Demonstrationen gegen Coronapolitik: Gefährliches Schutzverständnis

Wieder haben Menschen gegen die Coronamaßnahmen demonstriert. Doch in Wirklichkeit fordern sie einen Staat, der die Schwächsten nicht schützen soll.

Demonstrant verhüllt mit Kapuze, dunkler Brille und einer Gesichtsmaske mit der Aufschirft: Diktatur

Die Gegner der Coronamaßnahmem eint ein fundamentales Misstrauen gegen staatliches Handeln Foto: Michael Kappeler/dpa

Wieder haben Zehntausende gegen die Coronamaßnahmen der Bundesregierung demonstriert, und nicht wenige vergleichen das am Mittwoch verabschiedete Infektionsschutzgesetz mit dem Ermächtigungsgesetz von 1933. Welch furchtbar dumme Verhöhnung der Opfer des Nationalsozialismus.

Dahinter steht ein fundamentales Misstrauen gegen staatliches Handeln, eine politische Paranoia und Hysterisierung, die so schrill ist, dass den Beteiligten selbst nicht auffällt, wie menschenverachtend sie argumentieren. Sie demonstrieren für einen Staat, der die Schwächsten nicht schützen, sondern verrecken lassen soll. Für einen Staat, der menschliches Leben in lebenswertes und nicht lebenswertes unterteilen soll.

Natürlich kann man nicht alle in einen Topf werfen – Kritik an den Maßnahmen der Regierung ist das Lebenselixier der Demokratie. Vor allem wenn sie Grundrechte gerade massiv einschränkt. Doch selbst die Argumentation einiger, die sich verbitten, als spinnerte Aluhüte bezeichnet zu werden, geht in eine bedenkliche Richtung. Etwa die der Gruppe, die sich „Corona Ausschuss“ nennt oder die der „Anwälte für Aufklärung“.

Sie werfen „den Medien“ vor, entscheidende Fakten zu verschweigen – und tun es doch selbst. Beispielsweise gehen sie von einer sehr niedrigen Mortalität von 0,2 Prozent aus. Sprich: Von 1.000 Covid-19-Erkrankten sterben angeblich nur 2. Tatsache. Punkt. Nun, mit der Zahl kann man hantieren, sie stammt aus einer von der WHO in Auftrag gegebenen Metastudie. Das würde dann bedeuten, dass bis zum Erreichen der oft zitierten Herdenimmunität in Deutschland 116.000 Menschen an Covid-19 sterben würden. Wahrscheinlich ist es, dass die zahlreichen anderen Studien, die auf 0,7 bis 0,8 Prozent Mortalität kommen, näher an der Realität sind. Sollen wir die Frage, wer recht hat, denn wirklich in einem Liveexperiment klären? Einsatz hierzulande: bis zu 500.000 Menschenleben. Im Namen der Menschenwürde. Soll sich Angela Merkel hinstellen und sagen: „Zuerst dachten wir, 3 Prozent der Infizierten sterben, heute wissen wir, es sind eher 0,8 Prozent. Tragbar. Sämtliche Coronamaßnahmen werden sofort abgeschafft“?

Zweites Argument: Viele Menschen stürben ja nicht an Corona, sondern mit. Stimmt. Gehört zum Allgemeinwissen über Corona. Die meisten Verstorbenen hatten auch noch andere Krankheiten. Diabetes. Haben chronische Lungenkrankheiten. HIV. Hepatitis. Krebs. Deren Tod zählt offenbar in den Augen vieler Demonstrierender nicht. Weil sie ohnehin bald gestorben wären? Die selbsternannten Querdenker, die mit dem Grundgesetz rumfuchteln: Sie treten seinen Inhalt mit Füßen.

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Beschäftigt sich mit der Corona-Pandemie und Impfstoffen. Sonst viel mit der Frage, ob Kapitalismus öko kann, außerdem Klimawandel und Energiemärkte. Seit 2008 bei der taz, zunächst als Korrespondent in BaWü. Besuchte die Deutsche Journalistenschule und ist Elektroingenieur.

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