Die These: Heiraten? Vollkommen überflüssig

Wozu braucht es Hochzeiten, fragt unsere Autorin. Sie fordert, sich dafür stark zu machen, dass sich der Staat bei der Liebe fortan schön raushält.

Spaziergang im Wald: ein Hochzeitspaar hält sich an den Händen

Für manche der Weg ins Glück, für andere der Weg direkt in den Abgrund: Hochzeitspaar im Wald Foto: David Pereiras/imago

Keine Frage, 2020 war ein maximal beschissenes Jahr. Bei allem Leid hat diese Pandemie aber auch einen ungewollten Nebeneffekt, den ich gut finde. Und nein, gemeint ist nicht der Rückgang der globalen CO2-Emissionen (die inzwischen ohnehin wieder das Vorkrisenniveau erreicht, ja sogar überschritten haben), sondern der Rückgang der Hochzeiten.

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob sie dieses Element auch sehen wollen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

373.000 Paare haben 2020 in Deutschland geheiratet – 10 Prozent weniger als im Vorjahr. Grund dafür ist die Pandemie: Im Frühling, als Standesämter nur noch ein Minimum an Trauungen durchführten und teilweise kaum Gäste zugelassen waren, brachen die Heiratszahlen ein. Ich bin 27 Jahre alt und finde Heiraten bescheuert. Dabei nähere ich mich dem klassischen ­Hochzeitsalter: Frauen heiraten laut Statistischem Bundesamt hierzulande im Schnitt mit 32 Jahren, Männer mit 35. Für mich ergibt die Ehe aber keinen Sinn. Sie ist ein überflüssiges Relikt aus einer Zeit, in der die Frau vom Mann abhängig war, finanziell wie sozial.

Bis 1958 benötigten Frauen in Westdeutschland die Zustimmung ihrer Ehemänner, um arbeiten, ein Konto eröffnen oder den Führerschein machen zu dürfen. Bekamen sie unverheiratet ein Baby, wurden sie verachtet. Erst 1970 erhielten ledige Mütter in der alten BRD das Sorgerecht für ihr Kind, bis dahin war das Jugendamt Vormund oder eine Privatperson wurde zum Vormund bestellt.

In der DDR waren die Frauen zwar weitaus gleichberechtigter, trotzdem heirateten auch hier viele aus pragmatischen Gründen. Denn Eheleute unter 27 Jahren bekamen einen zinslosen Kredit in Höhe von erst 5.000 und später 7.000 Mark, wovon sich viele ihre ersten Möbel kauften.

Wozu aber soll man heute noch heiraten?

„Aus Liebe“, entgegnen Sie jetzt vielleicht.

Entscheidungen treffen, ist schwer. Insbesondere in einer Pandemie, wo selbst alltägliche Dinge riskant geworden sind. Unsere Autorin stellt fest, dass sie dabei nicht so rational ist, wie sie gerne wäre – in der taz am wochenende vom 8./9. Mai. Außerdem: Ein Gespräch mit dem Internet-Comedian „El Hotzo“ über neue Grenzen des Humors. Und: Eine Abrechnung mit dem Heiraten. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder im Wochenendabo. Und bei Facebook und Twitter.

Okay. Auch ich bin Fan der Liebe und glaube fest an sie. Nur, weshalb aus Liebe zu einem Menschen denn heiraten? Ist das Sich-gegenseitig-Lieben nicht schon das Schönste und Wertvollste, was man in einer Beziehung erfahren kann? Was bringt es, in einem schäbigen Standesamt vor einem fremden Standesbeamten „Ja“ zu sagen? Nicht die Ehe ist die Kirsche auf der Torte, nein, es ist die Liebe selbst. Nur weil man einen Ehering trägt und „meine Frau“ statt „meine Freundin“ sagt, ist man nicht stärker verliebt, nicht stärker verbunden. Auch der Sex ist deswegen nicht doppelt so toll. Und schon gar nicht schützt die Ehe vor Trennung.

Jede dritte Ehe in Deutschland geht in die Brüche. 2019 ließen sich fast 150.000 Paare scheiden, nach durchschnittlich 15 Jahren Ehe. Die Hälfte davon hatte zu diesem Zeitpunkt minderjährige Kinder. Auch meine Eltern und Großeltern mütterlicherseits trennten sich, beide je nach 14 Ehejahren. Ich war damals neun.

Trotz der hohen Scheidungsquote (und der Scheidungskosten) entscheiden sich nach wie vor viele Paare fürs Heiraten – die Zahl der Eheschließungen ist in den vergangenen Jahren sogar gestiegen.

Mir fallen nur drei nachvollziehbare Gründe ein, warum Menschen das heute noch tun.

Grund Nummer 1

Ein Paar erwartet ein Kind. Anders als unverheiratete Eltern haben verheiratete automatisch das gemeinsame Sorgerecht. Bei unverheirateten Paaren liegt das Sorgerecht zunächst bei der Mutter. Klar, das Paar kann das gemeinsame Sorgerecht beantragen, doch dafür muss es erst Formalitäten erledigen.

Weil ein unverheirateter Vater nicht als rechtlicher Vater gilt – das muss man erst mal sacken lassen –, muss er zunächst die Vaterschaft anerkennen lassen, zum Beispiel beim Standesamt oder Notar. Erst dann kann ein Paar eine sogenannte Sorgeerklärung beim Jugendamt beantragen. Auch Elterngeld können ledige Väter erst mit der Anerkennung ihrer Vaterschaft erhalten. Wer heiratet, spart sich das alles.

Grund Nummer 2

Ein binationales Paar möchte zusammenleben. Menschen aus Nicht-EU-Ländern haben meistens kaum Chancen, eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung für Deutschland zu bekommen – außer, sie sind mit einer oder einem Deut­schen verheiratet. Für Paare, die sich nicht auf Dauer als Tou­ris­t*in­nen besuchen wollen, ist die Ehe die einfachste und oft einzige Möglichkeit, um ein gemeinsames Leben zu führen.

Grund Nummer 3

Ein Paar möchte Steuern sparen. Das sogenannte Ehegattensplitting erlaubt Verheirateten, ihre Einkommen bei der Steuererklärung zusammenzurechnen. Dadurch wird die Person mit dem höheren Gehalt steuerlich entlastet. Das Ganze lohnt sich aber nur dann, wenn ei­ne*r der beiden sehr wenig oder gar nichts verdient – je größer der Gehaltsunterschied, desto größer die Ersparnis.

Dass Eltern keine Lust auf Vaterschaftsanerkennung und Sorgeerklärung haben und sich deshalb einfach trauen lassen, kann ich verstehen. Auch, dass Paare wegen der Aufenthaltsgenehmigung heiraten oder wegen der Steuervorteile.

Nicht verstehen kann ich jedoch, warum dieser bürokratische Unsinn überhaupt nötig ist. Warum nicht alle Eltern automatisch das gemeinsame Sorgerecht haben. Warum nicht die Tatsache, dass zwei Menschen eine Beziehung führen, für eine Aufenthaltsgenehmigung reicht. Warum das Steuersystem Verheiratete begünstigt – und obendrein zu einem längst verstaubten Modell verleitet, bei dem die eine Person das Geld verdient und die andere sich um Haushalt und Kinder kümmert. Kurz: Warum Unverheiratete weniger Rechte haben als Verheiratete.

Statt der Hochzeit soll die Liebe gefeiert werden

Statt weiter fröhlich vor uns hinzuheiraten, sollten wir, liebe Millennials, das alte Konzept Ehe abschaffen und uns etwas Neues überlegen. Sonst wollen wir doch auch alles anders und besser machen als unsere Eltern und Großeltern: Wir führen offene oder polyamoröse Beziehungen, protestieren gegen die Diskriminierung von LGBTQ-Personen, wechseln dreitausendmal Jobs und Städte und essen veganen Schinkenspicker. Wieso also ausgerechnet an der Ehe festhalten?

Alle Väter sollten als rechtliche Väter gelten, alle Eltern das gemeinsame Sorgerecht haben und alle binationalen Paare dauerhaft in Deutschland leben dürfen, egal ob verheiratet oder nicht. Außerdem muss endlich das Ehegattensplitting abgeschafft werden, weil es klassische Geschlechterrollen fördert. Die Paare, die dann immer noch das Bedürfnis haben, sich gegenseitig abzusichern, können ja trotzdem einen offiziellen Bund eingehen. Vor einem Notar, nicht dem Staat.

Im Falle einer Trennung wären die Part­ne­r*in­nen verpflichtet, Unterhalt zu zahlen, falls ei­ne*r der beiden nicht für sich selbst sorgen kann. Liegt die eine Person schwer verletzt im Krankenhaus, erhielte die andere Auskunft über den Gesundheitszustand. Stirbt ei­ne*r der beiden und hat schon in die Rentenkasse eingezahlt, bekäme die andere Person Hinterbliebenenrente, außerdem wäre sie erbberechtigt, ganz ohne Testament. Wie dieser Bund letztlich heißt, ist mir egal.

Wer jetzt fragt, was mit der fetten Hochzeitsfeier ist, auf die viele hinfiebern: Die kann man trotzdem schmeißen! Wer will, sogar mit Einladungskarten, Tischdeko, Catering, Fo­to­gra­f*in und dem ganzen Tamtam. Anstoßen würde man nicht auf die Ehe, sondern auf die Liebe. Nennen könnte man es: Liebesfest.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Ein Kopfhörer - das Symbol der Podcasts der taz

Entdecken Sie die Podcasts der taz. Unabhängige Stimmen, Themen und Meinungen – nicht nur fürs linke Ohr.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben