piwik no script img

EU-Gipfel in ArmenienSchöne Kulisse, wenig Substanz

Tigran Petrosyan

Kommentar von

Tigran Petrosyan

Mit dem Treffen der Europäischen Politischen Gemeinschaft in Armenien zeigt Europa Präsenz und sendet ein Signal an Russland. Eine Strategie für die Region aber fehlt.

A ls Ausrichterin des Gipfels der Europäischen Politischen Gemeinschaft (EPG) inszeniert sich die armenische Hauptstadt Jerewan dieser Tage als große Bühne. Frankreichs Präsident joggt in kurzen Hosen über den Platz der Republik, schüttelt Hände, sucht Nähe. Am Abend sitzt er am Klavier und singt, während Armeniens Premier Nikol Paschinjan ihn mit der Trommel begleitet.

Doch Momente wie diese sind flüchtig. Am Mittwoch reisen die Staatschefs wieder ab. Was bleibt, ist keine Aufbruchsstimmung, sondern Unsicherheit: die Gefahr eines neuen Krieges mit Aserbaidschan, ein belastetes Verhältnis zur Türkei, ein unberechenbarer Nachbar Iran – und der übermächtige Schatten von Russland, das seinen Einfluss im Südkaukasus nicht kampflos aufgeben wird.

Dass dieser Gipfel in Armenien stattfindet, ist ein Signal – und in Moskau wird es gehört. Jeder europäische Schritt in Armenien gilt als Provokation, jede Annäherung an den Westen als Abkehr von Russland. Die Teilnahme des ukrainischen Präsidenten Selenskyj ist mehr als Diplomatie – sie ist ein geopolitisches Statement.

Das Logo der taz: Weißer Schriftzung t a z und weiße Tatze auf rotem Grund.
taz debatte

Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.

Regierungschef Paschinjan nutzt diese Bühne. Vor den Parlamentswahlen am 7. Juni gibt er den proeuropäischen Reformer und Friedenspolitiker. Das Kalkül ist riskant: Verliert er, droht innenpolitische Instabilität – und außenpolitisch womöglich der nächste Krieg.

Dass Oppositionelle in Gefängnissen sitzen, die Medienfreiheit ab- und Menschenrechtsverletzungen zunehmen – all das spielt in der europäischen Inszenierung kaum eine Rolle.

Doch Symbolpolitik ersetzt keine Realpolitik. Europa zeigt Präsenz, hat aber keine Strategie. Was passiert, wenn Russland als Markt wegbricht? Wenn sich der Preis für russische Energielieferungen verdoppelt? Wenn Baku den nächsten militärischen Schritt geht? Armenien verharrt zwischen den Fronten – ohne echte Sicherheitsgarantien.

Das ist die unbequeme Wahrheit hinter den Bildern aus Jerewan: eine schöne Kulisse, große Worte, wenig Substanz. Die Diplomatie kommt und geht. Die Risiken bleiben.

50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen

Tigran Petrosyan

Tigran Petrosyan Leiter Osteuropa Projekte

Petrosyan hat in Jerewan, Mainz und Berlin Orientalistik; Geschichts- und Kulturwissenschaften studiert und in Berlin über Integration, Migration und Medienwahrnehmung promoviert. Er schreibt vor allem für die taz, ZEIT-ONLINE und für das Journal von Amnesty International. Er ist als Reporter in Osteuropa unterwegs und leitet die Osteuropa-Projekte der taz Panter Stiftung. Herausgeber des Buches "Krieg und Frieden. Ein Tagebuch" (September 2022).
Mehr zum Thema

1 Kommentar

 / 
  • Die Politiker der westlichen Governance wollen ein Zeichen setzen - und weiter nichts. Während die rechtsradikalen Eigentumsherrscher ihre Kriege führen. Furchtbar. Symbolische Duftstoffe halfen bisher auch Georgien nie. Milosevic wurde nach der Strafaktion Krieg 1999 von der serbischen Bevölkerung gestürzt. Eine starke Bewegung gibt es heute in Serbien, die fordert Abkehr von den Kriegsgewinnern und Mafiosi und die Jugend ist für die Ukrainer. Aber diese "Studentenbewegung" wird ignoriert - von allen. Regierungen wie hiesiger Opposition.