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Deutsche schlafen zu wenig Wer schläft, produziert nicht

Valérie Catil

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Valérie Catil

Je mehr man ihn will, desto mehr entzieht er sich: Der Schlaf ist so rätselhaft wie unersetzlich. Und gar nicht wenige machen ein Geschäft daraus.

A ngola, Armenien, Antigua und Barbuda. Im Internet habe ich nachgelesen, dass es helfen soll, das Hirn noch einmal anzustrengen, wenn man im Bett liegt, damit es schneller einschläft.

Benin, Bolivien, Bahrain, Botswana. Also gehe ich das Alphabet durch und nenne alle Länder, die mir zu den jeweiligen Buchstaben einfallen. Chile, Côte d'Ivoire. Noch bevor man am Ende ankommt, soll man eingeschlafen sein, hieß es. Dschibuti.

Allerseltenst erreiche ich acht Stunden Schlaf die Nacht, meistens sind es unter sieben. So ist das bei knapp 40 Prozent der Deutschen unter der Woche, wie eine neue Befragung des Robert-Koch-Instituts (RKI) zeigt. Am Wochenende, wenn vor allem jüngere Betroffene den verpassten werktäglichen Schlaf aufholen, schlafen noch knapp 23 Prozent der Befragten weiterhin zu wenig.

Weniger als sieben Stunden Schlaf, schreibt das RKI weiter, können krank machen. Es gebe ein erhöhtes Risiko für Bluthochdruck, Adipositas, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Angstzustände und Depressionen.

Die Perversion der Schlaflosigkeit

Allein deswegen sollten es Schlaflose ernst nehmen, wenn sie zu früh aufwachen, nicht ein- oder durchschlafen können. Die Perversion der Schlaflosigkeit ist allerdings: Allzu sehr ernst nehmen sollte man sie auch nicht.

Also, schnell wieder vergessen, die RKI-Zahlen und möglichen Krankheiten. Denn wenn ich damit anfange, tagsüber schon darüber nachzudenken, wie wohl die Nacht wird, wenn ich das Problem als solches betrachte, wenn die Obsession beginnt, und die kommt bei Insomnie schnell, dann ist sicher, dass die Nächte noch kürzer werden.

Schopenhauer nannte jedes Aufwachen und Aufstehen ein kleines Leben, und jedes Zubettgehen und Einschlafen einen kleinen Tod. Schlaf ist mysteriös. Und wenn man ihn nicht bekommt, seinen kleinen Tod, ist das Aufwachen kaum mehr ein Leben. Dann wird Schlaf zu einem Monster, das sich vor einem auftürmt, das man, egal wie sehr man kämpft, nicht bezwingen kann. Im Gegenteil, das Kämpfen macht es schlimmer.

Vermutlich ist es das, dieses Ungreifbare und Widersprüchliche am Schlaf, das ihn so kompliziert macht. Je mehr man ihn will, desto mehr entzieht er sich einem. Schlaf als zu erbringende Leistung zu betrachten, ihn einzugliedern in die kapitalistische Selbstoptimierungslogik, ist deshalb genau der falsche Weg.

Das Geschäft mit dem Schlaf ist profitabel. Der globale Schlafmarkt – ein abscheuliches Wort – beträgt schätzungsweise 600 Milliarden US-Dollar. Dazu gehören unter anderem Uhren, die Schlafphasen analysieren, Schlaftourismus, messfähige Matratzen, zeitgesteuerte Lichter oder Smart-Thermostate, wie World Finance berichtet.

Dahinter steckt die Idee: Wenn ich schlecht schlafe, kann ich nicht mithalten. Von diesem Gedanken darf man sich nicht anstecken lassen – abgesehen davon, dass er aufreibend und nicht sehr schlafförderlich klingt. Stattdessen sollte man seinen Schlaf in Ruhe lassen und sich freuen: Hier bin ich nutzlos, erträume seltsame Welten, trage zu nichts etwas bei. Dieses Drittel des Tages, so qualvoll der Weg dahin sein kann, gehört mir allein.

Um die Qual dennoch ein bisschen zu mindern, ein paar unspektakuläre Erkenntnisse: Das Alphabetspiel funktionierte am Anfang, strengt mich jetzt aber kaum mehr an, zu oft bin ich bei Z angekommen.

Was hilft, ist, aus dem Zubettgehen ein Ritual zu machen, von dem man nicht abweicht. Eine Dehnübung, ein Tee und ein Buch etwa. Notfalls eine Melatonintablette schlucken – nicht, weil sie tatsächlich wirkt, sondern als Teil des Rituals. Bildschirme um jeden Preis vermeiden.

Und am wichtigsten: es zu akzeptieren, wenn all das nicht funktioniert. Vielleicht sogar dankbar sein für den kleinen nächtlichen Widerstand gegen die sonst allgegenwärtige Produktivität. Zentralafrikanische Republik und Zypern.

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Valérie Catil

Valérie Catil Gesellschaftsredakteurin

Redakteurin bei taz zwei, dem Ressort für Gesellschaft und Medien. Studierte Philosophie und Französisch in Berlin. Seit 2023 bei der taz.
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