Die geistige Hängematte der CDU : „Teilzeit-Lifestyle“? Ich kotz gleich
Die CDU entdeckt die „faulen Beschäftigten“ immer dann, wenn ihr politisch nichts mehr einfällt. Udo Knapp über Teilzeit-Bashing und sinnlose Schufterei.
taz FUTURZWEI | Elektronische Krankschreibung, 38,5 Stunden- und Fünftagewoche, 8-Stunden-Tag, viele Feiertage, 20 gesetzliche und bis zu 32 tarifvertraglich festgelegte Urlaubstage pro Jahr, 13,90 Euro Mindestlohn - kein Wunder, dass bei solchen Wohltaten für die Arbeitnehmer das Wachstum stagniere, die Gesamtwirtschaft lahme. Diese Verriegelung der Arbeitsmärkte gefährde den Wohlstand.
Es werde zu wenig gearbeitet, die „work-life-balance“ sei heute der entscheidende Parameter bei der Arbeitsplatzsuche. Die deutschen Arbeitnehmer seien einfach zu faul.
Die Vorgaben zur Arbeitszeit und das Drumherum im Arbeitsrecht, die mit den Gewerkschaften erkämpften Standards der Verteilungsgerechtigkeit in allen Lebenslagen in Gesetzesform, würden heute dazu missbraucht, sich vor allzu hohen Belastungen im Arbeitsleben weg zu ducken. Freizeit als Lebensinhalt, Arbeit als lästige Nebensache, Blaumachen, Teilzeit und Schwarzarbeit bestimmten die Sicht auf die Arbeitswelt. Dieser Schlendrian müsse aufhören.
■ Udo Knapp ist Politologe und kommentiert an dieser Stelle regelmäßig das politische Geschehen für unser Magazin taz FUTURZWEI.
Zur Aufrüstung für die Verteidigung gegen imperialistische Bedrohungen gehöre auch das Wiederaufrichten der alten Tugenden in der Arbeitswelt. Selbstverwirklichung und Wehrpflicht passten nicht zueinander. Arbeit solle wieder als pflichtiger Dienst an der Gesellschaft begriffen werden. Klassenkampf und Kapitalismuskritik, „laissez faire“ waren gestern, jetzt müssten alle endlich wieder mehr arbeiten. „Lifestyle-Teilzeit“, wie der Wirtschaftsflügel der CDU gerade forderte, müsse eingeschränkt werden.
Es ist nicht schwierig, dieses Gerede von der Faulheit als Politpropaganda zu erkennen. Das geltende Arbeitsrecht ist eine der entscheidenden Bedingungen für die Erfolgsgeschichte der deutschen Wirtschaft nach dem II. Weltkrieg.
Die sorgfältig austarierten Interessen von Kapital und Arbeit im Land sind eine stabile Grundlage für Innovationen und Wirtschaft, bieten Planungssicherheit für jede Herausforderung. Wirtschaftlicher Erfolg ist auch ohne allzu unverschämte Ausbeutung mit einer stabil aufgestellten workforce in einem geregelten, wohlorganisierten Arbeitsprozess möglich. Dass es daran fortlaufend viel zu verbessern gibt, versteht sich.
CDU buhlt um Aufmerksamkeit
Dass dennoch fast jede Woche eine neue Sau aus der angeblich verweichlichten Arbeitswelt und dem überbordenden Sozialstaat über die Agora getrieben wird, hat mit dem Reduzieren der Politik der Regierenden auf Aufmerksamkeit um jeden Preis und den sich dazu parallel findenden Allianzen in den Medien zu tun. Woche für Woche ruft irgendjemand, meist ein CDUler, einen angeblichen Skandal aus dem überregulierten Arbeitsrecht oder der Hängematte des Sozialstaates auf, erfindet dafür einen eingängigen Begriff, in dem Ursachen und Erscheinungen der betreffenden Regelung zusammengemanscht werden.
Die Medien popularisieren den Begriff, aber nicht, wie es zu ihrem Auftrag als vierte Gewalt gehört, kritisch reflektierend, sondern eher wie Skandalbuben, die mit den betreffenden Politikern um die höchste Aufmerksamkeit buhlen.
taz FUTURZWEI, das Magazin für Zukunft – Ausgabe N°35: Wohnzimmer der Gesellschaft
Demokratie braucht Orte des Gemeinsamen, Wohnzimmer der Gesellschaft. Die damit verbundenen positiven Gefühle konstituieren Heimat. Mit jeder geschlossenen Kneipe, leerstehenden Schule, verödenden Ortsmitte geht das Gefühl des Gemeinsamen, geht Heimat verloren. Das ist ein zentraler Zusammenhang mit dem Aufstieg des Rechtspopulismus.
Mit: Aladin El-Mafaalani, Melika Foroutan, Arno Frank, Ruth Fuentes, Maja Göpel, Stephan Grünewald, Wolf Lotter, Luisa Neubauer, Jana Sophia Nolle, Paulina Unfried, Nora Zabel und Harald Welzer.
Dabei wissen beide Seiten, dass aus ihren skandalisierten Debatten keinesfalls Politiken mit strukturierenden Änderungen folgen werden. Wenn nach den Talkshows der Fachleute, der Politiker und der Talkmaster schnell Ermüdung für das Thema aufkommt, wird die nächste Sau aus dem Stall des Sozialstaates oder der Arbeitswelt abgeschlachtet.
Ein Glaubwürdigkeitsverlust der Politik
Die Wirkung dieser Art des Agierens in der politischen Öffentlichkeit ist ein Glaubwürdigkeitsverlust der Politik. Mit maßloser Kritik am Sozialstaat und der regelbasierten Organisation der Arbeitswelt werden den Populisten die Wähler zugetrieben. So betrachtet sind nicht auszuschließende, absolute Mehrheiten für die AfD in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern bei den Landtagswahlen in diesem Jahr von Politik und Medien selbst gemacht.
Es gibt gute Gründe zu überprüfen, ob das geltende Teilzeitrecht missbraucht wird, welche sozialen Zusammenhänge damit stabilisiert werden, wie die Regelung optimiert werden könnte. Daran gibt es aber kein Interesse.
Hier dennoch dazu einige Anmerkungen. Das IAB, das Bundesinstitut für Arbeits- und Berufsforschung, hat jüngst neue Daten zur Teilzeitarbeit vorgelegt. Gesetzliche Ansprüche auf Teilzeit gibt es für Kinderbetreuung, Pflege, Ausbildung, Krankheit oder bei fehlenden Vollzeitstellen. 75 Prozent aller Teilzeitstellen bundesweit sind damit begründet.
Was ist „Lifestyle-Teilzeit“?
„Lifestyle-Teilzeit“ wird in der amtlichen Statistik als „Teilzeit, weil Teilzeit erwünscht“ geführt. Nur 25 Prozent aller Teilzeitstellen in der Republik sind diesem Segment zuzurechnen. Welche subjektiven Gründe hierbei eine Rolle spielen wird nicht abgefragt.
Heißt: Es gibt für diese Teilzeitwünsche ohne gesetzlichen Anspruch gar keine belastbaren Daten. Die Lifestyle-Verunglimpfung (letztlich denunziert das übrigens Gewinn von Lebensqualität) ist nichts anderes als eine bösartige Unterstellung. Dabei sind weitere lebensweltliche Begründungen für diese Teilzeitwünsche denkbar: gesundheitliche Belastungen unterhalb der Krankheitsschwelle, zu hohe Arbeitsintensität, lange Pendelwege und informelle Sorgearbeit. Dazu kommt, dass durch die ökologische Transformation der Industrie immer mehr klassische Vollzeitstellen durch aufgabenbezogene Teilzeitstellen ersetzt werden.
Bedeutet: Es gibt gar nicht genug oder immer weniger Vollzeitstellen, um alle Teilzeitler dort hinzu zwingen. Verdi verlangt deshalb schon vom Gesetzgeber ein Recht auf Vollzeit. Weiter verwundert nicht, dass bundesweit etwa 70 Prozent aller Teilzeitstellen von Frauen besetzt werden, die dazu noch in schlechter bezahlten Dienstleistungs- und sozialen Berufen arbeiten, während es bei den Männern nur rund 12 Prozent Teilzeitler gibt.
Sinnlose Schufterei und die Arbeit von Morgen
Schon diese wenigen Daten zeigen, dass es bei Arbeitszeitfragen um viel mehr als Lifestyle-Wünsche geht. Es gilt darüber nach zu denken, wie Arbeit im nachfossilen, digitalen Kapitalismus mit einer sich technisch stark erhöhenden Produktivität so zu organisieren ist, dass ihre Reduktion auf die Reproduktion der Arbeitskraft und die Versorgung der Menschen mit Gütern mit Selbstverwirklichung im Job aufgewertet werden kann.
Wer über die Arbeit von Morgen reden will, der muss über Bildungsgerechtigkeit, Gleichstellung von Frauen und Männern, arbeitsunabhängige Versorgung mit sozialer Infrastruktur auf allen Ebenen reden.
Diejenigen aber, die vor den Lifestyle-Teilzeitlern warnen, schwafeln letztlich nur von einer Renaissance der Arbeit als sinnlose Schufterei und Ausbeutung, die ohnehin keine Zukunft mehr hat.
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