Der Druck der Straße: Nehmen wir uns die Gegenwart!
Was von den Sozialprotesten bleibt, sind oft nur Bilder der Gewalt. Dem gilt es entgegenzuwirken – gerade in der Stadt der Liebe. Auch wenn es regnet.
D a stehen sie. Im Nieselregen, mit Regenschirm. Auf einer kleinen Piazza, mitten in der Stadt der Liebe. Auch im italienischen Verona, dem Place to be für Gesellschaftsreisende im Frühherbst, ist der Protest der jungen Generation angekommen. 60, vielleicht 70 Menschen – die meisten in Turnschuhen, Outdoor-Jacken, schwarze Rucksäcke auf dem Rücken, vereinzelt werden die roten Fahnen einer hiesigen Studierendenvertretung geschwenkt – demonstrieren für ihre Zukunft.
„Il nostro tempo è ora! Prendiamoci il presente!“, steht auf einem Banner. „Unsere Zeit ist jetzt! Nehmen wir uns die Gegenwart!“ Das klingt kämpferisch in einer Kleinstadt, die sonst doch für Shakespeares Romeo und Julia bekannt ist und Besucher:innen in die Romantik der Vergangenheit lockt.
Die, die trotz Regen flanieren, schauen sehr skeptisch auf die jungen Leute. Kein Geld für den Krieg, sondern lieber für unsere Schulen und Unis, fordern die Demonstrant:innen. Aber sie sagen auch, dass man hier keinen Krawall und schon gar keine Gewalt wolle. Die Bilder aus Mailand, rund eine Stunde Zugfahrt von Verona entfernt, sind hier natürlich Topthema. Alles nur Chaoten, murmeln Passant:innen im Vorbeigehen.
wochentaz
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Die Menschen unterm Regenschirm sehen aber wahrlich nicht so aus, als ob sie gleich den Supermarkt gegenüber der Piazza plündern wollen. Es wird hier viel diskutiert: Über die hohen Mieten, über die Tourist:innen, die alles teurer machen, darüber, wie die Bewegung im Winter weitergehen soll. An diesem Herbsttag sind es noch angenehme 18 Grad, aber auch im Norden Italiens wird es im November ungemütlich werden.
Weitermachen, auch wenn das Wetter trübe wird
In Mailand hat Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni hart durchgegriffen. Während Tourist:innen Selfies vor dem Dom im Zentrum schießen, langweilt sich das italienische Militär am Rand des Platzes. In hellem Flecktarn, manche mit Maschinengewehr, beobachten sie das Treiben. Vor wenigen Tagen kamen hier auf der Piazza Tausende zusammen.
In der Nacht randalierten einige Jugendliche in den umliegenden Shopping-Straßen und plünderten Sneaker, Hoodies, T-Shirts. Dinge, die sie eben selbst tragen. Der jüngste Randalierer soll nur 12 Jahre alt gewesen sein. Meloni schickte die Armee, ihr Vizepremier Matteo Salvini kam vorbei. Null Toleranz gegenüber den Straftätern sollte die Botschaft lauten.
In Verona ist die Polizei bei der Minidemo zugegen. Entspannt rauchen einige Polizist:innen eine Zigarette. Es wird geplaudert, sogar gescherzt. „Wie lange soll das hier noch gehen?“, fragt einer. Nicht mehr so lange. Aber man hat sich schon verabredet. Für den Generalstreik ein paar Tage später.
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