Covid-Impfung vs. Infektion: So gefährlich wie ein kleines Steak

Eine natürliche Infektion soll mehr bringen als eine Impfung? Nein, das tut sie nicht. Auch Corona bildet da keine Ausnahme.

Ein fünfjähriges Mädchen lässt sich vor ihrer ersten Corona-­Impfung von einer Impf­assistentin eine Spritze zeigen

Gegen die Masern ist eine Impfpflicht schon Gesetz: Mädchen bei der freiwilligen Corona-­Impfung Foto: Matthias Bein/dpa

Eigentlich sollte man die seriösen Corona-Ex­per­t:in­nen in Deutschland vor allem für ihre Fachkenntnis bewundern, und dafür, dass sie seit mehr als zwei Jahren ohne Unterlass die Pandemie erklären. Manche dieser Fachleute versuchen sogar das Unmögliche: Skep­ti­ke­r:in­nen und Ver­schwö­re­r:in­nen von Fakten zu überzeugen – und das auch noch auf Twitter.

In letzter Zeit ging es dabei um natürliche Infektionen, um Omikron und wieder um Impfungen. Sogar ein Steak kam dabei vor. Im Mittelpunkt stand aber wieder einmal die Behauptung, eine durchgemachte Erkrankung sei irgendwie besser als der Piks in den Arm.

Das Märchen vom Immunitätstraining durch natürliche Infektionen ist kein neues, in Deutschland wird es vor allem im Zusammenhang mit den sogenannten Kinderkrankheiten, also Masern und Co, erzählt. Die Idee, man müsse Infektionen durchmachen, um sich auf natürliche Weise abzuhärten, zeugt allerdings von einem recht geringen Verständnis für die enormen Risiken, die eine vermeintliche Natürlichkeit für die Gesundheit birgt. Insbesondere für die von Kindern.

Das Masernvirus etwa gehört zu den ansteckendsten Erregern, die überhaupt existieren – und wenn es zuschlägt, ist es gefährlich. Die Erkrankung kann in jedem Alter schwer verlaufen, in Entzündungen der Lunge und des Gehirns münden, bleibende Schäden hinterlassen oder töten. Noch in den Achtzigern starben weltweit jährlich 2,6 Millionen Menschen an den Masern, in der großen Mehrheit waren die Opfer kleine Kinder. Nach massiven Impfkampagnen lag diese Zahl 2018 bei 115.000 Toten durch die Masern.

Risiko rasch reduziert

Das zugehörige Vakzin, das in Deutschland seit mehr als 20 Jahren in einer Kombination mit Impfstoffen gegen Mumps und Röteln verabreicht wird, schützt zu mehr als 99 Prozent vor Ansteckungen und Erkrankungen. Die Übertragung des Masernvirus wird vollständig unterbunden. Dadurch wird die natürliche und ganz erhebliche Krankheitslast unter Kindern komplett eliminiert. Das Risiko einer Gehirnentzündung, die zu schweren Behinderungen und sogar zum Tod führen kann, sinkt von eins zu tausend auf eins zu einer Million.

Obwohl die Impfempfehlungen angesichts des hohen Risikos durch die Masern sehr klar sind – alle Zweijährigen sollten zweifach und damit vollständig geimpft sein –, gab und gibt es in einigen Teilen Deutschlands Eltern, die ihre Kinder bis zur Einschulung ungeimpft lassen. In Garmisch-Partenkirchen war ein Viertel der Sechsjährigen 2018 gar nicht oder unvollständig immunisiert.

Und das, obwohl der Ausbruch der Masern in Berlin 2014/15 gezeigt haben sollte, welchem Risiko ungeimpfte Kinder noch heute ausgesetzt sind, nicht zuletzt durch ungeimpfte Erwachsene. Mehr als 1.300 Menschen infizierten sich, in der Charité wurden nachfolgend zwölf Kinder und Jugendliche mit schweren Komplikationen behandelt, teils über Wochen hinweg. Ein Kind starb.

All das hätte vermieden werden können. Ende 2020 wurde daher bundesweit eine Impfpflicht für Kinder und Betreuende in Kitas und Schulen beschlossen. Umgesetzt ist sie jedoch bis heute nicht – wegen Corona.

Corona, ein komplizierterer Fall

Während die Statistik für die Masern ein ziemlich unmissverständliches Bild zeichnet, sind die Dinge für Sars-CoV-2 durchaus komplizierter. Die Impfstoffe sind gut geprüft, extrem sicher, aber sie sind neu. Sie schützen zwar gut vor schwerer Erkrankung, aber nicht vollständig vor Infektionen. Gerade der Schutz vor Ansteckung lässt nach einiger Zeit nach.

Und es gibt mit einer gewissen Regelmäßigkeit neue Varianten des Virus mit neuen Eigenschaften, die den Schutz vor Infektionen immer weiter untergraben, zugleich aber auch das Risikoprofil für Einzelne verändern können. Und wenn es Menschen gibt, denen die klare Erkenntnislage zu den Masern schon nicht einleuchtet: Warum sollte es beim viel komplexeren Sars-CoV-2 anders sein?

Der Vergleich zwischen Infektion und Impfung ist dabei noch einfach. Erstens ist das Risiko einer Infektion im Augenblick überhaupt sehr hoch. Zweitens birgt eine Corona-Infektion das Risiko, schwer zu erkranken und sogar zu sterben. Das gilt insbesondere für ältere Erwachsene und Senior:innen. Eine zweifache Impfung senkt sowohl das Risiko einer Ansteckung als auch einer Erkrankung, eine Auffrischung kann den nachlassenden Schutz vor Infektionen stark erhöhen. So weit, so klar.

Dass sich diese Klarheit rasch trüben lässt, hat bereits die Verwirrung um die Hospitalisierungsstatistiken gezeigt. Weil Geimpfte nicht komplett vor einer Ansteckung gefeit sind und auch der Schutz vor schwerer Erkrankung nicht absolut ist, gibt es in den Krankenhäusern auch Geimpfte mit Corona. Anteilig an der Gesamtzahl sind sie viel weniger als die Ungeimpften, aber da in Deutschland inzwischen sehr viel mehr Menschen geimpft statt ungeimpft sind, sieht es auf den Covidstationen zum Teil so aus, als schützten die Impfungen gar nicht. Eben weil da so viele Geimpfte liegen.

Verzerrter Blick

Wie verzerrt dieser Blick ist, ist leicht zu erkennen, wenn man die Hospitalisierungsraten auf jeweils gleiche Zahlen von Geimpften und Ungeimpften hochrechnet, zum Beispiel auf je 100.000. Dann spätestens sollte auch für Corona klar sein, warum eine natürliche Infektion niemals „besser“ sein kann im Schutz als die Impfung: Ungeimpfte haben ein mehr als 20-fach höheres Risiko, mit Covid im Krankenhaus zu landen. Der Unterschied zu Geboosterten ist noch größer, was im Umkehrschluss zeigt: Wer sich doppelt impfen und boostern lässt, trägt das geringste Risiko.

Diesen Zusammenhang nachzuvollziehen ist dabei noch einfach. Schwieriger wird es mit der Frage, wie die Impfstoffe und insbesondere die Boosterimpfungen, die ja sämtlich gegen die in Wuhan entdeckte Ursprungsvariante des Coronavirus entwickelt wurden, denn noch vor Omikron schützen sollen. Die jüngste Mutante des Erregers ist immerhin so heftig verändert, dass sie den Schutz vor dem Original selbst nach zweifacher Immunisierung recht leichtfüßig unterwandert. Wie soll eine dritte Impfung mit denselben Vakzinen das ändern?

Was für Ex­per­t:in­nen völlig klar ist, verlangt anderen möglicherweise etwas mehr ab, als ein paar Fachbegriffe zu googeln. Das Immunsystem des Menschen ist komplex und optimierungswütig. Der einmalige Kontakt mit einem Krankheitserreger oder Impfstoff reicht nur selten aus, um die Abwehr so perfekt zu programmieren, dass der betreffende Erreger anschließend keine Chance mehr hat. Es bedarf in vielen Fällen einer Reifung der Immunantwort durch mehrfachen Kontakt mit den Merkmalen eines Virus, um die richtigen Teile der Abwehr anzuregen und sie auch dauerhaft ins Spiel zu bringen.

Dazu gehört, aus einem bereits vorhandenen Repertoire verschiedenster Antikörper nicht nur die passenden zu mobilisieren, sondern diese passenden Abwehrmoleküle weiter zu optimieren, um noch besser passende zu finden. Welche das sind, merkt sich der Körper, indem er die Information in langlebigen Gedächtniszellen speichert.

Mindestens drei Impfungen nötig

Im Fall von Corona sind dafür offenbar drei Durchläufe erforderlich, unabhängig davon, ob der erste Kontakt durch eine riskante Infektion oder sichere Impfung zustande kommt. Vielleicht werden noch weitere Booster nötig – und regelmäßige Auffrischungen mit Impfstoffen, die an die jeweils vorherrschenden Varianten angepasst sind.

Dass die auf das Ursprungsvirus abgestimmten Impfstoffe dennoch vor Omikron schützen, liegt allerdings auch am Virus selbst. Trotz der vielen Veränderungen in der neuen Variante gibt es noch genug Anteile des Erregers, die mit der zuerst in Wuhan entdeckten Virusvariante übereinstimmen.

Das Vakzin vermittelt also einen gewissen Schutz, der über den Booster durch eine weitere Reifung der Immunantwort stark erhöht werden kann. Stark genug, um Übertragungen wieder weitgehend zu verhindern. Das hat ein Preprint von For­sche­r:in­nen der Universität Köln, der Charité in Berlin und des Bernhard-Nocht-Instituts für Tropenmedizin in Hamburg eben erst klar belegt.

Mit Steaks hat das nun alles wenig zu tun. Aber unterm Strich ist doch ziemlich klar, dass die natürliche Infektion das eigentliche Risiko darstellt. Gesenkt werden kann es durch Impfungen. Im Fall von Corona sollten es mindestens drei sein.

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