: Die machenwas
Viele Menschen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern versuchen, der AfD die Landtagswahlen zu vermiesen. 19 von ihnen verraten ihre Strategien
Von Evke Bakker, Anne Fromm, Katrin Gottschalk, Konrad Litschko und David Muschenich
Ende Juni atmete die Kulturszene in Sachsen-Anhalt kurz auf. Der Landtag hatte einen Antrag der AfD abgelehnt, der alle Kultureinrichtungen und -projekte im Land betroffen hätte. Sie sollten nur noch Geld bekommen, wenn sie vorher ein „Bekenntnis zu Staat, Demokratie und deutscher Kultur“ abgeben.
Sollte die AfD im Herbst gewinnen, ist die Idee wieder auf dem Tisch. Die rechtsextreme Partei will Kultur nur fördern, wenn sie „einen Beitrag zu deutscher Identitätsfindung leistet“. Dabei liegt die ganze Kraft von Kultur darin, keinen Zweck erfüllen zu müssen, keine Grenzen zu kennen oder diese gezielt zu überschreiten. Oder, wie Annegret Laabs es sagt: „Wir können nicht deutsch denken, weil es keine deutsche Kultur gibt.“
Laabs ist Direktorin des Kunstmuseums Magdeburg und Sprecherin einer Initiative namens Kultur ist Vielfalt und Heimat. Das Netzwerk formierte sich, als die kulturpolitischen Pläne der AfD für Sachsen-Anhalt in diesem Frühjahr bekannt wurden. Mittlerweile sind fast alle Kulturinstitutionen des Landes dabei – große wie das Bauhaus Dessau, kleinere wie das Schachmuseum Halberstadt – und ganze Netzwerke wie die Kulturfördervereine in Sachsen-Anhalt.
„Heimat ist dort, wo Vielfalt gelebt und Kunstfreiheit verteidigt wird“, steht im Statement der Initiative. Das funktioniere, weil es ein positiver Aufruf sei, sagt Laabs: „Es geht um kulturelle Vielfalt, die erhalten bleiben soll an dem Ort, an dem die Menschen leben.“
Laabs wurde im sachsen-anhaltinischen Eisleben geboren, studierte in Bamberg und Marburg, arbeitete dann in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und ist nun bereits seit 25 Jahren Museumsdirektorin in Magdeburg.
Bis vor Kurzem beeindruckte sie ihre Besucher*innen dort mit einem riesigen, weißen Nashorn. Itamar Gov erinnert mit diesem Kunstwerk an „Die Nashörner“ von Eugène Ionesco, ein Theaterstück, in dem eine ganze Stadt sich nach und nach in ebensolche verwandelt, zum autoritären Kollektiv wird. „In der Kultur sind zum Glück keine Nashörner unterwegs“, sagt Laabs. Zur Mahnung zieht dieses eine aus Magdeburg nun weiter nach Halle (Saale), Salzwedel und Dessau-Roßlau.
Annegret Laabs, Sprecherin der Initiative Kultur ist Vielfalt und Heimat und Direktorin des Kunstmuseums Magdeburg.
Manchmal übersetzt Saaeid Saaeid einfach nur einen Brief. Manchmal begleitet er Menschen auf Behörden. Und manchmal organisiert er Kulturangebote oder Informationsveranstaltungen. Auf diese Weise engagiert sich der 26-jährige Student in Sachsen-Anhalts Landeshauptstadt Magdeburg quasi täglich für Integration und Teilhabe.
„Als ich selbst aus Syrien nach Deutschland gekommen bin, habe ich gemerkt, wie schwer es sein kann, wenn man die Sprache nicht kennt oder nicht weiß, wie man mit den Behörden richtig umgeht“, sagt er. 2018 war das. Er habe gesehen, dass es anderen genauso geht, und sich entschieden, sie zu unterstützen. „Ich wollte nicht nur zuschauen, wie Menschen wegen kleiner Hürden große Probleme bekommen.“
Inzwischen ist Saaeid Vorstandsvorsitzender des Syrisch-Deutschen Kulturvereins in Magdeburg, Mitglied in Magdeburgs Integrationsbeirat und hauptamtlich Sprecher des Flüchtlingsrats von Sachsen-Anhalt. In dieser Rolle war Saaeid Ende Juni auch bei der Linksfraktion im Landtag zu Besuch.
Er wolle auf die Herausforderungen aufmerksam machen, vor denen zugewanderte Menschen stehen. Aktuell seien diese größer denn je. „Viele sind erschöpft, haben Angst, Fehler zu machen. Besonders, wenn es eine neue Rechtslage gibt, zum Beispiel bei der Verlängerung des Aufenthaltstitels.“
Erfolg spüre er, wenn jemand verstehe, was in einem Brief steht, sagt er. „Wenn eine Familie weniger Angst hat, weil Informationen geklärt wurden. Oder wenn Menschen zu einer Veranstaltung kommen und merken: Ja, wir gehören dazu.“
Saaeid Saaeid, Sprecher des Flüchtlingsrats von Sachsen-Anhalt.
Alicja Orlows Devise lautet: „Erst mal zuhören – und dann anpacken.“ Die 38-Jährige ist auf Usedom aufgewachsen, ging für Studium und Arbeit nach Bremen, Hamburg, Berlin, bis nach Benin und Krakau, wirkte dort in Demokratie- und Kulturprojekten. Vor fünf Jahren kehrte sie zurück, in ein 600-Einwohner*innen-Dorf zwischen Greifswald und Usedom.
Sie fühle sich sehr wohl dort, sagt Orlow. Anfangs wirkten die Menschen vielleicht distanziert – begegne man ihnen offen, seien sie es aber auch. Orlow engagiert sich mit einnehmender Art und immer einem Lächeln für die Demokratie als stellvertretende Geschäftsführerin des Vereins RAA – Demokratie und Bildung Mecklenburg-Vorpommern und in anderen Projekten vor Ort.
Dabei setzt sich Orlow erst mal zu den Menschen, findet raus, was sie umtreibt – und erarbeitet dann mit ihnen, was es braucht, um den demokratischen Zusammenhalt zu stärken. Ein Fest, ein Sportevent, ein Vernetzungstreffen für ehrenamtlich Engagierte? „Wenn die Menschen sehen, dass das Projekt ihrem Dorf weiterhilft, packen sie immer mit an.“ Ohnehin würden sich viele ehrenamtlich engagieren, ohne sich dabei als Zivilgesellschaft zu benennen. „Aber genau das ist demokratisches Engagement.“
Und Orlow geht auch dahin, wo es vermeintlich ungemütlich wird. In ihrem Dorf trat sie vor gut einem Jahr in die Feuerwehr ein. Weil sie sich vor Ort einbringen wollte, weil die Feuerwehr eine wichtige Instanz sei. Am Ende sei sie selbst wohl am skeptischsten gewesen, doch „sehr nett“ aufgenommen worden, sagt sie. „Das war auch mal ein guter Anlass, zu reflektieren, wo wir selbst Vorurteile mitbringen.“
Es sind auch solche Erfahrungen, die Alicja Orlow Hoffnung machen, dass die Demokratie längst nicht verloren ist, auch nicht bei der Wahl im September. Die Mehrheit der Menschen im Land sei nicht rechtsextrem, ist sie überzeugt. Und: „Ich bin Optimistin, immer schon.“
Alicja Orlow, Demokratiearbeiterin in Vorpommern.
Katja Thiede nennt sich „Pingpongaktivistin“, ihre Demokratiearbeit findet an der Tischtennisplatte statt. Im September 2024 hat sie mit Freunden einen ehemaligen Friseursalon in Neustrelitz angemietet und zwei Tischtennisplatten reingestellt. Mehrmals in der Woche sind dort Eintritt und Mitspielen kostenlos. An den Platten träfen sich Leute, die sich sonst wohl nie begegnen würden, sagt Thiede. „Egal, ob sie jung oder alt sind, arm oder reich oder wo sie politisch stehen: Wichtig ist, dass sie sich wohlwollend den Raum teilen.“ Thiede hofft, so gesellschaftliche Blasen aufzubrechen, damit fange für sie Demokratie und Frieden an.
Den Tischtennissalon labelt sie bewusst nicht als linken Ort, das würde viele abschrecken, denkt sie. Die Regenbogenflagge flattert nicht vor dem Salon, sie steckt drinnen in einer Blumenvase. Trotz der Offenheit gibt es rote Linien: Wer Menschen beleidigt oder diskriminiert, sei es durch Kleidung oder Symbole, muss gehen. Vorgekommen sei das aber noch nie, sagt Thiede.
Im Gegenteil, das Tischtennisprojekt wächst. Im Sommer organisieren sie und ihr Verein ein jährliches Tischtennisfestival in Neustrelitz, das „Ping Pong Palooza“. Gerade haben sie außerdem einen zweiten Salon in einem ehemaligen Schuhgeschäft eröffnet. Dort steht die „Pixelplatte“, eine Tischtennisplatte mit integrierter Computertechnik für Kinder und Jugendliche.
Katja Thiede ist in Mirow bei Neustrelitz geboren und aufgewachsen, nach der Schule aber erst mal weg – Australien, Neuseeland, Berlin. 2019 zog es sie und ihre Familie zurück.
Die erste öffentliche Tischtennisplatte hat sie mit Freunden zu Beginn des Kriegs in der Ukraine aufgestellt, um Spenden für das Land zu sammeln. Bis heute schultern Thiede und ihr kleines Team das Projekt ehrenamtlich. Die Möbel der Sitzecken sind gebraucht, die Tischtennisplatten teilweise ebenfalls. Das Projekt wird punktuell von Stiftungen gefördert und hat kürzlich den Deutschen Nachbarschaftspreis der nebenan.de Stiftung gewonnen. Damit zahlt Katja Thiede die Miete für die beiden Salons. Neues Equipment schafft sie über Spendengelder an.
Katja Thiede, Gründerin von Ping Pong Neustrelitz.
Das Dorf Dornburg liegt idyllisch an der Elbe, eine gute halbe Stunde von Magdeburg entfernt. Überregional bekannt wurde es durch die örtliche Fußballmannschaft: einen Verein, in dem militante Neonazis spielten. Der Verfassungsschutz hat ihn beobachtet, Schiedsrichter weigerten sich, seine Spiele zu pfeifen, schließlich wurde er verboten. Unweit des ehemaligen Sportplatzes veranstaltet Marcel Böge mit seiner Crew seit zwei Jahren ein Festival, das „Contrasts in Symbiosis“, kurz CoSy.
Einmal im Jahr bringt das CoSy als Non-Profit-Veranstaltung Kunst und elektronische Musik in das historische Barockschloss Dornburg. Damit geriet es schnell in den Blick der AfD. Die stellte die Finanzierung infrage sowie Anfragen im Kommunalparlament und Landtag. Doch Böge und sein Team halten durch.
Marcel Böge lebt in Magdeburg und ist Teil der Love Foundation, eines Kollektivs aus Künstlern und Musikern, das Kulturveranstaltungen organisiert. Das Schloss Dornburg, sagt er, sei ein großes Glück. Die historische Kulisse locke DJs und Künstler aus aller Welt. Die Bevölkerung des Orts sei am Anfang skeptisch gewesen. Dem ist das Team mit der Strategie der Umarmung begegnet. Die CoSy-Leute bringen sich ein: Schon vor dem Festival sammeln sie Müll auf, besuchen das traditionelle Maibaumrichten. Die Kartoffeln für die Festivalverpflegung pflanzen sie bei lokalen Bauern, die Bewohner:innen Dornburgs haben am ersten Festivaltag freien Eintritt.
Und das funktioniert. Von 280 Bewohner:innen kämen mittlerweile 100 auf das Festival und schätzen das bunte Angebot, sagt Böge. Auch in diesem Jahr steigt das CoSy wieder, vom 7. bis zum 10. August.
Marcel Böge organisiert das CoSy-Festival in Dornburg.
Christopher Street Days sind in letzter Zeit Hauptangriffsziele von Rechtsextremen geworden. Rachel Hanf schreckt das nicht ab – im Gegenteil. Sie hat genau dort einen CSD ins Leben gerufen, wo die Rechten besonders stark sind: in der mecklenburgischen Kleinstadt Grevesmühlen. „Stadtfeste, auf denen sich Leute besaufen, gibt es hier schon genug“, sagt Rachel Hanf. „Viel dringender brauchen wir ein buntes, tolles, politisches Fest.“
Hanf stammt aus der Nähe von Grevesmühlen. Die 20-Jährige engagiert sich seit fünf Jahren politisch, war Anne-Frank-Botschafterin für die Region, hat Demos gegen Rechtsextremismus veranstaltet. In Wismar hat sie 2024 zum ersten Mal einen CSD mitorganisiert, im Herbst 2025 dann den ersten in Grevesmühlen. Der sei eine besondere Herausforderung gewesen, sagt Hanf, weil es seit den 90er Jahren hier eine gefestigte Neonaziszene gebe. Das Team um Hanf wurde angefeindet und bedroht, Hanf von Rechtsextremen zu Hause aufgesucht. Sie bekam Polizeischutz für die Zeit vor und während des CSDs. Schön war das nicht, aber sie sei abgehärtet, sagt sie nun.
Der erste CSD in Grevesmühlen wurde ein Erfolg: Mehr als 1.000 Teilnehmer*innen kamen, ließen sich nicht einschüchtern von den 350 Neonazis, die die Parade zu verhindern suchten. In diesem Jahr pausiert der CSD in Grevesmühlen, dafür wird es wieder einen in Wismar geben, den Rachel Hanf ebenfalls mitorganisiert. Er findet am 12. September statt, zehn Tage vor der Landtagswahl.
Rachel Hanf organisiert die CSDs in Grevesmühlen und Wismar.
Kurz nach der Correctiv-Recherche zum Geheimtreffen der AfD findet im Februar 2024 die erste große Demo in Magdeburg statt. Kurz darauf gründet sich das Bündnis „Sachsen-Anhalt. Weltoffen!“. Mittlerweile sind 264 Organisationen sowie 168 Einzelpersonen darin vertreten, darunter lokale Demokratieinitiativen, Wohlfahrts- und Umweltverbände, die Kirchen, Gewerkschaften, Theater. Katrin Skirlo ist eine der Vertreterinnen des Bündnisses und Landesleiterin des DGB in Sachsen-Anhalt.
Zur Landtagswahl hat das Bündnis eine Kampagne gestartet: „Vielfältig. Demokratisch. Solidarisch. – Wir haben die Wahl.“ Seit April finden unter diesem Motto im ganzen Bundesland Veranstaltungen statt. Das große Finale soll am 5. September in Magdeburg stattfinden – eine große Demo, die mittags durch die Innenstadt führt und ab 15 Uhr in eine bunte Versammlung auf dem Domplatz mündet. Skirlo rechnet mit mehreren Tausend Demonstrierenden.
„Wir rufen dazu auf, an diesem Tag nach Magdeburg zu kommen, um mit uns gemeinsam zu demonstrieren und ein Zeichen für Vielfalt, Zusammenhalt und Demokratie zu setzen“, sagt sie. Prominente Gäste werden Reden halten, darunter die Publizistin Carolin Emcke, die Holocaustüberlebende Henriette Kretz und der Social-Media-Aktivist „Maximal Demokratisch“. Musik kommt vom Hamburger Popstar Berq und der schwäbischen Indieband Provinz.
„Uns ist wichtig, einen Tag vor der Wahl die Zivilgesellschaft noch einmal richtig sichtbar zu machen“, sagt Skirlo. Mit der Veranstaltung wolle man zeigen, dass es viele seien, die sich in Sachsen-Anhalt für die Demokratie einsetzten. Es soll ein Tag werden, der allen Mut macht – für die Wahl, aber auch darüber hinaus.
Katrin Skirlo, DGB Sachsen-Anhalt und Bündnis „Sachsen-Anhalt. Weltoffen!“.
Als Cathleen Hoffmann 2024 mit ihrem Bündnis lebenswertes Land in den Stadtrat von Salzwedel gewählt wird, ist sie eine Besonderheit. Der Frauenanteil in deutschen Kommunalparlamenten beträgt nur 30,5 Prozent, nur 9 Prozent aller Kommunen werden von einer Frau geführt. In Cathleen Hoffmanns Bündnis sind nur Frauen. Sie sitzt in den Ausschüssen für Bau, Verkehr, Ökologie, Stadtmarketing und Standortentwicklung.
Die 46-Jährige war erst Mitglied der Grünen, empfand dies im Gespräch mit den Menschen vor Ort aber als Hemmnis. In die Politik gegangen ist sie, um ihre Perspektive einzubringen: die einer alleinerziehenden Frau. Um ihr Kind großzuziehen, kehrte sie aus Berlin in ihre Geburtsstadt Salzwedel zurück.
Hoffmann arbeitet beim Miteinander e. V. als Bildungsreferentin. In dieser Rolle wollte sie in Salzwedel ein Demokratieprojekt für Schüler*innen umsetzen. Das Geld aus dem Fördertopf „Demokratie leben!“ war schon bewilligt, es fehlte nur noch der kommunale Eigenanteil von gerade einmal 4.500 Euro im Jahr. Der Stadtrat stimmte mithilfe der CDU dagegen.
Aktuell hält sich die CDU vor Ort eher bedeckt. Alle anderen demokratischen Akteur*innen seien so aktiv wie nie, sagt Hoffmann. „Das gibt mir Hoffnung.“ Sie fürchtet allerdings, dass es um sie herum einsamer werden würde, sollte die AfD im September gewinnen. „Damit Frauen bleiben, braucht es ein progressives Klima, mehr Jobs und Sensibilisierung derjenigen, die aktiv sind. Wenn eine Frau sich im Ortschaftsrat engagieren will, dann darf sie nicht nur als Protokollantin herhalten.“ Dass sich Engagement lohne, davon ist Hoffmann überzeugt. „Man bewegt immer was, kann Impulse setzen“, sagt sie. „Man muss sich an den Tisch der Männer setzen.“
Cathleen Hoffmann, Stadträtin in Salzwedel.
Torsten Franz erfuhr schon in den 90er Jahren in Quedlinburg, was rechtsextreme Gewalt bedeutet. Als Teil der autonomen Szene in der Stadt erlebte er wiederholte Angriffe von Neonazis auf linke Hausprojekte vor Ort und in der Umgebung, auch mit Steinen und Brandsätzen. Fast jedes Wochenende musste man „zum Schutz“ ausrücken, hatte eine Telefonkette für Notrufe, erinnert sich Franz. „Es war eine Zeit voller Gewalt, aber auch des antifaschistischen Zusammenhalts.“ Zugleich unterstützten Franz und andere Autonome auch soziale Kämpfe wie die Besetzung des Kaliwerks in Bischofferode durch 500 Kumpel im Jahr 1993.
Nach einer Zeit in Berlin lebt Torsten Franz seit mehreren Jahren wieder in Quedlinburg, arbeitet dort als Anwalt und engagiert sich weiter antifaschistisch. Franz ist vor Ort in einem Antifa-Bündnis aktiv, das etwa Aktionen des Gedenkens an NS-Verbrechen organisiert – und immer wieder auch gegen die AfD protestiert.
Damit ist er in Sachsen-Anhalt nicht allein. Auch dort gibt es Antifa-Gruppen in mehreren Städten, autonome Zentren in Salzwedel oder in Halle. Das widersetzen-Bündnis, das gerade in Erfurt gegen den AfD-Bundesparteitag protestierte, hat Ortsgruppen in Magdeburg und Halle. Und wenn die AfD im Bundesland zu Wahlkampfaktionen lädt, werden diese auch dort immer wieder von antifaschistischen Protesten begleitet.
Torsten Franz hält diese Proteste für unverzichtbar. „Wir dürfen diese Partei nicht normalisieren. Sie ist und bleibt rechtsextrem und gefährlich.“ Gegen die rechtsextreme Raumnahme seien alle Mittel gerechtfertigt, sagt Franz. Wenn es nicht anders gehe, auch Militanz. „Einfach zuschauen, wie sich Menschenfeindlichkeit ausbreitet und Betroffene konkret bedroht werden, kann keine Option sein.“ Wolle man aber wieder in die Offensive kommen, müssten alle progressiven Kräfte zusammenhalten und ein eigenes Gesellschaftsbild vorleben, ist Franz überzeugt.
Selbst wenn die AfD in Sachsen-Anhalt regieren sollte, werde er bleiben. „Dann braucht es ja umso mehr Leute, die sich den Rechtsextremen entgegenstellen.“
Torsten Franz, Antifaschist aus Quedlinburg.
Sabine Klemm sorgt dafür, dass die Menschen in Schwerin immer wieder stolpern – über die Verbrechen des Nationalsozialismus und die Schicksale seiner Opfer. 2006 veranlasste Klemm mit einem Schulprojekt die erste Stolperstein-Verlegung, 2011 rief sie die Initiative Stolpersteine in der Landeshauptstadt ins Leben.
Seitdem wurden in Schwerin 98 Gedenksteine und eine Stolperschwelle von dem Künstler Gunter Demnig verlegt. So wurden mehr als 100 Schicksale sichtbar gemacht. Die Stolpersteine erinnern an alle Opfergruppen der NS-Zeit in Schwerin. Neben Juden wurden dort auch Hunderte Behinderte und Kranke aus der „Heil- und Pflegeanstalt“ am Sachsenberg ermordet. Die Nazis bezeichneten das als Euthanasie. „So etwas muss man wissen, bevor man sich politisch auf eine rechte Partei einlässt“, sagt Klemm. „Auch damals begann es mit Ausgrenzung. Demütigung, Vertreibung, Ermordung folgten.“
Heute können Stolpernde mit einer App zu jedem Gedenkstein mehr erfahren. Auch geführte Rundgänge bieten Klemm und ihre beiden Kollegen an. Ganz besondere Momente sind für sie die Verlegungen neuer Stolpersteine. Nachkommen von Opfern der NS-Zeit treffen dabei erstmals aufeinander, nehmen lange Reisen auf sich, kehren das erste Mal nach Deutschland zurück. Auch in den Medien ziehen die Geschichten ihre Kreise, und die Nachfahren anderer Opfer werden auf die Initiative aufmerksam. „So schläft die Erinnerung nicht ein“, sagt sie. Die Ausmaße der NS-Zeit würden durch die Stolpersteine vor der eigenen Haustür sichtbar und könnten nicht einfach ignoriert werden.
Angesichts der anstehenden Wahl im Land sagt Klemm: „Die AfD bietet keine Lösungen. Nur weil man Leute aus dem Land schmeißt, geht es einem nicht besser. Das zeigt auch Trump in den USA.“ Dennoch sieht sie ihren Einsatz für die Erinnerungskultur nicht unbedingt als politisches Statement. „Ich mach das, um in den Spiegel gucken zu können, nicht um jemanden zu bekämpfen.“ Jede und jeder solle für sich herausfinden, wie sie oder er sich erinnern möchte. Wer aber den Holocaust leugne und die Verbrechen der Nazis relativiere, laufe Gefahr, diese Verbrechen zu wiederholen, sagt Sabine Klemm.
Sabine Klemm pflegt Stolpersteine in Schwerin.
Der ländliche Raum, heißt es, sei besonders abgehängt. Deswegen bepacken Mel Neu und ihre Mitstreiter*innen Ende August für neun Tage ihre Fahrräder und radeln durch die Region im äußersten Norden Sachsen-Anhalts, die Altmark. Auf ihrem Weg besuchen sie demokratische Vereine und Initiativen in Dörfern und Kleinstädten, bauen dort ihre kleine Küche und eine solarbetriebene Bühne auf und machen sich gegenseitig Mut – mit Theater, Zirkus, Musik, Lesungen, Diskussionen, Kundgebungen und Küfa.
„Wir hören hier immer wieder, dass Leute sich nicht mehr trauen, offen im Kollegenkreis, in der Familie oder in ihrem Verein gegen den rechten Mainstream zu sein“, sagt Neu. Für sie alle sei ihre Demokratiekarawane gedacht. Am 21. August starten sie und ihre Mitstreiter*innen in Arendsee. In zehn Tagen wollen sie an zehn Orten Station machen, darunter Bismark, Kalbe, Klötze, Gardelegen und am 23. August Stendal. Im dortigen Kulturzentrum Kunstplatte werden sie ein Kinderfest feiern. Eingeladen sind auch die Menschen aus der nahe gelegenen Geflüchtetenunterkunft. Dort sind besonders vulnerable Personen untergebracht, teils mit besonderem Schutzbedarf. Mel Neu organisiert gerade einen Shuttleservice für sie.
Neu hat in Salzwedel die Omas gegen Rechts mitgegründet und hatte mit ihnen die Idee zur Demokratiekarawane. „Wir arbeiten uns so stark an dem ab, was wir nicht wollen: gegen die AfD, gegen Rassismus. Mit der Karawane wollen wir zeigen, dass wir vor allem für etwas sind, nämlich für eine offene Gesellschaft“, sagt sie.
Mittlerweile haben sich auch andere der Initiative angeschlossen, Studierende aus Halle, Unterstützer*innen aus dem Wendland. Für einige Etappen reisen auch die Omas gegen Rechts aus Potsdam an. Neu schätzt, dass sie mit 20 bis 50 Personen durch die Altmark ziehen und pro Tag etwa 25 Kilometer zurücklegen werden. Am 29. August, acht Tage vor der Wahl, wollen sie wieder in Salzwedel ankommen und dort den Abschluss mit verschiedenen Bands feiern.
Mel Neu, Omas gegen Rechts und Demokratiekarawane Altmark.
Wenn Manfred Keiper daran denkt, welche wirtschaftlichen Auswirkungen eine AfD-Landesregierung hätte, dann befürchtet er Schlimmstes – gerade für die Kultur. „Da ist mit einem beträchtlichen Kahlschlag zu rechnen.“ Keiper ist Inhaber der „anderen Buchhandlung“ im Zentrum Rostocks. 1990 gründete seine verstorbene Frau den Laden, seit 31 Jahren führt er ihn. Dass Kulturstaatsminister Wolfram Weimer in diesem Jahr drei linke Buchläden vom Deutschen Buchhandlungspreis ausschließen ließ, sei für Keiper ein Warnschuss gewesen. Er hat ein wütendes Statement gegen diese Entscheidung veröffentlicht. 2021 hatte er den Preis selbst erhalten. Die linke Ausrichtung seiner Buchhandlung sei kein Geheimnis gewesen, schreibt Keiper in dem Statement. Im Gegenteil, die Jury habe das außerordentliche kulturelle Engagement seiner Buchhandlung ausdrücklich gewürdigt.
Sein Laden bietet Literatur jenseits großer Konzernverlage, Veranstaltungen der Lese- und Bildungsförderung und Raum für gesellschaftspolitische Veranstaltungen. Der Buchhandel ist für Keiper seit jeher politisches Terrain. „Meine Frau hatte den Grundsatz: Bücher verkaufen, um Kultur zu fördern.“ Ein Grundsatz, den er bis heute verfolgt.
Manfred Keiper ist seit fast zehn Jahren Teil der Vollversammlung der Industrie und Handelskammer (IHK) in Mecklenburg-Vorpommern.Bei einer möglichen AfD-Regierung fürchtet er nicht nur Auswirkungen für die Kultur, sondern auch, dass ausländische Fachkräfte das Land verlassen würden oder müssten. „Das setzt unsere Gesellschaft zurück und gefährdet den Wohlstand“, sagt Keiper. Außerdem befürchtet er: „Der Ruf der Region wird beschädigt. Im Handel und Tourismus werden wir ebenfalls verlieren.“
Aus der Literatur zieht Keiper viel, vor allem Schlussfolgerungen für die Zukunft. Schon die antiken Dramen hätten die Folgen von Ausgrenzung und Diktatur in der Politik thematisiert. „Literatur ist auch dazu da, Erfahrungen zu vermitteln, die man lieber nicht erleben möchte“, sagt Keiper. Eine AfD-Landesregierung gehöre für ihn dazu.
Manfred Keiper, Inhaber der „anderen Buchhandlung“ in Rostock.
Bei seiner ersten Wahl, in seiner Heimatstadt Gommern in Sachsen-Anhalt, machte Hannes Kreschel sein Kreuz noch bei der AfD. 16 Jahre alt war er da, die Stimme sei ein Protest „gegen die da oben“ gewesen, sein Vater habe ihm das damals eingeredet, erzählt er. Dann aber sei er Teil einer linken Band geworden und habe gemerkt, dass der Frust soziale Gründe habe und komplexere Antworten verlange.
Seit einem Jahr ist Hannes Kreschel, der inzwischen in Halle wohnt, nun für etwas anderes bekannt: seine Social-Media-Videos. Die dokumentieren, wie er auf AfD-Veranstaltungen und anderen Rechts-außen-Events Teilnehmende interviewt und mit seinen hartnäckigen Fragen ihre Widersprüche und platten Parolen offenlegt. „Die eingefleischten AfD-Leute werde ich damit nicht vom Weg abbringen. Aber vielleicht kommen andere, die zu der Partei neigen, ins Grübeln“, sagt Kreschel. Der 23-Jährige hat inzwischen eine üppige Reichweite: mehr als 75.000 Menschen folgen ihm allein auf Instagram.
Kreschel kontert mit seinen Videos auch eine AfD-Strategie. Seit Jahren setzt die Partei massiv auf Social-Media-Inhalte und hat dort große Reichweiten. „Die demokratischen Parteien haben das verpennt“, kritisiert Kreschel, der auch SPD-Mitglied ist. Umso aktiver ist er nun selbst auf Social Media. „Man muss die Leute da abholen und überzeugen, wo sie sind“, sagt er.
Für seine Arbeit zahlt Kreschel einen Preis. Auf Drehs wird er bedroht. Mit seinem Vater, der ihn für die Videos beschimpfte, hat er gebrochen. Aber Kreschel macht weiter. Und er ärgert sich, dass viele die Wahl im September schon an die AfD verloren geben. „Wahlen werden immer erst in den letzten zwei, drei Wochen entschieden. Noch kann man die Leute von einer anderen Sache überzeugen.“ Auch in Sachsen-Anhalt sei die AfD schlagbar.
In seiner Heimatstadt Gommern kam der AfD-Kandidat bei der letzten Bürgermeisterwahl auf gerade einmal 12 Prozent, auf der AfD-Party zur Landratswahl im Saalekreis sei nur eine Handvoll Leute gewesen. „Auch wenn die AfD das anders inszeniert: Sie ist hier nicht allmächtig. Alles ist noch möglich.“
Hannes Kreschel, Influencer.
Bettina Schlauraff macht kein Geheimnis daraus, wo sie ihre Kirche verortet. In einem Video auf Instagram posiert sie in einem T-Shirt mit der Aufschrift „Antifaschistische Kirche“, in einem anderen plädiert sie gegen das Sachsen-Anhalt-Bashing. „Wir leben nämlich gerne hier“, schreibt sie dazu. Schlauraff ist Regionalbischöfin von Magdeburg, zuständig für das Gebiet zwischen Halberstadt, Salzwedel und Stendal. Sie hat ein Buch geschrieben mit Empfehlungen dazu, wie sich Gemeinden dem Rechtsextremismus entgegenstellen können. Sie ist Ansprechpartnerin für queere Menschen in der Kirche. Und sie predigt im Gottesdienst zum CSD von Wernigerode. Schlauraff steht damit für alles, was die AfD ablehnt.
300.000 Christ*innen leben in Sachsen-Anhalt, evangelische und katholische zusammengezählt. In jedem Dorf steht eine Kirche. „Wir sind der größte Verein neben der Feuerwehr“, sagt Bettina Schlauraff, und damit geht für sie Verantwortung einher, nämlich Flagge zu zeigen. Ihre Kirche hat Banner drucken lassen für die Gemeinden, für das Miteinander und gegen Ausgrenzung. Sie hat Demokratiebündnisse gegründet und engagiert sich in einigen. Vor der Wahl informiert die Kirche in Zeitschriften und im Internet, dass nur die Demokratie mit den christlichen Werten vereinbar sei. Wichtig ist Schlauraff aber auch, aus ihrer Blase rauszukommen. In ihrem Collarhemd, der klassischen Pastorenkleidung, besucht sie die Bürgerdialoge der AfD. „Nicht um das Publikum dort zu bekehren, damit habe ich keine Chance“, sagt sie. „Aber um zu zeigen: Nicht alle klatschen mit, wenn Ulrich Siegmund die Bühne betritt. Nicht alle jubeln, wenn gegen Menschen gehetzt wird.“ Es ist ihre Art des gewaltfreien Widerstands.
Mit ihrem so öffentlichen Bekenntnis zur Demokratie erregt Bettina Schlauraff auch Widerspruch in der Kirche, sagt sie. Einige ihrer Kolleg:innen fürchten, dass es der Kirche Nachteile bringen könnte, wenn sie sich jetzt zu stark gegen die AfD positioniere. „Wir werden so oder so Nachteile haben, sollte die AfD hier regieren. Dann doch lieber jetzt laut sein“, sagt Schlauraff. Kirche und Politik, das lässt sich für sie nicht voneinander trennen. Sie ist zu DDR-Zeiten geboren und in einer Pfarrersfamilie in der Nähe von Potsdam aufgewachsen. „Ich bin ein Kind der Friedensbewegung“, sagt Schlauraff. „Die Bibel ist politisch, Jesus stellt die Machtfrage. Er sagt, an wessen Seite wir stehen sollen: an der der Armen und derer, die für Gerechtigkeit streiten.“ Das allein gebe ihr Orientierung. Egal, welche Partei regiere.
Bettina Schlauraff, Regionalbischöfin von Magdeburg.
Seit 35 Jahren ist die Zora in Halberstadt in Sachsen-Anhalt ein alternativer Freiraum – und seit fast drei Jahren Robert Fietzke mittendrin, als Leiter des Soziokulturellen Zentrums. „Einer der wundervollsten Orte dieser Welt“ sei die Zora, schwärmt Fietzke. Schülercafés, Fahrradwerkstatt, Konzerte, Siebdruck, Probenraum, Barabende, Krabbelgruppen finden dort selbst organisiert statt. Und alles mit klarer Haltung: für eine offene Gesellschaft, gegen Rechtsextremismus. Und damit auch klar gegen die AfD – was die Zora schon heute ins Visier der Partei bringt und nach der Wahl im Herbst wohl noch mal mehr bringen wird.
Robert Fietzke aber hält dieses Kontra für alternativlos. „Die Partei macht faschistische Politik, und das muss man so benennen.“ Der 40-Jährige selbst ist dabei ein Multitasker mit unbändiger Energie. Er organisiert in der Zora Programm, Personal und Finanzen. Nebenbei sitzt er für die Linke im Stadtrat Magdeburg und lehrt an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Er gründete Antifa-Bündnisse, arbeitete für den Flüchtlingsrat.
Die AfD überzieht seine Zora immer wieder mit Anfragen, ein Abgeordneter tauchte, als Handwerker getarnt, im Zentrum auf und versuchte so, an Informationen zu kommen. Auch Neonazis bedrohen das Zentrum immer wieder. Für Fietzke ist all das erst recht Grund, dagegenzuhalten. „Gerade jetzt braucht es Orte wie die Zora. Wir haben uns immer klar positioniert und werden das weiterhin tun.“ Es seien genau solche Orte, die Jugendlichen aus der Gegend ein Angebot schafften, nicht wegzuziehen. Auch Fietzke selbst wuchs in Halberstadt auf, ging zum Studium der Sozialen Arbeit nach Magdeburg – und kehrte dann bewusst in seine Heimatstadt zurück.
Gelder der Stadt oder vom Land erhält die Zora nicht, deshalb wird der Betrieb auch nach der Wahl im September weitergehen – sofern das Zentrum weiterhin Spenden erhält. Die Wahl im September sieht Fietzke aber noch nicht als verloren. Überall rege sich derzeit Widerstand gegen die AfD, würden Bündnisse geschmiedet, sagt er. „Da kommt noch ein Feuerwerk des antifaschistischen Widerstands.“
Robert Fietzke, Leiter des Soziokulturellen Zentrums Zora in Halberstadt.
Anne Geisler wird gerufen, wenn es in Jugendgruppen brenzlig wird. Wenn Kinder in Sportvereinen rechte Parolen rufen, wenn Lehrerinnen nicht mehr gegen Diskriminierung ankommen, wenn in Jugendclubs rechtsextreme Symbole auftauchen. Geisler leitet das Projekt Lernort Ostseestadion. Sie macht klassische Jugendbildungsarbeit – aber im Fußballstadion von Hansa Rostock. „Der Verein strahlt ins ganze Bundesland“, sagt sie. „Wenn wir die Kinder und Jugendlichen dort treffen, dann bricht das Eis sofort.“
Geisler und ihre Kolleg:innen vermitteln Demokratiethemen über den Fußball: Fairplay im Klassenraum oder auch Deeskalation bei Gewalt auf dem Schulhof. Gleichzeitig komme auch Heikles im Stadion schneller hoch, „Themen und Dynamiken aus der Fußball- und Fankultur. Manche davon stehen dem gegenüber, was wir in der Bildungsarbeit mit Kindern und Jugendlichen bearbeiten und vermitteln möchten.“ Damit professionell umzugehen, sei nicht immer leicht, sagt sie. Geisler spricht mit den Kindern also über die Sätze auf den Transparenten in der Fankurve oder über sexistische Fangesänge. Dabei beobachten Geisler und ihre Kolleg:innen eine zunehmende Radikalisierung: Kinder, die mit rechten Sprüchen provozieren, die sich offen rassistisch äußern und Fake News verbreiten. Das Team um Geisler lässt sich fortlaufend dazu schulen, wie es in solchen Situationen reagieren kann. Manchmal helfe nur noch, die Klassen zu treffen, um jene Kinder zu schützen, die unter der Diskriminierung leiden.
Was Geisler dabei gelernt hat: Leute nicht zu schnell aufzugeben. „Natürlich grenzen wir uns ab von rassistischen Aussagen. Aber wir grenzen nicht aus. Unsere Aufgabe ist es, Jugendliche davor zu bewahren, Täter zu werden.“ Dafür helfe es, ihnen zuzuhören, ihre Aussagen zu hinterfragen, dranzubleiben. Das habe sich für sie auch im Umgang mit Erwachsenen bewährt.
Was Geisler momentan Sorgen mache, sei die langfristige Finanzierung des Lernorts Ostseestadion, sagt sie. Das Projekt wird unter anderem von der Bundesliga Stiftung sowie durch kommunale und Landesmittel gefördert. Gerade plane Geisler daher vor allem bis zu den Landtagswahlen im Herbst. Wie es danach für das Projekt weitergeht, hängt auch davon ab, wie stark die AfD wird.
Anne Geisler setzt Demokratieprojekte im Stadion von Hansa Rostock um.
Seit Januar kann sich Alex Körner kaum vor Anfragen retten. Er ist Programmkoordinator bei Radio Corax in Halle (Saale). In dieser Rolle spricht er mit allen Menschen, die gerne etwas zum Programm des freien Senders beitragen wollen. „Wir bekommen gerade aus ganz Deutschland Vorschläge für Kooperationen, teilweise sogar aus dem Ausland“, sagt Körner Mitte Juni am Telefon.
Ausgelöst hatte diese Welle der Solidarität der Entwurf des sogenannten Regierungsprogramms der AfD in Sachsen-Anhalt. Unter der Überschrift „Radio Corax den Geldhahn zudrehen“ steht darin als Anklage: „Radio Corax bietet allen Spielarten des linken Fanatismus, der perversen Regenbogenideologie und des Genderismus eine Plattform.“
Radio Corax wird von der AfD auch als „antideutsche Terrororganisation“ bezeichnet. Vielleicht, weil das Radio zwischen 2017 und 2020 wichtiger Bestandteil des erfolgreichen Protests gegen das Haus der Identitären Bewegung in Halle war?
Als Raum für Austausch und Experimente haben freie Radios in Deutschland eine lange Geschichte. Sie organisieren sich zumeist als Bürgerradios, die es Menschen ermöglichen, Gegenöffentlichkeit zu schaffen. Es überrascht deshalb nicht, dass die AfD laut ihrem Programm freie Radios insgesamt überprüfen möchte.
Alex Körner hat seine Dissertation über freie Radios geschrieben. Er zeichnet darin ihre Relevanz für kritischen Journalismus nach. Bei Radio Corax stieg der Thüringer 2005 über ein Freiwilliges Soziales Jahr ein, war dann mal im Vorstand, mal im Beirat, mal Koordinator des Tagesprogramms und ist jetzt Teil des geschäftsführenden Gremiums.
Mit Blick auf die Wahlen im Herbst bleibt Körner betont ruhig. „Die Relevanz unseres Radios war selten größer als jetzt“, sagt er. Das freie Radio könnte zu einem der wenigen medialen Orte werden, wo Verständigung stattfinden könne. Bereits jetzt geht es unter dem Motto „Ein Platz der Republik“ auf Tour durch Sachsen-Anhalt, um mit Leuten vor Ort über die Zukunft zu sprechen.
Seit der Nennung im Wahlprogramm der AfD hat sich die Mitgliederzahl des Förder- und Freundeskreises von Radio Corax mehr als verdoppelt, von 220 auf 450. Sein Ziel sei es jetzt, die Zahl bis zur Wahl noch auf 959 zu steigern, damit man auch unter einer AfD-Regierung weitersenden könne – auf der Frequenz 95,9.
Alex Körner ist Programmkoordinator bei Radio Corax.
Transparenzhinweis: Radio Corax ist auch für den taz panterpreis der taz panterstiftung nominiert.
Samer Haj Khamis weiß aus eigener Erfahrung, wie schwierig die ersten Monate in einem neuen Land sind. Seit seiner Ankunft in Deutschland 2015 setzt er sich daher für Menschen mit Migrationshintergrund ein. „Ich wollte mich nicht nur integrieren, sondern auch Verantwortung übernehmen“, sagt er.
Weil seine syrische Ausbildung zum Arzthelfer nicht anerkannt wurde, bildete er sich zum Sozialassistenten weiter. Ehrenamtlich engagierte er sich in zahlreichen Initiativen. Seit Anfang 2026 ist er Projektleiter bei Migranet-MV in Wismar, einem Verein, der migrantische Organisationen in Ostdeutschland miteinander vernetzt und Menschen bei ihrer Ankunft im Bundesland unterstützt. Khamis hilft beim Sprachenlernen und bei Behördengängen oder gibt Workshops. Vor den Wahlen informiert sein Verein gezielt über die Politik in Deutschland und ermutigt Menschen, ihre Stimme abzugeben. „Viele Leute haben gar keine Erfahrung mit Wahlen“, sagt er.
Die Möglichkeit einer AfD-Regierung bereite ihm große Sorgen. „Viele werden sich weniger sicher und willkommen fühlen.“ Das könne nicht nur gesellschaftlich spalten, sondern auch dazu führen, dass Migrant:innen, darunter Fachkräfte, aus Mecklenburg-Vorpommern wegzögen. Auch um die Zukunft seines Vereins sorge Khamis sich. Dieser wird staatlich finanziert. Und die AfD würde das wohl beenden. Den politischen Richtungswechsel durch die jüngste Bundestagswahl hat der Verein bereits zu spüren bekommen – die Förderung wurde von fünf auf vier Jahre verkürzt.
Ein gesellschaftliches Problem sieht Khamis darin, dass viele Menschen im Land keinen echten Kontakt zu Migrant:innen haben: „Sie bilden sich ihr Bild dann daraus, was die Medien über Migranten berichten.“ Dort stünden meist Fehlverhalten oder Kriminalität im Fokus, über die Leistungen und gesellschaftlichen Beiträge migrantischer Personen würde hingegen weniger berichtet.
Um das Problem zu lösen, brauche es mehr Begegnungen zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund, sagt Khamis. Daher richten sich die Veranstaltungen von Migranet auch ausdrücklich an Personen ohne Migrationshintergrund. „Wir Migrant:innen brauchen mehr Unterstützung von den Menschen, mit denen wir hier gemeinsam leben“, sagt er. „Integration ist keine Einbahnstraße. Sie funktioniert, wenn Menschen Verantwortung füreinander übernehmen.“
Samer Haj Khamis, Migranet Mecklenburg-Vorpommern.
Dagmar Freyburg-Schumann wird ihren Berliner Dialekt einfach nicht los. Seit 1972 lebt sie in Halle (Saale), kam zum Studieren hierher, arbeitete seit 1984 im Waggonbau. Nach der Wende wird ihr Betrieb erst von Bombardier übernommen. Als Referatsleiterin in derPersonalabteilung muss sie dann aber später nach und nach viele Kolleg:innen entlassen, schließlich das Werk 2005 ganz schließen. Bis zum Renteneintritt 2020 arbeitet Freyburg-Schumann selbstständig.
Geholfen hat der heute 72-Jährigen in dieser ganzen Zeit, nicht alleine zu bleiben. Sie habe schon immer einen großen Freundeskreis gehabt, habe sich immer vernetzt. Zu DDR-Zeiten war sie sogar im Nationalrat der Nationalen Front, einer Dachorganisation der Parteien und Massenorganisationen.
Jetzt ist Freyburg-Schumann bei den Linken, in der IG Metall sowie stellvertretende Landesvorsitzende der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes –Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA). Und seit 2021 ist sie auch Oma gegen Rechts in Halle. Schon ihre eigene Oma habe ihr den Schwur von Buchenwald in die Wiege gelegt, erzählt sie: „Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ideal“, heißt es darin.
Die Omas gegen Rechts in Halle sind legendär, weil sie sich jahrelang mit Trillerpfeifen und Blockaden auf dem örtlichen Marktplatz der rechtsradikalen Person Marla-Svenja Liebich entgegenstellten. Und weil sie das Verfahren wegen Volksverhetzung vorangetrieben haben, durch das Liebich schließlich verurteilt wurde. Ohne Unterstützung hätten sie das nicht geschafft.
„Man muss immer Bündnisse schaffen, dann ist man stärker“, sagt Freyburg-Schumann. Ganz konkret kann das auch bedeuten, dass junge Antifas die Omas schützen. „Wir können ja nicht mehr so einfach wegrennen, wenn uns jemand angreift. Wenn man zusammensteht, ist man immer stärker.“
Aktuell organisieren die Omas gegen Rechts in Halle Lesungen des Buchs „Unsere Töchter, die Nazinen“, oder sie gehen in die Außenstadtbezirke, etwa nach Heide-Nord, wo sie die Rechte des Grundgesetzes auf ein Laken geschrieben hatten. Passant*innen konnten dann Punkte vergeben für alles, was ihnen wichtig ist. „So kommt man ins Gespräch, nur so ein Infotisch bringt ja nichts“, sagt sie.
Ein Ausflug nach Bitterfeld oder Köthen ist auch geplant, da kann Dagmar Freyburg-Schumann aber nicht mitfahren. Seit sie durch die Pflege ihres Manns nicht mehr so mobil sei, übernehme sie eben mehr Koordinationsaufgaben vom Sofa aus. „Bei uns gilt: Jeder, soviel er kann.“ Und das immer im Verbund. Für den 29. August plant das Bündnis Halle gegen Rechts eine große Demonstration für Demokratie. Mitten drin: die Omas gegen Rechts.
Dagmar Freyburg-Schumann ist aktiv bei den Omas gegen Rechts Halle und stellvertretende Landesvorsitzende der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN-BdA).
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