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Die WahrheitMeine Fehldiagnose gehört mir

Was wären Frauen bloß ohne Männer, geht es um ihre eigene Gesundheit …

Bundesforschungsministerin Dorothee Bär von der CSU will dringend das Thema Frauengesundheit fokussieren, koste es, was es wolle Foto: reuters

Sabine Naumann ist noch einmal mit dem Schrecken davongekommen. Die 55-jährige Verwaltungsangestellte aus Hanau holt tief Luft, bevor sie die dramatischen Szenen schildert. Nach einem Besuch bei ihrem Hausarzt sei ihr während des Einkaufs auf dem Wochenmarkt plötzlich übel geworden. „Ich habe alles nur noch verschwommen gesehen und bin auf der Straße zusammengeklappt, direkt vor dem Metzgerwagen.“ Bis der Notarzt eintraf, sei ihr Zwergschnauzer immer wieder auf ihren Brustkorb gesprungen, „wie bei einer Herzmassage“.

Naumann wischt eine Träne aus dem Augenwinkel. „Uwe hat genau gewusst, was zu tun ist.“ Im Gegensatz zu ihrem Hausarzt, dem sie zuvor von Kopfschmerzen und Schwindelgefühlen berichtet hatte. Die Hundefreundin winkt ab: „Der hat nur gesagt, dass ich mich entspannen und mal runterkommen soll. Aber wir wohnen doch schon im Erdgeschoss.“ Im Krankenhaus wurde ihr schließlich ein riskant erhöhter Blutdruck diagnostiziert. Den akuten Notfall allerdings hatte das Mettbrötchen verursacht, das sie sich mit „Uwe“ geteilt hatte.

Die Hanauerin hat die Auswirkungen des Gender Health Gap – die medizinische Benachteiligung von Frauen – am eigenen Leib erfahren. Fehlerhafte Diagnosen, falsche Medikamentendosierungen oder ignorierte Symptome gehörten nach wie vor zum Alltag von Patientinnen, beklagt der Deutsche Ärztinnenbund. Sabine Naumanns Hausarzt, der anonym bleiben möchte, widerspricht per E-Mail: „Papperlapapp. Die Medizin hat jahrhundertelang erfolgreich bewiesen: Der durchschnittliche Mensch ist 1,80 Meter groß, wiegt 80 Kilo und heißt Thomas. So wie ich.“ Der weibliche Körper sei „so ähnlich wie WLAN im ICE – grundsätzlich bekannt, aber niemand weiß genau, wie es funktioniert“.

Damit sich das endlich ändert, hat Bundesforschungsministerin Dorothee Bär angekündigt, das Thema zu „fokussieren“. In einem Gastbeitrag für die Apotheken Umschau schreibt die CSU-Politikerin: „Die Bundesregierung hat verstanden, dass Frauen bei derselben Erkrankung oft andere Symptome zeigen als Männer. Wir setzen an dem zentralen Punkt an: Ist das wirklich nötig?“

Gemeinsam mit Bundesgesundheitsministerin Nina Warken von der CDU werde sie im Zuge der Gesundheitsreform einen Gesetzentwurf ins Kabinett einbringen: Das „Förderprogramm zur Reduzierung anhaltender Ungleichbehandlung“ – kurz: FRAU – enthalte erstmals verbindliche Standards für die medizinische Versorgung der weiblichen Bevölkerung, „um eine drohende Spaltung der Gesellschaft in Frauen und Männer abzuwenden und zugleich die Ärzteschaft nicht zu überfordern“.

Warken nennt in der NDR-Sendung „Visite“ einige Beispiele: Endometriose („Die Mehrheit im Bundestag hält das für ein Betriebssystem von Apple“) soll künftig offiziell als „Bauchgefühl“ eingestuft werden, Wechseljahrbeschwerden als „Stimmungstief“, „PMS“ stehe als eingängige Abkürzung für „Paracetamol macht's schon“. Der Pschyrembel werde demgemäß neu aufgelegt. Die Dauer von Unterleibsschmerzen soll als Wartezeit beim Facharzt anerkannt werden.

Blutdruck dürfe nur noch einmal am Tag erhöht werden und das nicht vor zwölf Uhr mittags. Die Häufigkeit von Befunden wie „nur Stress“ oder „hat ihre Tage“ pro Quartal bleibe ungedeckelt. Auch die Eigenverantwortung der Patientinnen solle gestärkt werden, erklärt die Christdemokratin: „Wir fördern die Anschaffung von Wärmflaschen, Faszienrollen und Klangschalen mit einem Prämiensystem.“

Auch die Forschung werde sich umstellen müssen. Laut Ministerin Bär sollen etwa Medikamententests nicht nur an Männern, sondern auch an „sehr kleinen Männern“ durchgeführt werden. Die Koalition gehe mit gutem Beispiel voran: Die CDU-Kollegen Armin Laschet und Philipp Amthor sowie der ehemalige Kanzler Olaf Scholz hätten ihre Bereitschaft zur Teilnahme an Langzeitstudien zur Menopause signalisiert. „Da steckt das Wort ‚Men‘ – Männer – ja schon drin“, so Bär. Alle drei seien zudem daran gewöhnt, bittere Pillen zu schlucken. SPD-Chef Lars Klingbeil will sich auf Anfrage nicht dazu äußern. Er teilt nur knapp im sozialen Netzwerk X mit: „Wir stehen für eine Medizin der Mitte.“

Was aber halten Frauen von der Initiative? Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) sagt am Rande eines Pharmalobbyistentreffens in Berlin: „Jedes Symptom ist legitim, solange es sich im Rahmen unserer Verfassung bewegt. Das muss man aushalten, auch wenn es weh tut.“ Auch Sahra Wagenknecht schaltet sich in die Debatte ein. Im Wartezimmer ihrer Zahnärztin im saarländischen Merzig verkündet die Ex-Parteichefin: „Medizin darf nicht zu einem Wellness-Projekt akademischer Großstadtmilieus werden. Ich habe immer davor gewarnt, jedes Ziehen im Unterleib ideologisch aufzuladen. Und jetzt entschuldigen Sie mich, ich lasse mir die Zähne machen, bevor wieder ein Geflüchteter vor mir dran ist.“

Merz weiß es natürlich besser

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hingegen betont im Interview mit dem Magazin Men's Health: „Der Fokus muss auf der einzig wichtigen Gesundheitsfrage liegen – der Leistungsfähigkeit.“ Wer fleißig sei, den interessiere nicht, an wem Medikamente getestet wurden. „Mäuschen, Mädchen oder Männer, die Leute da draußen wollen einfach gesund sein.“ Dennoch lobt der CDU-Chef den Vorstoß seiner Ministerinnen: „Frauen dürfen künftig von Gesetz wegen theatralisch sein. Damit tun wir ihnen auch einen Gefallen.“

„So isses“, bestätigt Sabine Naumanns Ehemann Thomas ungefragt am Telefon. Eigentlich wollten wir mit seiner Frau sprechen. Der Gatte empfiehlt dagegen Harald Martensteins Bild-Kolumne zum Thema. „Ich lese Ihnen mal was daraus vor:,Die moderne Medizin, die statistisch die Lebenserwartung von Frauen auf über 80 Jahre gehievt hat, soll ein finsteres Patriarchatsprojekt sein? Männer sterben früher, gehen selten zum Arzt und kippen beim kleinsten Schnupfen sofort um. Trotzdem sind sie keine Opfer. Weil sie ihr Leiden traditionell still ertragen.'“

Thomas Naumann niest in den Hörer. Dann ruft er seiner Frau zu: „Sabine, ich glaube, mit mir geht’s zu Ende.“ Und legt auf.

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3 Kommentare

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  • Sorry, dass ich mich nochmal melde. Aber ich habe da noch eine weitere Frage - die mir vielleicht die Frau Forschungsministerin beantworten kann - auch wenn ich keine cis-Frau bin, sondern nur eine gefühlte. Liebe Frau Bär, ist Ihr Initiative jetzt auch wieder nur so ein Luftschloss wie Ihr einst geplantes Luft-Taxi oder dürfen wir in absehbarer Zeit mit einem Ergebnis rechnen? Und macht unser Bundeskanzler mit einer geschätzten Größe von 210 cm da überhaupt mit?

  • Ich hab' da mal zwei Fragen:



    1



    Der Mann von Frau Naumann heißt Thomas und ihr Arzt auch. Handelt es sich etwa um die selbe Person. Ich hab' nämlich neulich in einer Illustrierten gelesen (Wartezimmer), dass Ärzte ihre Frauen immer am schlechtesten behandeln.



    2



    Werden die Symptome, die sich nicht an die Verfassung halten ausgeflogen und wenn ja, finden sich da auch genügend Piloten, die ein Flugzeug mit so einer brisanten Ladung überhaupt steuern wollen. Und haben sich schon genügend Länder bereit erklärt, diese Symptome aufzunehmen. Evtl. müsste da Herr Dobrindt bei den Verhandlungen mit den Taliban noch mal nachverhandeln.



    3



    Ich hoffe doch, dass in Zukunft Medikamente nicht nur an kleinen Männern ausprobiert werden. Ich (184 cm) kann es mir aufgrund meiner schmalen Rente einfach nicht erlauben, auf mein Zubrot zu verzichten.

    Ob ja, jetzt sind es doch drei Fragen geworden. Na ja, ich sitze hier halt im Wartezimmer meines Hautarztes fest. Die haben mir am Tresen gesagt, dass ich in 2 Wochen dran bin und irgendwie muss ich ja die Wartezeit gestalten. Meinen Laptop habe ich ja immer dabei.

  • Ironisch amüsant. Insbesondere die Patientin im Wartezimmer des Zahnarztes.