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EU-Strategie zu digitaler SouveränitätNicht mutig genug

Kommentar von

Svenja Bergt

Mit eigenen KI-Modellen und eigener Software setzt Europa auf mehr Unabhängigkeit von den USA und dessen Tech-Konzernen. Es ist immerhin ein Anfang.

A uf der Liste der reichsten Menschen steht Larry Ellison gerade auf Platz 3. Ellison ist ein Freund von US-Präsident Donald Trump und Vater von David Ellison, der dabei ist, in den USA ein Medienkonglomerat zu schaffen. Außerdem ist Ellison (der Vater) Gründer des IT-Konzerns Oracle, dessen Produkte auch von staatlichen Stellen in Deutschland genutzt werden. Zwischen 2023 und 2025 überwies der Bund rund 220 Millionen Euro an Oracle. 220 Millionen, die fehlen, um unabhängige Open-Source-Alternativen aus Europa zu stärken. Die 220 Millionen sind nur ein Bruchteil – EU-weit werden die staatlichen Ausgaben für Dienste von US-Techkonzernen auf eine dreistellige Milliardensumme geschätzt.

Wenn es darum geht, warum erfolgreiche Techkonzerne vor allem aus den USA kommen, wird gern die Geschichte einer Überregulierung in Europa erzählt. Und damit verdeckt, worum es eigentlich geht: Geld. Um Investoren und Förderprogramme, die in der Früh- und Wachstumsphase von Firmen Risikokapital beisteuern. Und um staatliche und private Akteure, die später auf die Dienste genau dieser Firmen setzen. EU-Kommissarin Henna Virkkunen sagte kürzlich bei der Vorstellung der Pläne für mehr digitale Souveränität einen selbstkritischen Satz: „Wir haben mehr geliehen als gebaut.“

Nun also soll gebaut werden: Software, Chips, Chipfabriken, Chips für KI-Modelle, KI-Modelle, KI-Anwendungen, Rechenzentren – und damit ein Europa, das nicht abgekoppelt sein muss von den USA, aber kein Problem mehr hat, wenn ein Big-Tech-Konzern oder ein Trump entscheidet, dass die EU nicht mehr mit bestimmten Diensten made in USA versorgt werden soll.

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Im Paket sind einige wichtige Punkte enthalten: Open-Source-Software soll gestärkt werden, also Software, bei der der Quellcode offen liegt. Es soll Vorgaben geben für die Energieeffizienz von Rechenzentren. Bei Cloud- und KI-Diensten sollen die Mitgliedstaaten auf souveräne Lösungen achten. Knapp wird es indes beim Geld. Die Kommission scheint zu hoffen, dass die Regulierung ausreicht, um staatliche Gelder zu mobilisieren. Und dass die Wirtschaft ordentlich investiert. Das kann aufgehen, muss aber nicht.

Investiert die Wirtschaft in Open Source? Vielleicht, vielleicht auch nicht

Zumal sich die Kommission um die klare Beantwortung einer zentralen Frage drückt: Wann ist ein Cloud-Dienst eigentlich souverän? Die Frage ist deshalb zentral, weil auch der Staat zunehmend Dienste und Daten in Clouds auslagert. Diese werden meist von den großen Techkonzernen wie Oracle, Microsoft oder Amazon betrieben. Zur Beruhigung gibt es dann gern eine Zusammenarbeit mit einem EU-Anbieter und das Label „souverän“ auf die Cloud. Ein Fall von Souveränitätswashing. Schließlich kann der US-Konzern trotzdem gezwungen werden, Daten von EU-Bürger:innen an US-Behörden herauszugeben – oder Dienste auf Trumps Geheiß einzustellen.

Es braucht mehr Mut, um Big Tech und Trump die Stirn zu bieten und alternativen Anbietern zu signalisieren, dass sie gebraucht werden – und zwar in großem Stil.

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Svenja Bergt Redakteurin für Wirtschaft und Umwelt

schreibt über vernetzte Welten, digitale Wirtschaft und lange Wörter (Datenschutz-Grundverordnung, Plattformökonomie, Nutzungsbedingungen). Manchmal und wenn es die Saison zulässt, auch über alte Apfelsorten. Bevor sie zur taz kam, hat sie unter anderem für den MDR als Multimedia-Redakteurin gearbeitet. Autorin der Kolumne Digitalozän.
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8 Kommentare

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  • Es geht beim Wettbewerb von KI nicht nur um Technik.







    Mindestens genau so wichtig, ist die Frage wie die damit einhergehenden KI-Agenten oder Avatare beschaffen sind.



    Im Moment erleben wir eine Welle von stets gefügigen, höflichen *Pseudomenschen*., die es ihren Nutzer❤️innen immer in allem recht machen. Man könnte auch von "charakterlosen Schleimern" sprechen.







    Die spannende Frage wird sein: welche "KI Freunde" langfristig bevorzugt werden.



    Einiges spricht dafür, daß die User sich nicht mit den heutigen weichgespülten Avataren begnügen werden.







    Insofern tut sich hier ein interessantes und hochpolitisches Thema auf, was um die Frage kreist, wie KI eigentlich beschaffen sein sollte. Denn darauf läßt sich aktiv einwirken (Gerüchten zu Folge tut Trump dies bereits mit der Anordnung neue KIs zunächst für 30 Tage von seinen Ministerien prüfen zu lassen - vorgeblich aus Sicherheitsgründen).







    Insofern kommt es bei KI nicht darauf auf an, wer der erste ist, sondern wer die qualitativ beste KI entwickelt.







    Welche Kriterien dabei den Ausschlag geben, sei es Ehrlichkeit, Kritikfähigkeit, "Empathie", owai..







    ..sollten wir als Zivilgesellschaften diskutieren und aktiv mitgestalten..

  • Kern der EU-Strategie zu digitaler Souveränität ist also im Wesentlichen der Appell "Es soll ...". Das ist sogar noch weniger als der mit immerhin rund einer Viertelmilliarde geförderte und gescheiterte Versuch mit "Gaia X" eine EU-eigene Cloud-Plattform zu bauen oder die immerhin halbe Milliarde mit der man die quelloffene Prozessorarchitektur RISC-V unterstützt, die sich gegenüber den verbreiteten ARM Chips bislang nicht einmal durchsetzen konnte obwohl diese kostenpflichtig lizenziert werden müssen.

    Wenn man wirklich ernstzunehmende europäische Alternativen schaffen will die eine reale Chance haben sich tatsächlich gegen die Produkte von Big Tech durchzusetzen, sollte man schon ehrlich benennen, dass das mit ein paar hundert Milliönchen an Förderung aussichtslos ist. Dazu bräuchte es eher Billionen an Investitionen weil ja auch die Entwicklung bei nVidia, Google, AWS, Microsoft, Oracle, OpenAI, etc. weiterläuft während man versucht zu ihnen aufzuholen. Aber im bisherigen Modus ist das letztlich nur eine sehr teure Publicity-Aktion bei der man sehr viel Steuergeld bei dem Versuch verbrennt mit einer Seifenkiste in der Formel 1 anzutreten.

  • Eine "OpenSourcestrategie" funktioniert nur wenn die Communities mitgenommen werden!



    Das ist den Lobbyisten und Politikern wohl nicht klar. Die kaufen "OpenSource" auch bei Microsoft ein, wenn der Anzug stimmt und schöne Formulierungen auf einem Papier zu lesen sind.

    OpenSource bedeutet aber eine neue Denkweise: Die Leute mitnehmen, offene Prozesse!, offene Schnittstellen schaffen und verwenden, weniger Mauern durch Patente!!

    DAS wird die EU nicht schaffen, denn sie denken steinzeitlich industriell. Da fehlen viele begleitende Gesetze, neue Vergabeverfahren, neue Formulierungen bei Versicherungen, neue Verfahrensanweisungen, neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit bei Behörden usw...

    • @realnessuno:

      Open Source bedeutet erestmal nur Open Source, nicht zwangsläufig immer auch FLOSS. Und auch das ist ja ersteinmal ein Fortschritt weil man die Software so im Notfall auch selbst reparieren und bauen kann. Und in vielen Fällen ist eine Community-getriebene Entwicklung auch schlicht keine realistische Option. Wo sollen all die Coder, Tester, Maintainer herkommen die ihre knappe Freizeit etwa in die Entwicklung einer auf den Bedarf der hessischen Veterinärbehörde zugeschnittenen Softwarelösung investieren?



      Gleichzeitig beinhaltet etwa der EU Cyber Resilience Act (CRA) durchaus einige speziell auf FLOSS zugeschnittene Regelungen die eigentlich sehr gut und alles andere als "steinzeitlich" sind. Etwa, dass Haftungs- und Prüfungspflichten ganz klar nicht der Community sondern den Firmen die deren Software in ihren Produkten verwenden angelastet werden. Man sollte hoffen können, dass das dazu führen sollte, dass von diesen Firmen dann auch verstärkt etwas in Form von Pull Requests an die von ihnen genutzten Projekte zurückfließen sollte.

  • Der Grund für die Dominanz amerikanischer Tech Firmen ist in einer Kultur begründet, die hierzulande insbesondere in linken Kreisen als höchst suspekt gilt: Gnadenloser Ehrgeiz und Erfolgsdenken, eine fast unbegrenzte Vorstellungskraft bei der Entwicklung unternehmerischer Visionen, eine positive Investorenkultur und hohe Risikobereitschaft.

    Die Vorstellung, dass gerade EU Bürokraten der Wucht dieser unternehmerischen Power Paroli bieten können ist völlig grotesk.

  • Es gibt natuerlich ein grundsaetzliches Problem.



    Die USA haben keine Schwierigkeiten damit ein Unternehmen voellig ohne Beweise zu sanktionieren (siehe z.B. Huawei) und dann allen anderen Unternehmen weltweit damit zu drohen, sie in Sippenhaft zu nehmen, falls ein anderes Unternehmen es wagt mit dem sanktionierten Unternehmen zusammen zu arbeiten.

    D.h. auch wenn es Europa irgendwie schafft ein Tech Unternehmen aus der Taufe zu heben, dass z.B. Cloud Dienste, KI etc anbietet OHNE dabei in den USA Geschaefte zu machen (um nicht erpressbar zu sein), selbst dann kann die USA diesem Unternehmen jederzeit den Stecker ziehen.

    Wenn man das vehindern will, dann muss die EU es irgendwann wagen sich gegen diese Art von Gebaren zu wehren; und das war bisher nie der Fall.

  • Europa its eine größßere Eigenständigkeit im Digitalbereich sehr zu wünschen.



    Diese Initiative hat leider keine Chancen auf Erfolg.



    Zum einen hat planwirtschaftliche Technologieentwicklung und verordnete Innovation noch nie funktioniert.



    Zum anderen ist die EU in diesen Bereichen so weit hinten, weil die Rahnembedingungen nicht stimmen. Zu wenig Beteiligungs-Kapital für Start-Ups, zu viel bürokratische Regulierung, zu geringe Gehälter für Technologieexperten.

    • @T-Rom:

      Also in China scheint das mit der planwirtschaftlich verordneten Technologieentwicklung bei KI, eAutos, Chips, etc. doch eigentlich erstaunlich gut zu funktionieren. Die KPC definiert die Zielvorgaben für 5, 10, 15 Jahre und die staatlich gelenkte Wirtschaft muss liefern und liefert auch. Die westlichen Exportbeschränkungen führen dabei immer wieder dazu, dass sie zwar temporär bremsen, mittelfristig aber eher als Entwicklungsbooster wirken. Als man Huawei die Verwendung von Android untersagte entwickelten die mit HarmonyOS sehr schnell ein eigenes Betriebssystem. Ebenso wird man bei der exportbeschränkten EUV-Lithographie absehbar in den nächsten Jahren auf- und ggf. auch überholen. All das soll kein Argument für das chinesische Modell sein, aber dafür, dass Innovation nur in kleinen, dynamischen Startups möglich ist spricht das eben auch nicht. Und auch die westlichen Tech-Firmen machten den allergrößten Teil ihrer Innovationen eben nicht als Start-Ups in irgendeiner Garage, sondern zu einem Zeitpunkt als sie längst schon die größten und teuersten Konzerne auf dem Planeten waren.