Comic über die Wechseljahre: Mitreisende im Hormonkarussell
Aus persönlichem Frust und Wissensdurst wurde ein feministischer Comic über die Wechseljahre. Ein Atelierbesuch bei der Zeichnerin Rinah Lang.
Ein heller Vormittag in einem Berliner Gewerbehof. Am Eingang des KitKat-Clubs lassen Frühlingssonnenstrahlen eine hängende Discokugel glitzern und mit ihr die Botschaft auf einer roten Tafel: „Life is a Circus“. Rinah Lang posiert für Fotos unter einer weißen Baldachinkonstruktion im Hof, auf ihrem lila Pulli glitzern die Worte „Peri Meno“. Am Wochenende geben hier die Clubbesucher:innen ihre zivile Garderobe ab, um sich im Partyoutfit in die für Fetischkultur bekannten Nächte zu stürzen. Zugleich ist der Hof auch Eingang zu Langs Ateliergemeinschaft im zweiten Stock.
Wenn das Leben ein Zirkus ist, dann ist die Menopause so etwas wie ein Hormonkarussell. Und die Comiczeichnerin Rinah Lang die Mitreisende, die mit Zeichenstift und wachem Blick die Reise begleitet: Ihr Comic „Peri Meno“, der vor Kurzem bei Carlsen erschienen ist, beleuchtet auf 175 in Pastelltönen kolorierten Seiten Glanz und Elend der weiblichen Lebensphase, die gemeinhin schlicht „die Wechseljahre“ genannt wird, tatsächlich aber mehrere Phasen umfasst: Von der von hormonellen Unregelmäßigkeiten geprägten Prämenopause ab Ende 30 über die lange Phase der oft von eindeutigen Symptomen begleiteten Perimenopause vor und kurz nach der letzten Regelblutung im Leben (Menopause) bis zur Postmenopause danach. Die Hormonumstellung kann insgesamt bis zu 15 Jahre dauern – eine lange Zeitspanne in einem Frauenleben; und eine, die erst in jüngster Zeit breitere Aufmerksamkeit erfährt.
Nur der übliche Wahnsinn?
Begonnen habe sie mit der Recherche aus Frust, erzählt Rinah Lang auf dem Sofa im Gemeinschaftsatelier, in dem insgesamt 17 Illustrator:innen, Künstler:innen und andere kreative Freischaffende arbeiten. Der Frust rührte daher, dass sie, als sie selbst Schlafstörungen, Herzrasen und depressionsartige Veränderungen an sich spürte, bei Ärztinnen, Freundinnen und Bekannten auf Ratlosigkeit stieß: War das einfach der übliche Wahnsinn in der sogenannten Rush Hour des Lebens oder waren es die Wechseljahre – und wie geht es eigentlich überhaupt weiter mit den Hormonen in der zweiten Lebenshälfte von Frauen?
Zur Buchmesse in Leipzig 2026 erscheint wieder die Literataz – diesmal schon vorab in der wochentaz vom 14. März. Darin geht es um die neuen Bücher von Judith Hermann, Carla Hinrichs, Judith Holofernes, Siri Hustvedt, Michal Hvorecký, Hasan Kikić, Rinah Lang, Dorota Masłowska, Sophia Merwald, Quinn Slobodian, Eva von Redecker, Christoph Ribbat, Lukas Rietzschel, Kuku Schrapnell, Ben Tarnoff, Curtis Sittenfeld, Ronen Steinke, Yasemin Toprak, Michael Wildenhain. Alle Texte zur Buchmesse finden Sie in unserem Schwerpunkt auf taz.de.
Die Buchmesse in Leipzig geht von Donnerstag, 19.3, bis Sonntag, 22.3.
Die taz ist wieder mit einem eigenen Stand vor Ort, an dem in zahlreichen Talks mit Autor:innen diskutiert wird – live auf der Bühne in Halle 5 und als Stream im youtube-Kanal der taz.
„Niemand konnte mir was Vernünftiges dazu sagen – als ob es sich um ein unbekanntes Phänomen handelte. Ich dachte: Wie kann es sein, dass es so wenig Wissen gibt über einen Vorgang, der alle Frauen in der Mitte ihres Lebens betrifft?“, erinnert sich Lang und knotet das lange blondgesträhnte Haar energisch zum Dutt zusammen.
Die freiberufliche Künstlerin und Mutter eines Teenager-Sohns recherchierte weiter. Aus dem persönlichen Interesse an ihrer eigenen „zweiten Pubertät“, wie die Wechseljahre auch gern scherzhaft genannt werden, erwuchs mit der Zeit ein feministisches Anliegen. Die Zeit war reif für Antworten.
2022 erschien das feministische Sachbuch „Die gereizte Frau“ von Miriam Stein, in der sie das Ausbleiben der Periode für politisch erklärte, und 2023 „Woman on Fire“ von der Gynäkologin Sheila de Liz. Dieser populärwissenschaftliche Ratgeber, der mit vielen Mythen rund um die Wechseljahre aufräumt und klar für eine Hormonelle Ersatztherapie (HET) plädiert, wurde ein Mega-Bestseller, die Lektüre war nicht nur für Lang ein Wendepunkt. Im Comic visualisiert sie de Liz’ popkulturelle Darstellung der Hormone Östrogen, Progesteron und Testosteron als „Drei Engel für Charlie“ und beschreibt mit viel Sinn für Komik, wie sie mit dem Buch im Gepäck und ihrer Forderung nach diesen fantastischen naturidentischen Hormonen bei ihrer Frauenärztin vorstellig wurde; eine Szene, die sich in deutschen Frauenarztpraxen vielfach genau so abgespielt haben muss.
Im Rückblick findet Lang das Buch etwa einseitig. An ihrem Arbeitsplatz in der Ecke stapeln sich Skizzenblätter mit Pflanzen – die Vorarbeit an einem Kinderbuch über Mimikry im Tierreich. Eigentlich ist Rinah Lang Illustratorin. Doch seit dem Aufkommen von KI wird die Auftragslage merklich dünner; zudem nahm ihre Beschäftigung mit der Menopausenthematik immer mehr Raum ein, wie sie erzählt. Als dann die Ausschreibung für ein Comicstipendium in ihr Postfach flatterte, beschloss sie spontan, sich zu bewerben und verkroch sich für eine Woche im Atelier, um ein Probekapitel zu zeichnen: „Ich dachte: Ich habe doch eine Geschichte zu erzählen, das ist meine Chance!“
Dass ihr Debüt nun beim Branchenführer Carlsen erscheint, hat auch mit einer Öffnung des Comicmarkts für individuelle Zugänge jenseits der üblichen Konventionen zu tun: Nicht nur drängen seit geraumer Zeit mehr Zeichnerinnen auf den Markt – es arbeiten auch mehr Frauen in den Verlagen und erreichen mit ihren Themen ein zunehmend weibliches Lesepublikum. Dass im vergangenen Jahr erstmals mit Ulli Lusts Steinzeitgeschichte „Die Frau als Mensch“ eine Graphic Novel mit feministischem Anspruch den deutschen Sachbuchpreis gewann, hat sicher auch den Boden für das erste deutsche Menopausen-Comic-Buch in einem großen Verlag bereitet.
Rinah Lang versteht ihre eigene Coming-of-Age-Geschichte denn auch als dezidiert politischen Beitrag zu einer Debatte, die 2025 noch einmal deutlich an Fahrt aufgenommen hat: Flankiert von Prominenten wie Ildikó von Kürthy oder von kulturellen Bearbeitungen des Themas, etwa durch die US-Autorin Miranda July oder Podcasts wie „Meno an mich“, habe sich, gebündelt in der Social-Media-Kampagne #wirsind9millionen, auch in Deutschland ein öffentlich sichtbarer Menopausen-Aktivismus entwickelt. Dessen Protagonist:innen fordern, dass Wissen über die Wechseljahre verpflichtender Bestandteil der Facharztausbildung werden muss. Und dass Gynäkolog:innen, die derzeit nicht einmal 18 Euro im Quartal für Beratungsgespräche mit einer Patientin abrechnen dürfen, weitaus mehr Zeit vergütet bekommen – schließlich ist das Zusammenspiel der Hormone eine komplexe Angelegenheit und von Frau zu Frau verschieden.
Rinah Lang: „Peri Meno“. Carlsen Verlag, Hamburg, 192 Seiten, 26 Euro
Begeistert erzählt Rinah Lang vom persönlichen Engagement der CSU-Politikerin Dorothee Bär, die einen Parlamentarischen Abend zur Menopause organisierte und das Thema in den schwarz-roten Koalitionsvertrag verhandelte. Vor allem Frauen aus der Union treiben aktuell die Forderung nach einer Menopausen-Strategie des Deutschen Bundestags voran, die gesundheitliche, ökonomische und soziale Folgen der Menopause erforschen und in den Blick nehmen soll. „Es darf aber nicht länger am persönlichen Engagement Einzelner hängen, ob das Thema öffentlich wahrgenommen wird“, betont Lang. Deshalb will sie aus ihrem Comic nicht nur in Buchhandlungen lesen, sondern auch bei der Gleichstellungsbeauftragten in Bremen oder in Weißenfels.
Lebensphase mit besonderer Kraft
Das Nachwort hat Mandy Mangler verfasst, die bekannte Gynäkologin, Autorin und Podcasterin. Darin nimmt sie auch Bezug auf einzelne Stimmen, die in letzter Zeit Missfallen über ein zu großes Aufhebens rund um die Wechseljahre äußerten: Indem man jedes Bauchziehen und jede Stimmungsschwankung problematisiere, pathologisiere man Frauen und ihre Körper und leiste den kommerziellen Interessen etwa von Pharmakonzernen Vorschub. Mangler kann solchen Argumenten nichts abgewinnen. Sie weist darauf hin, dass es gar nicht genug Aufklärung über die lang tabuisierten Wechseljahre geben kann – und weist auch auf die Kraft hin, die in dieser Lebensphase steckt. „Viele Frauen beschreiben sie als eine Phase der Klarheit, der Abgrenzung und inneren Stärke“, schreibt sie.
„Klarheit“ steht auch auf einer Postkarte in Rinah Langs Schreibtischregal. Für sich selbst habe sie diese in drei Jahren Arbeit am Comic zwar noch nicht ganz gewonnen. Kurz nach ihrem 51. Geburtstag stecke sie noch immer mitten in der Phase, die sie anschaulich im Comic mit Frage wie diesen beschreibt: „Ist das ein Symptom oder mein Charakter?“, oder: „Vielleicht hätte ich konsequent Traubensilberkerze nehmen sollen?“
Inhaltlich, sagt die Zeichnerin mit dem Menopausenpulli, seien ihre Positionen und Gedanken jedoch klar wie nie zuvor: Einmal in die Technik des comichaften Erzählens eingearbeitet, habe sie schon das nächste Projekt im Blick – über andere Aspekte dieser mittleren Lebenshälfte mit den vielen Namen, in der nicht nur die Hormone verrückt spielen, sondern sich auch berufliche und private Herausforderungen ballen.
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