Dobrindt zu Korruption in der Union: Systematischer Realitätsverlust

CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt kritisiert die korruptionsbedingte Kritik an der Union. Damit offenbart er sein verzerrtes Bild der Realität.

Alexander Dobrindt steht am Rednerpult und gestikuliert

Realitätsverlust: CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt (rechts) neben Ralph Brinkhaus (CDU) Foto: Michael Kappeler/dpa

In der coronalen Gegenwart gibt es viele Probleme zu beklagen, die uns daran hindern, endlich in ein einigermaßen postcoronales Zeitalter einzutreten. Eines dieser Probleme, das zeigt sich mit jedem Tag eindrücklicher, rührt von einer dramatischen Diskrepanz in der Wahrnehmung der Realität her.

Da ist zum einen jene Wahrnehmungskluft zwischen Co­ro­na­leug­ner:innen, die sich in deutschen Städten regelmäßig zur angekündigten Eskalation verabreden, und den vielen anderen Menschen, die durchhalten, obwohl es viele, viele Gründe gäbe, die Nerven zu verlieren.

Ein anderes Beispiel verzerrter Realitätswahrnehmung zeigt sich dieser Tage bei Politikern zweier Schwesterparteien, deren „C“ im Parteinamen vielleicht doch nicht für „christlich“, sondern für cash steht; und die dieser Tage wegen ihrer zahlreichen Affären (euphemistisch für Korruption) mit Aserbaidschan und Masken auf sich aufmerksam machen.

Dieser Realitätsverlust in den Reihen der Union zeigte sich nun am Wochenende in seiner ganzen verstörenden Tragik. Beklagte sich kürzlich ein hessischer Unionsabgeordneter noch darüber, dass ihm Journalisten anlässlich der Maskenaffäre Fragen stellen, geht CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt nun noch weiter. Er bezeichnete Kri­ti­ke­r:in­nen der korrupten Verhältnisse in der Union und ihrer systemischen Ursachen als jene, die mit ihrer Kritik die Demokratie zersetzten.

Dem Tagesspiegel sagte Dobrindt: „Wenn jetzt versucht wird, den Eindruck zu erwecken, das massive Fehlverhalten Einzelner sei systemisch, dann wird Politik insgesamt diskreditiert“. Und: „Das ist zersetzend für die Demokratie.“ Und: Jeder solle sich gut überlegen, „ob er damit nicht den Gegnern der Demokratie von rechtsaußen Vorschub leistet.“

Vor allem die letzte Aussage zeigt, unter welch besonders schwerem Fall von Realitätsverlust Herr Dobrindt leidet: Da macht einer jene für den gesellschaftlichen Rechtsruck verantwortlich, die Unionspolitiker gerade auch dafür kritisieren, dass diese mit ihrem unsozialen Verhalten rechte Systemkritiker in deren Erzählung eines korrupten Systems bedienen.

Bei solch schweren Fällen hilft nur eines, um sich wieder einigermaßen spüren zu können: das Ausscheiden aus der Regierung. Oder noch effektiver: der Fall unter die Fünfprozenthürde.

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