Debatte Künstliche Intelligenz

Wunderwaffe als Herrschaftssystem

Haushalt, Verkehr, Militär: Die Diskussion um KI-gesteuerte Maschinen wird vielfältiger. Nur: Wie intelligent ist „künstliche Intelligenz“?

Zeichnung mit Menschen, Kabeln und einem Apparat

Dumm, dümmer, KI? Oder doch eher: Nur so dumm oder schlau, wie die Menschen, die sie programmieren? Illustration: Katja Gendikova

Die sogenannte künstliche Intelligenz (KI) ist derzeit in aller Munde. Computer, die Menschen nachahmen: Bei der KI handelt es sich um eine vielversprechende neue Technologie. Ihre Anwendung wird aber auch Alltag und Gesellschaft radikal verändern. Sorgen bereiten sollte uns dabei weniger die Technik selbst als vielmehr die Tatsache, dass sie von den größten Unternehmen der Menschheitsgeschichte entwickelt und gestaltet worden ist, die sie auch künftig betreiben wollen.

Diese Unternehmen beeinflussen damit auch wesentlich, was KI kann und was nicht, wofür sie benutzt werden wird und wofür nicht. Denn wie man auch an Dieselautos, Kriegswaffen oder dem Internet sieht, gibt es nicht die Technik, sondern jeweils ganz unterschiedliche Versionen und Entwicklungspfade.

In der Öffentlichkeit werden meist die möglichen Vorteile von künstlicher Intelligenz dargestellt und dann immer nur deren unmittelbare soziale Folgen diskutiert, wie am Beispiel des KI-gesteuerten autonomen Autos: Es heißt, wir könnten künftig lesen oder mit den Kindern spielen, während wir an unsere Ziele gefahren werden. Es gebe dank KI und Vernetzung der Autos auch weniger Unfälle und weniger Staus.

Ob das stimmt, muss sich erst noch zeigen. Ausgeblendet wird dabei aber, dass die zukünftige Bedeutung von KI sich nicht auf selbstfahrende Autos beschränkt. Ein besonders kritischer Punkt ist eine möglicherweise militärische Nutzung. Paral­lel zu selbstfahrenden Autos werden selbst­fahrende Panzer, selbstständig kämpfende Roboter und selbst organisierte Drohnen für ­Über­wachung und Luftangriffe entwickelt und gebaut.

Die Technologie soll außerdem voraussagen können, wo demnächst welche Verbrechen begangen werden und wen man am besten schon vorher verhaftet. In China werden künftig die Einwohner KI-gestützt mit Punkten bewertet, damit der Staat die guten von den schlechten Bürgern unterscheiden kann. Wozu wohl? Bald werden auch Start-ups gegründet werden, die Journalisten und womöglich Politiker durch KI ersetzen, kann KI doch viel preiswerter Artikel schreiben und Entscheidungen viel effizienter treffen.

Technik und die Interessen der Entwickler

Derzeit erinnert die öffentliche Diskussion insgesamt daran, wie einst die Atomkraft ­eingeführt wurde: Alles wird technisch prima, und den Rest kriegen wir auch noch hin. Wir ­brauchen aber stattdessen eine grundsätzliche Debatte und auf breiter Ebene eine Ver­ständigung d­arüber, wie wir als Gesellschaft mit künstlicher Intelligenz umgehen wollen. Wie kann KI zu ­Demokratie und Frieden, zur Achtung der Menschenrechte und zur Selbstverwirklichung beitragen statt nur zu maximalen Gewinnen von Facebook, Google und Apple?

Im öffentlichen Dialog wird ausgeblendet, dass Technik immer längs der Interessen der Entwickler entsteht und auch nicht einfach zu einer Gesellschaft dazukommt, sondern dass sie in die Gesellschaft hineinorganisiert werden muss. Davon hängt es aber vor allem ab, wie sie sich auf Gesellschaft, Demokratie und Zusammenleben ­auswirkt.

Autos waren einmal eine solche Neuheit. Sie benötigten Straßen, Verkehrsregeln, Parkplätze, Fa­briken, Tankstellen. Die in diesem Kontext entstandenen Konzerne verdienen sich heute noch mit immer mehr Autos und deren Nutzung dumm und dämlich. Der öffentliche Raum und die Atemluft der Menschen wurden dabei auf rücksichtslose Weise zerstört. Ähnliche Entwicklungen lassen sich bei der Atomkraft aufzeigen, die letztlich nur durch die Einschränkung bürgerlicher Rechte durchgesetzt werden konnte. Und die Computertechnologie entstand mit dem Versprechen, neue Kommunikationsformen, bessere soziale Beziehungen und mehr Teilhabe möglich zu machen.

Ausstellungsbesucherin vor Roboter

Wenn Welten aufeinandertreffen: Ausstellung „Künstliche Intelligenz und Robotik“ in Paderborn Foto: dpa

Anfangs gab es dann beispielsweise selbst organisierte lokale soziale Netze, die den Menschen und ihrem Zusammenleben dienten. Heute ist das alles von dem Datenkraken Facebook verschluckt und monopolisiert, der mit „Social Media“ völlig irreführend bezeichnet wird. Denn den Betreibern geht es um Geld und Macht, die sie sich dadurch sichern, dass sie die Kommunikation ihrer Nutzerinnen und Nutzer auf ihr Geschäftsmodell hin optimieren. Es besteht darin, sie an eine wahre Werbeflut zu verkaufen.

Gefährliche Monopole

Auch auf anderen Feldern sind gefährliche Monopole entstanden: Google kontrolliert unser Wissen, Amazon die materiellen Bedürfnisse, YouTube und Instagram bestimmen unsere Bilderwelten. Zusammen mit einigen weiteren weltweit tätigen Internetgiganten setzten sie sich heute immer aufdringlicher im Leben der Menschen fest, indem sie mehr und mehr Bereiche menschlichen Kommunizierens und Handelns organisieren und kontrollieren.

Jetzt kommt die künstliche Intelligenz auf uns zu. Da sollten wir nicht bei der Diskussion versprochener Vorteile stehen bleiben. Am Beispiel von KI-gesteuerten Autos sollten wir vielmehr fragen: Von wem und wie werden das Verkehrswesen, der öffentliche und städtische Raum und unsere Umweltbedingungen künftig organisiert? Wir werden jedenfalls keinen wie bisher von der Kommunalpolitik bereitgestelltenen öffentlichen Nahverkehr mehr haben. Niemand sollte davon träumen, dass er künftig statt im Bus bequem im selbstfahrenden Elektro-Mercedes zu seinem Ziel geschaukelt wird.

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im praktischen Wochenendabo. Und bei Facebook und Twitter.

Vielmehr wird es große und kleine, schnelle und langsame, bequeme und unbequeme, pünktliche und unpünktliche, jedenfalls teure und noch teurere Beförderungsmodi geben, und alle Fahrzeuge werden statt Fenstern Bildschirme haben, über die lauthals personalisierte Werbung läuft. Denn auch hier werden gigantische international tätige Firmen wie Uber die Sache gewinnbringend in die Hand nehmen – und zu deren Geschäftspraktiken gehören bekanntlich Rechtsbrüche, Kundenbetrug, Mitarbeiterausbeutung und jede Menge Druck auf Politik und Öffentlichkeit. Auf Fußgänger, Fahrradfahrer und sonstige kulturelle Besonderheiten werden sie dabei kaum Rücksicht nehmen.

In Zukunft werden auch immer mehr menschliche Lebensbereiche KI-gestützt neu organisiert werden: die Bildung, die Musik und Unterhaltungsbranche, sicher auch die Bürokratie, die halt noch etwas länger braucht. Der Handel optimiert den Umgang mit seinen Kunden, in den Betrieben werden Arbeitsprozesse von Computern übernommen, Polizei und Justizverwaltung erproben KI für Aufklärung, Kontrolle und Fahndung. Im Gesundheitsbereich soll KI Epidemien voraussagen, medizinische Diagnosen stellen und dem Chirurgen das Skalpell führen. KI kann aber auch unerwünschte Kranke aussortieren oder als Querulanten eingestufte Patienten blockieren: Je nach Programmierung können die jeweiligen Geschäftsmodelle auf attraktive oder auf grauenhafte Weise durchgesetzt werden.

Lauschende Wunschmaschinen

Grundsätzlich geht es darum, dass KI manches übernehmen kann, was bisher nur Menschen leisten konnten. Derartige KI-gesteuerte Algorithmen operieren aber völlig intransparent. Die Betroffenen werden nicht gefragt, es gibt keine wirksame rechtliche oder demokratische Kontrolle. So gut wie niemand weiß beispielsweise heute, welche Daten sein oder ihr Auto bereits aufzeichnet und was damit geschieht. Auch werden in immer mehr Haushalten KI-gesteuerte Smartspeaker wie Siri, Alexa oder der Google Assistant als Fami­lienmitglieder aufgenommen, aber es bleibt völlig unklar, was genau diese lauschenden Wunschmaschinen eigentlich tun.

Insgesamt sollten wir davon ausgehen, dass die von weltweit agierenden Monopolen kontrollierte KI sich von einer eigentlich menschenfreundlichen Technik derzeit zum Kern eines neuen Herrschaftssystem entwickelt, mittels dessen der Kapitalismus alle lohnenden Bereiche des menschlichen Lebens durchdringt und kolonisiert.

Die Verwendung von KI muss vielmehr mithilfe des Staates demokratisch und unter wesentlicher Beteiligung der Zivilgesellschaft gestaltet ­werden

Fassen wir nun zusammen: Nicht KI oder ihre möglichen Vorteile sind das Entscheidende, das wir diskutieren müssen. Vielmehr geht es um die Frage, wie und wozu sie entwickelt und in die Gesellschaft hineinorganisiert und betrieben wird. Sie kann helfen – und sie kann unterdrücken. Wenn die Internetgiganten die Bürgerinnen und Bürger erst einmal zum Objekt KI-gesteuerter Algorithmen gemacht haben, wird das nur schwer zu ändern sein.

Aber die zukünftige Entwicklung der Menschheit darf so nicht festgelegt werden. Die Verwendung von KI muss vielmehr mithilfe des Staates demokratisch und unter wesentlicher Beteiligung der Zivilgesellschaft gestaltet ­werden.

Künstliche „Intelligenz?“

Ein erster Schritt dazu könnte es sein, sich klarzumachen, dass der Begriff der künstlichen Intelligenz seit den 1950er Jahren, als noch ehrfürchtig vom „Elektronengehirn“ die Rede war, eine völlig übertriebene Vermenschlichung von Computern beinhaltet. Gewiss, Computer, die ihre Aufgaben mithilfe von KI erledigen, können viele Pro­bleme oft schneller und systematischer erledigen als Menschen. Von daher sind sie ein effizientes Instrument, und für so zu bearbeitende Probleme sollten wir sie benutzen.

Aber es sind nur ganz bestimmte Pro­bleme, die mittels KI, also letztlich mit statistischen Verfahren auf hypothetischer Ebene gelöst werden können. Computer haben keinen Körper und machen keine Erfahrungen, sie wissen nichts von Gendergerechtigkeit, Empathie, Solidarität oder Ethik. Sie können zwar Daten übertragen und menschliche Sprache verwenden, aber das ist kein Kommunizieren, nur eine Simulation menschlichen Kommunizierens. Sie können nicht verstehen und auch nicht lernen. Von daher sollten wir nicht von künstlicher Intelligenz sprechen, sondern von Problemlösekapazität. Sonst vernebelt diese falsch verstandene Technik doch noch das menschliche Denken.

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ist Professor an der Universität Bremen und beschäftigt sich mit dem Wandel von Alltag, Kultur und Gesellschaft im Kontext des Wandels der Medien.

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