Drohender Verlust des Zuhauses: Widerstand in Kopenhagen gegen Abriss und Investoren
Dänemarks Regierung will ein Land ohne sogenannte Parallelgesellschaften sein. Wohnungen in sozialen Brennpunkten sollen dafür teuer saniert werden.
M ajken Felle geht vorsichtig über Pfützen, Schutt und Holzbretter entlang eines von Bauzäunen abgetrennten provisorischen Gehwegs. Sie ist direkt von der Arbeit gekommen und entschuldigt sich, dass sie erkältet ist. Als Lehrerin bekomme man eben alles ab, was die Schüler so mitbringen, erklärt sie mit einem müden Lächeln. Vor einem Haus bleibt sie stehen. Keines der Fenster ist beleuchtet. Felle zeigt in die dritte Etage. „Das war meine Wohnung.“
Sobald es in Kopenhagen Abend wird, werfen nur noch Baustrahler ein kaltes Licht auf das, was von den Gehwegen in Mjølnerparken übrig ist. An der Fassade des Nachbarhauses raschelt eine eingerissene Schutzplane im Wind. Statt auf Nachbarn trifft man im Innenhof auf Gasflaschen, kaputte Paletten stapeln sich, Schrott liegt verteilt. Das Wohngebiet, 20 Minuten entfernt von Kopenhagens Zentrum, ist seit drei Jahren eine Baustelle. Für Majken Felle ist es trotzdem ihr Zuhause.
Für den dänischen Staat hingegen ist es eine Parallelgesellschaft. 2018 stiefelt Lars Løkke Rasmussen, damals Premierminister der konservativ-liberalen Partei Venstre, mit sieben seiner Minister demonstrativ durch Mjølnerparken. „Die Ghettos müssen weg“, sagt er in die Kameras und präsentiert einen radikalen Plan, der die „Löcher in der Landkarte Dänemarks“ schließen soll.
Landesweit sollen in sozialen Brennpunkten bis 2030 neue Wohnungen gebaut werden, während Sozialwohnungen abgerissen oder verkauft werden. Ein Teil der bisherigen Bewohner wird umgesiedelt, andere sollen in die frei werdenden Wohnungen ziehen. Das alles mit dem Ziel, die Nachbarschaften zu durchmischen.
„Es gibt keine Ghettos in Dänemark“
Troels Schultz Larsen ist Soziologe an der Universität Roskilde in Dänemark. Er forscht u.a. zur Entwicklung urbaner Lebensräume, zu Städtepolitik, städtische Ungleichheit, wohnortgebundene Sozialarbeit und Gentrifizierung. Zur dänischen „Ghetto“-Politik hat er mit dem Städteforscher Kristian Nagel Delica das aktuelle Buch „Fragmenting Cities. The State, Territorial Stigmatization and Urban Marginality“ veröffentlicht. Bei deutscher Forschung zu Parallelgesellschaften verweist er auf die Arbeit von Karoline Reinhardt und Susanne Worbs.
taz: Herr Schultz Larsen, die dänische Regierung nutzt den Begriff „Parallelgesellschaften“, um den radikalen Umbau bestimmter Stadtviertel zu begründen. Warum kritisieren Sie das?
Troels Schultz Larsen: Die Regierung, die 2018 das sogenannt Parallelgesellschaftengesetz einführte, sagte selbst, sie habe keine genaue Definition dafür – gehe aber davon aus, dass zwischen 25.000 und 125.000 Menschen in Parallelgesellschaften leben. Nach dem Motto: „Wir wissen nicht, was es ist, aber wir machen es trotzdem.“ So schafft man die Grundlage für Mythenbildung, Zufälle und politischen Opportunismus.
taz: Haben Sie denn eine Definition?
Schultz Larsen: Eine Parallelgesellschaft ist nicht ortsgebunden: Das ist einer der zentralen Punkte in der sehr guten deutschen Forschung zum Thema. Außerdem sind Parallelgesellschaften homogen, mit einem gemeinsamen kulturellen Verständnis. Sie entwickeln eigene gesellschaftliche Institutionen. Und, entscheidend: Sie sehen sich in Opposition zu der sie umgebenen Gesellschaft. Das beschreibt alles nicht die dänischen Wohnsiedlungen, die von Abrissen und Zwangsumsiedlungen betroffen sind.
taz: Ein anderer zentraler Begriff dieser Politik ist „Ghetto-Liste“ – auf der landen schon seit 2010 Viertel, die bestimmte Kriterien der Regierung erfüllen.
Schultz Larsen: Der Begriff ist aus denselben Gründen problematisch. Es gibt keine Ghettos in Dänemark. Wir sagen nicht, dass es keine Probleme gibt. Uns geht es aber darum, dass man die Dinge beim Namen nennt. Man muss ganz konkret sagen, was los ist. Zum Beispiel: Hier ist eine Wohnsiedlung mit hoher Kriminalität. Hier ist eine Wohnsiedlung mit Mangel an stabilen Jobs. Hier ist eine Gegend, wo wir Probleme mit der Integration von Kindern in die Schule haben. Einfach „Ghetto“ zu sagen führt nur zu einer Menge unnötiger Vorurteile. Zusätzlich zur Arbeitslosigkeit müssen Betroffene sich dann noch mit dem Stigma herumschlagen. Es könnte zum Beispiel sein, dass sie einen Job nicht kriegen, weil der Arbeitgeber ihren Wohnort mit Unzuverlässigkeit assoziiert.
taz: Sie sagen, dass diese Liste allein aus praktischer Hinsicht überflüssig ist. Wie meinen Sie das?
Schultz Larsen: Ja, um wohnortgebundene soziale Probleme anzugehen, braucht man keine Ghetto-Liste. Es gibt bereits seit den 1980er-Jahren spezifische Ansätze. Wohnungsbaugenossenschaften, Kommunen, NGOs und Freiwilligenorganisationen haben hier total viel geleistet. Und die Kommunen in Dänemark haben viel bessere Daten zu ihren Wohngebieten als diese Ghetto-Liste. Die rechnet nur: so und so viele Einwanderer, so und so hohes Einkommen und so weiter. Die Kommunen hingegen wissen genau, was ihre spezifischen Probleme sind. Deswegen ist diese Liste unnötig. Statt zu helfen, kostet sie eine Menge Verwaltungsressourcen, bringt die die stärksten Bewohner dazu, wegzuziehen und führt zu einem stigmatisierenden Druck.
taz: Diese Politik hat also niemandem geholfen?
Schultz Larsen: Ein positiver Effekt ist vielleicht, dass man den Fokus auf etwas richtet und politisch beschließt: Das hier ist wichtig, hier wollen wir handeln. Aber das haben andere auch vorher schon getan. Nein, die Ghetto-Liste ist nicht das passende Werkzeug, um die Probleme zu lösen. Sie verstärkt sie eher.
taz: In Schweden verweist die konservativ-rechte Regierung gerne auf Dänemarks härtere Rhetorik und Politik, als Vorbild für die Bekämpfung von Bandenkriminalität. Welche Zusammenhänge sehen Sie da?
Schultz Larsen: In Dänemark liegt der Fokus seit 30 Jahren auf Integrationspolitik. Und es ist statistisch nachweisbar, dass diese lokalen Anstrengungen in den Kommunen funktionieren. Auch hier gilt: Man muss die Dinge beim Namen nennen. Zu sagen, hier gibt es Ghetto-Probleme, das nützt nichts. Was funktionierte, war zu sagen, hier haben wir ein Problem mit Kriminalität. Und es ist eine bestimmte Generation Einwanderer, die diese Kriminalität verübt, das ist eine statistisch belegte Tatsache. Jetzt lösen wir das Problem. Wie kriegen wir die jungen Leute weg von den Risikofaktoren, die eine kriminelle Laufbahn begünstigen? Mit Maßnahmen, die sie besser in die Gesellschaft integrieren und mehr Sicherheit geben. Damit arbeitet man in Dänemark seit Jahrzehnten sehr systematisch. Zudem verhängt man hier, anders als bislang meist in Schweden, hohe Haftstrafen auch gegen jugendliche Schwerkriminelle.
taz: Schweden hat die Dinge nicht beim Namen genannt?
Schultz Larsen: In Schweden fiel es vielleicht lange schwer zu sagen, es geht hier auch um ethnische Minderheiten. Man wollte nichts Stigmatisierendes sagen und konnte deshalb nicht darüber sprechen. In Dänemark hat es geholfen, die Probleme direkt anzusprechen. Allerdings haben wir jetzt das Problem, dass die Bedeutung von Kulturen für eine kriminelle Laufbahn überbewertet wird. Da gibt es einen Generalverdacht gegen Kulturen aus dem Nahen Osten, der nicht auf Fakten beruht.
taz: Betroffene, die wegen der „Ghetto-Liste“ zum Verlassen ihrer Wohnungen gezwungen wurden, setzen ihre Hoffnung auf ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs in Luxemburg, das in einigen Monaten kommen soll. Was erwarten Sie davon?
Schultz Larsen: Ich bin kein Jurist, aber der Generalanwalt war sehr deutlich in seiner Auffassung, dass die Anwendung des Kriteriums Ethnie im Parallelgesellschaftengesetz sowohl diskriminierend als auch stigmatisierend ist. Falls die Richter das in ihrem Urteil bestätigen, werden die Anwälte der Bewohner wahrscheinlich verlangen, dass die laufenden Umgestaltungspläne, darunter Abrisse und Zwangsumsiedelungen, in den betroffenen Gebieten gestoppt werden, bis der Fall von dänischen Gerichten geklärt wird.
taz: Glauben Sie, dass ein solches Urteil diese Politik grundsätzlich stoppen würde?
Schultz Larsen: Es ist sehr schwer zu sagen, welche Folgen das langfristig politisch hätte, aber es würde sicher zu einer Reihe Änderungen führen. Sicher weiß ich nur: Wenn es das Ziel ist, eine besser integrierte Stadt zu schaffen, dann ist der jetzige Weg der falsche. Die Methode ist sehr willkürlich. Familien, die vollkommen integriert sind und friedlich ihr Leben leben, werden zum Umzug gezwungen, weil ihre Eltern einer bestimmten ethnischen Gruppe angehören. Und Menschen, die zwangsumgesiedelt werden, verlieren erstmal ihr soziales Netz. Das schafft unsichere Lebenssituationen. Wir wissen, wie wichtig stabile Verhältnisse sind, um junge Menschen von der Kriminalität fernzuhalten. Unsicherheit ist ein Risikofaktor. Und das ist doch nicht das, was wir wollen.
Ausgewählt wird mittels Durchschnittswerten. Auf der Ghetto-Liste der Regierung landen Wohngebiete, in denen mehr als die Hälfte der Bewohner einen „nicht-westlichen“ Migrationshintergrund hat. Migranten aus Pakistan sind ein Problem in der Statistik. Wer aus Kanada kommt, ist keines. Wer als westlich gilt und wer nicht, wird nicht im Gesetz selbst definiert. Die Regierung verwendet eine Kategorie des dänischen Statistikamtes, nach der europäische Länder, Nordamerika sowie Australien und Neuseeland als westlich gelten.
Daneben gibt es Kriterien, die von hoher Arbeitslosigkeit und Kriminalität bis zu einem geringen Durchschnittseinkommen und niedrigen Schulabschlüssen reichen. Wenn zusätzlich zum Anteil der Menschen mit nicht-westlichem Migrationshintergrund zwei dieser Kriterien erfüllt sind, ist die Zukunft des Wohngebietes besiegelt.
Mjølnerparken, 1987 erbaut, besteht aus vier Häuserblöcken, die jeweils einen Innenhof umschließen. Rote Backsteinfassade, Ziegeldächer und weiße Balkone – so hat das Wohngebiet lange Zeit ausgesehen. Rund 1.700 Menschen haben hier vor dem Umbau gewohnt. Über 80 Prozent der Bewohner zählt die Regierung als nicht-westlich.
Im Zuge des Umbaus werden die Dächer mit weiteren Wohnungen aufgestockt, neue Balkone werden montiert. Manche Häuser behalten die ursprüngliche rote Backsteinfassade. An anderen ist die Fassade schwarz oder weiß überstrichen worden. Kleinteilig soll es zukünftig aussehen, nicht wie ein zusammenhängender Block.
Nach der schrittweisen Grundsanierung des gesamten Wohngebietes werden zwei der vier Blöcke auf Grundlage des Ghetto-Plans an einen privaten Investor verkauft. In den bereits verkauften und neu vermieteten Wohnungen wird nun die doppelte Miete verlangt.
Als leichter Nieselregen einsetzt, zieht sich Majken Felle die Kapuze ihres grünen Parkas über die schulterlangen blonden Haare. Sie gehört zu den anderen 20 Prozent von Mjølnerparken. Als eine typische Dänin beschreibt sie sich selbst.
Majken Felle / Bewohnerin von Mjølnerparken
Klagen durch alle Instanzen
Auch ihre Wohnung liegt in einem der zum Verkauf freigegebenen Blöcke. Zwar ist ihr, wie es der Ghetto-Plan für alle vorsieht, deren Wohnung abgerissen oder verkauft wird, eine Ausweichwohnung angeboten worden. Sie kann sogar in dem nicht verkauften Teil von Mjølnerparken bleiben. Damit will sie sich aber nicht zufriedengeben.
„Wir waren eine echte Gemeinschaft“, sagt Felle. Die Zwangsräumungen hätten diese auseinandergerissen. Gemischte Nachbarschaften, das sei ja im Grunde kein schlechtes Ziel. „Niemals sollten dafür aber Menschen aus ihrem Zuhause vertrieben werden.“
Felle klagt sich deshalb durch alle Instanzen. Ende September ist sie nach Luxemburg zu einer Anhörung vor dem Europäischen Gerichtshof geflogen. 2025, hofft sie, werde das Gericht dem Ghetto-Plan ein Ende setzen. Die Chancen stehen gut. Die Generalanwältin des Europäischen Gerichtshofes hält das Gesetz für diskriminierend. In ihrem aktuellen Schlussantrag von Mitte Februar argumentiert sie, dass auf der Grundlage eines ethnischen Merkmals manche Mieter schlechter als andere behandelt werden. Damit würde Dänemark letztlich auch die Chancen schmälern, sich in die Gesellschaft integrieren zu können. Bindend ist diese Auffassung für das Gericht nicht. Ein Urteil wird bis diesen Sommer erwartet.
Felle geht es mit ihrer Klage nicht nur um ihre Wohnung und auch nicht allein um Mjølnerparken. Für 18 Wohngebiete in Dänemark gibt es mittlerweile Umbaupläne auf Grundlage des Plans, den Ex-Premier Lars Løkke Rasmussen 2018 unter dem Titel „Ein Dänemark ohne Parallelgesellschaften: Keine Ghettos 2030“ vorstellte. Über 4.000 Sozialwohnungen sollen bis 2030 abgerissen, über 600 verkauft werden. Zahlen, wie viele Menschen dabei umgesiedelt werden, erhebe man allerdings nicht, heißt es vom dänischen Wohnungsministerium auf taz-Anfrage.
Unter anderem die Vereinten Nationen kritisieren Dänemarks Politik. Einerseits liege dem Ghetto-Plan mit seinen Listen über nicht-westliche Migranten eine diskriminierende Ungleichbehandlung zugrunde. Andererseits griffen Zwangsumsiedlungen tief in das Leben der Menschen ein.
Dänemarks Regierung hält den Plan hingegen für erfolgreich, weil die Zahl der Wohngebiete kontinuierlich abnimmt, die auf der jährlich aktualisierten Liste landen. Auch Mjølnerparken ist dort mittlerweile nicht mehr zu finden. Nicht etwa, weil die Einkommen der Bewohner gestiegen sind. Schlicht, weil nur Wohngebiete mit mindestens 1.000 Bewohnern erfasst werden und Mjølnerparken durch die Umbaumaßnahmen diese Marke mittlerweile unterschritten hat.
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Muhammad Aslan ist einer der ersten Bewohner, der 1987 in das neu gebaute Viertel gezogen ist. Aslan hat einen weißen Bart, trägt eine weiße Takke, die Gebetskopfbedeckung für muslimische Männer, und eine blaue Winterjacke mit „Taxi“-Aufschrift. Er macht eine kurze Pause vor einem der Blöcke, während Bauarbeiter mit einem Kran einen Container umplatzieren.
Mit sieben Jahren ist er aus Pakistan nach Dänemark gekommen. „Ein Zuhause entsteht durch Erinnerungen“, sagt er. Auch seine Wohnung, in der er vier Kinder großgezogen hat, ist verkauft worden. Er selbst wohnt mittlerweile in der dritten temporären Wohnung. „Unsere Erinnerungen lagern in Kisten eingepackt in einem Abstellraum“, sagt Aslan, bevor er weiter muss, den nächsten Kunden mit seinem Taxi abholen.
Nicht alle Mieter aus den Wohnungen der zwei verkauften Häuser kommen in den verbliebenen Blöcken des öffentlichen Wohnungsunternehmens im Viertel unter. Anderthalb Kilometer von Mjølnerparken entfernt sitzt Hannah Pawl in ihrer neuen Wohnung. Vierter Stock, doppelte Miete, von dem, was zuvor Majken Felle gezahlt hat. An der Wand hängt ein Bild, das ihr Vater, ein südafrikanischer Künstler, gemalt hat. Im Bücherschrank steht ein Band über Nelson Mandela.
In Mjølnerparken hat sie in einem Haus für Senioren gewohnt. „Als ich nach Mjølnerparken gezogen bin, dachte ich, das ist der Ort, an dem ich alt werden möchte“, sagt Pawl. Lange hätten sie dafür gekämpft, dass die ganze Seniorengruppe zusammen in einem neuen Haus untergebracht wird. Nach und nach seien sie aber über die Stadt verteilt umgesiedelt worden. Ihre früheren Nachbarn wären schlagartig alt geworden. Das Bett würden manche in ihrer neuen Umgebung nun kaum noch verlassen. „Sie haben uns unsere Gemeinschaft genommen und uns in die Einsamkeit gedrängt“, sagt Pawl.
Diese Menschen sind kein Kollateralschaden. Dass sich der dänische Premierminister 2018 Mjølnerparken ausgesucht hat, um seinen Plan zu präsentieren, ist kein Zufall. Das Wohngebiet ist ein Symbol. Das Bild, das viele Dänen von Mjølnerparken haben, ist geprägt von Gangs, die sich in der Gegend Schießereien lieferten. Und von Omar El-Hussein, Mjølnerparkens wohl bekanntestem zwischenzeitlichen Bewohner, der 2015 bei einem islamistischen Anschlag auf ein Kulturzentrum und eine Synagoge in Kopenhagen zwei Menschen tötete.
Nebenan die angeblich coolste Nachbarschaft
Gleichzeitig gehört Mjølnerparken zum Stadtteil Nørrebro. Ein ehemaliges Arbeiterviertel, das 2021 vom britischen Time Out-Magazin zur „weltweit coolsten Nachbarschaft“ gewählt worden ist. Neben den vier Blöcken ist aus einem alten Straßenbahndepot eine Bibliothek geworden, in der Studenten vor den Bildschirmen ihrer Laptops sitzen. Davor liegt ein langgezogener öffentlicher Platz, der mit allerlei baulichen Elementen, wie einer sternförmigen Fontäne der Vielfalt, der Nachbarschaft ein Denkmal setzen soll.
Gleich nebenan in einem Café sitzt Iman Badr. „Hier keine Laptops erlaubt“, steht in Englisch auf einem Schild an der Theke. Badr ist in Mjølnerparken aufgewachsen. Die Probleme der Nachbarschaft hätten oft etwas mit Drogen zu tun gehabt. „Das waren damals Jungs in meinem Alter“, sagt die 32-Jährige. „Ich war eher der Typ Schulnerd“, schiebt Badr hinterher, nachdem sie einen Schluck von ihrem Kaffee genommen hat. Sie trägt einen schwarzen Rollkragenpullover und ihre schwarzen Haare offen. Eine Zeit lang habe sie auch ein Kopftuch getragen. Als sie es abgelegt hat, hätte das niemand in Mjølnerparken kritisch beäugt.
Unsicher habe sie sich dort nie gefühlt. Wer nicht Teil einer Gang war, konnte hier größtenteils ein ungestörtes Leben führen, sagt sie. Für viele außerhalb von Mjølnerparken spielt es hingegen keine Rolle, ob man Teil einer Gang ist oder ein Streber. In der Schule seien die Lehrer oft erstaunt gewesen, dass sie, die aus Mjølnerparken kommt und eine arabischen Namen hat, Dänisch spricht und gute Noten schreibt. „Während meines Studiums habe ich mich dann lange Zeit geschämt, zu sagen, wo ich herkomme“, sagt sie. Heute arbeitet Badr als Ärztin.
Sie sucht einen Text auf ihrem Smartphone. Als sie 14 Jahre alt war, sollte sie in der Schule eine Geschichte schreiben, wie ihr Zuhause in der Zukunft einmal aussehen könnte. Von Robotern und fliegenden Autos hat Badr geschrieben – und von den Blöcken von Mjølnerparken. In ihrer Geschichte stehen sie kurz vor dem Abriss. Dass sie sich 2006 schon nicht mehr vorstellen konnte, dass Mjølnerparken eine Zukunft haben wird, liegt an den Wurzeln des Ghetto-Plans, die bis weit vor den Besuch des dänischen Premierministers zurückreichen.
Kurz nach dem 11. September 2001 bekommt Dänemark eine rechte Regierung. Von fehlgeschlagener Integration ist nun die Rede. Eine Expertenkommission wird einberufen und schließlich werden ab 2010 Wohngebiete in Listen von gefährdeten Orten bis hin zu harten Ghettos eingeteilt.
Der Plan, der 2018 folgt, ist nicht allein ein Projekt Dänemarks rechter Politiker. 2019 gewinnen die Sozialdemokraten die Wahlen. Mette Frederiksen wird Premierministerin. Sie gibt das Ziel „null Asylbewerber“ aus. Nicht nur die Einwanderungspolitik wird noch einmal verschärft. Es bleibt auch bei der harten Hand in den nicht-westlichen Wohngebieten. Lediglich die Bezeichnung Ghetto wird gestrichen. Stattdessen werden die Wohngebiete jetzt offiziell „Parallelgesellschaften“ genannt.
Von dem Café, in dem Iman Badr unweit von Mjølnerparken sitzt, dauert es eine halbe Stunde, um bis nach Tingbjerg zu kommen. Die Siedlung im Norden von Kopenhagen ist ein Lehrstück dafür, dass sich soziale Probleme nicht allein mit dem Betonmischer lösen lassen. Tingbjerg, das ist eine Siedlung aus dreistöckigen Häuserreihen, gebaut aus gelben Backsteinen und umgeben von viel Grün.
Wie viele andere Nachkriegssiedlungen des öffentlich geförderten Wohnungsbaus ist Tingbjerg ursprünglich nicht nur für Menschen mit wenig Geld gebaut worden. Vor allem die Mittelschicht hat hier gelebt. Ob Tingbjerg oder Mjølnerparken, bis heute ist der soziale Wohnungsbau in Dänemark von gemeinnützigen Genossenschaften und Wohnungsbaugesellschaften geprägt. Diese erhalten öffentliche Subventionen. Ihre Wohnungen dürfen sie nur kostendeckend und nicht gewinnbringend vermieten. Die Wohnungen werden über eine Warteliste vergeben, auf die man sich unabhängig von starren Einkommensgrenzen setzen lassen kann.
Doch in den 1980er Jahren werden in Dänemark Eigenheime erschwinglich, die Normalverdiener wandern zunehmend aus Siedlungen wie Tingbjerg ab. Vor allem Migranten mit wenig Geld ziehen in die frei werdenden Wohnungen. Die Siedlungen wandeln sich. Von Szenen wie aus einem Tarantino-Film schreibt die dänische Presse, als hier 2008 ein 19-jähriger mit einer Maschinenpistole hingerichtet wird. Auch Tingbjerg landet auf der Ghetto-Liste.
Diese verschlafene Siedlung – ein Ghetto?
Henrik Mønsted Larsen steht im Vorhof eines Flachbaus. Ein Bienenhaus, ein leerer Hühnerstall und ein selbst gebauter Pizzaofen finden sich hier. Mehrere Männer gehen durch den Hof in das Haus. Es ist das Gemeinschaftszentrum von Tingbjerg. Heute findet wieder der Gesprächskreis der Väter des Viertels statt, erklärt Larsen, der für die Wohnungsgesellschaft von Tingbjerg arbeitet. Larsen erzählt, er hatte zuletzt Besuch aus England, der ihn ungläubig angeschaut habe, wie die verschlafene Siedlung als ein Ghetto gelten kann.
In Tingbjerg hat sich viel geändert. Ein wichtiger Baustein dabei sind die Minijobs. Gartenpflege, Café-Schicht oder Hausmeisterarbeiten: Statt für manche Arbeiten externe Dienstleister zu beauftragen, vergibt die Wohnungsgesellschaft Arbeiten über wenige Stunden die Woche an Jugendliche des Viertels. Sie können sich damit ein paar Kronen verdienen. Was sie einerseits davon abhalten soll, sich Gangs anzuschließen. Andererseits ist es eine erste Referenz im Lebenslauf, mit der sie sich auf andere Stellen bewerben können.
Mittlerweile steht Tingbjerg nicht mehr auf der Ghetto-Liste. Grund sei nicht der Ghetto-Plan, sondern die sozialen Anstrengungen aller Akteure, von der örtlichen Schule bis zur Wohnungsgesellschaft. „In den letzten Jahren haben sich die Statistiken deutlich verbessert, ohne dass in eine einzige neu gebaute Wohnungen neue Bewohner eingezogen sind“, sagt Larsen.
Die Wohnungsgesellschaft ist trotzdem verpflichtet, bauliche Veränderungen vorzunehmen. Statt die Hälfte der Wohnungen zu verkaufen oder gar abzureißen, werden in Tingbjerg vor allem neue Wohnungen gebaut. Larsen findet das nicht schlecht. Er vergleicht das Wohngebiet mit einem Computer, der beides, Hard- und Software braucht, um zu funktionieren. Bauliche Veränderungen könnten helfen, Tingbjerg zu öffnen und neu zu beleben. Ein Neubau allein reiche aber nicht aus.
„Es darf nicht nur um die Backsteine gehen. Es muss vor allem um die Menschen gehen, die zwischen ihnen leben“, sagt er. Larsen ist überzeugt, wer wirklich will, dass neue Bewohner einen positiven Einfluss auf bestimmte Wohngebiete haben, der muss auch einen Kontakt zwischen alten und neuen Mietern herstellen.
Zurück in Mjølnerparken lässt sich das Gegenteil beobachten. Gegenüber einem der verkauften Blöcke, in den bereits neue Mieter eingezogen sind, hängt ein Transparent. „Finger weg von unserem Zuhause“, steht darauf. Mit den neuen Bewohnern des Wohngebiets haben die alten keinen Kontakt. Das Gemeinschaftszentrum, das am 1. März 2018 noch kurzfristig den Gymnastikkurs abgesagt hat, damit Lars Løkke Rasmussen hier seinen Ghetto-Plan erklären kann, ist mittlerweile abgerissen.
Majken Felle versucht zu beschreiben, wie das Viertel einmal ausgesehen hat. Ein Lächeln zeigt sich auf ihrem Gesicht. Während des Corona-Lockdowns hätten sie aus den jetzt dunklen Fenstern gesungen. Zum Glück hätte ihre Nachbarin Saxofon gespielt, so habe man ihre schräge Stimme nicht so laut hören müssen, scherzt sie.
Ja, der Ghetto-Plan habe die Gemeinschaft auseinandergerissen. Die Bewohner, die bleiben konnten, seien aber enger zusammengerückt. Sie ist sicher, wenn sie erst einmal vor Gericht gewonnen haben, sie die Spielplätze zurückbekommen und die Gartenstühle wieder in den Hof stellen, wird alles wieder so sein wie zuvor. „Außer für die Leute, die gehen mussten.
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