr als erlaubt abrechnen.



    Würde mich wundern, wenn es hier anders wäre.

    • @Don Geraldo:

      Bei mal schnell Rumgucken hab ich ne Quelle mit bezahlten 20 Fraktionssitzungen/Annum gefunden. Des ist schon viel und wenns in der obigen Gemeinde ähnlich viele sind, haben die dann quasi gebündelt um auch jeden Pfennig zu kriegen. Kammer machen, macht einen halt ned beliebter...

    • @Don Geraldo:

      Geht man bei Ihnen denn Partei-intern ans Limit? Oder sind sich gar alle parteiübergreifend einig, dass man unabhängig von der Anzahl der abendlichen Treffen bis zur Höchstgrenze jährlich abrechnet?

  • Wundert das noch jemand! Die Selbstbedienungsmentalität der CDU/CSU ist nur noch verachtenswert und ekelerregend, beim aneignen von Steuergeld kennt der Einfallsreichtum und die Tricks der Union keine Grenzen.

  • Lustig, dass wieder derjenige, der das ganze publik gemacht hat dafür angegangen wird. Es wäre besser, die Politiker würden sich entschuldigen und das zu viel erhaltene Geld zurückzahlen.

  • 1. Lacher (der Trauer): Landtagsabgeordneter. 2. Lacher (der Gewissheit): Kanzlei Höcker.