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„Die Odyssee“ von Christopher NolanEin Regisseur für Männer

Christopher Nolan versucht sich am Epos und versagt an einer alten Schwäche: Überzeugende, vielseitige Frauenfiguren kommen in seinem Werk nicht vor.

W enn sich Männer als Fans von Christopher Nolan bezeichnen, dann geben sie, ob sie wollen oder nicht, etwas über sich preis. Es ist zu einem Schibboleth, einem unfreiwilligen Erkennungsmerkmal für eine Gruppe, geworden, die sich mit großer Wahrscheinlichkeit nicht sonderlich für Frauen interessiert. Außer diese Frauen kommen eindimensional und einem Mann untergeordnet daher.

Neben Martin Scorsese, Quentin Tarantino und Steven Spielberg ist Nolan einer der wohl bekanntesten und von einer breiten Masse angesehensten Regisseure dieser Zeit. Und das, obwohl er wieder und wieder beweist, dass ihm wenig daran liegt, Frauen als etwas anderes darzustellen als reine Projektionsflächen für seine männlichen Protagonisten. Das galt für die weiblichen Figuren in „Oppenheimer“, „Inception“, „The Prestige“ und, Überraschung, in der „Batman“-Trilogie – und das führt er konsequent in seinem neuen Film „Die Odyssee“ fort.

Simone de Beauvoir schreibt im dritten Kapitel von „Das andere Geschlecht“, dass Mythen über das „Ewig-Weibliche“ Männer daran hindern, Frauen als Menschen wahrzunehmen. Konkret heißt das, zu verstehen, dass Frauen – genau wie sie selbst – einen eigenen Blick auf die Welt, Ziele, Verlangen und Wünsche haben. Nolan ist vom Ewig-Weiblichen offensichtlich geblendet.

In seiner Odyssee sind die weiblichen Charaktere leicht einzuteilen in verschiedene Kategorien männlicher Projektion: Hörige, Verräterinnen oder verführerische Hexen, die Odysseus hindern, nach Ithaka zurückzukehren.

Seine Frauen sind zweitrangig

Das liegt mit Sicherheit auch am nicht gerade feministischen Originalmaterial. Doch in Nolans „Odyssee“ geht selbst ein Rest Ambiguität, die die Figuren in sich tragen, verloren. Penelope wird zur treudoofen Hausfrau, Calypso zu einer Art Krankenschwester, ja sogar Athene, die Göttin der Weisheit und des Kampfes, rennt Odysseus hinterher, dient ihm, bittet, bettelt, dass er doch endlich vernünftig werden solle.

Kirke ist weniger eintönig. Das liegt einerseits daran, sie durch den gleichnamigen Roman von Madeline Miller eine feministische Rezeption erfahren hat, sodass ihre Motivation im Film erklärt wird. Und das liegt andererseits an der fantastischen Samantha Morton, die sie spielt. Und dennoch: In Nolans Erzählung reichen ein paar halbüberzeugende Sätze Odysseus’, um Kirke umzustimmen und seine Armee von ihren Schweinegestalten zu erlösen. Bei Homer benötigt er dafür Hermes’ Hilfe und verbringt ein Jahr als ihr Liebhaber, bevor sie ihn auf die Heimreise schickt.

Auch Nolans restliches Werk bestätigt, dass seine Frauen zweitrangig sind, gerettet werden oder sterben müssen, damit der Protagonist etwas zu fühlen in der Lage ist. Mit Murphy in „Interstellar“ schuf er eine weibliche Hauptfigur, die erstmals nicht als männliche Projektionsfläche diente. Nur um wenige Jahre später mit Florence Pughs Figur in „Oppenheimer“ eine der am wenigsten differenzierten Frauen seiner Filmografie zu schreiben.

Christopher Nolan ist unter anderem für seine holprigen, unglaubwürdigen Dialoge bekannt. Womöglich lässt sich das dadurch erklären, dass ihm der Zugang zum Weiblichen verschlossen bleibt. Denn wer unfähig ist, Frauen als reale Personen zu verstehen, der versteht auch etwas Menschsein nicht.

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Valérie Catil

Valérie Catil Gesellschaftsredakteurin

Redakteurin bei taz zwei, dem Ressort für Gesellschaft und Medien. Studierte Philosophie und Französisch in Berlin. Seit 2023 bei der taz.
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