„Hummelhirn“ von Judith Holofernes: Grinsend bricht das Genick
Judith Holofernes, Sängerin von Wir sind Helden, literarisiert in „Hummelhirn“ eine Spur zu behutsam die eigene Kindheit.
Sowohl beim Parken als auch beim Schreiben gilt: Angst vor dem toten Winkel hemmt. Schlimmstenfalls macht sie blind für alles Sichtbare. Mit ihrem neuen Buch „Hummelhirn“ ist das der Autorin und Musikerin Judith Holofernes teilweise passiert. Mehrmals äußert sie darin ihre Angst, dass „aus dem toten Winkel, trotz aller Vorsicht irgendjemand sauer auf mich sein“ könnte.
Die Vorsicht gegenüber dem Textmaterial merkt man dem Roman an. Worum es darin geht, macht die Autorin gleich zu Beginn transparent: „Ich wünschte, ich hätte mich schon vorher gekannt. Also, bevor ich beschlossen habe, nett zu sein, meine ich. Wirklich sehr, sehr, sehr nett. So nett, dass ich mir das Genick gebrochen habe mit meinem Grinsen.“
Mit Genickbruch spielt Holofernes auf den jahrelangen Raubbau an ihren eigenen Kräften an, den das Musikbusiness unverhohlen von der Sängerin einforderte. Ihr 2022 veröffentlichtes Romandebüt „Träume anderer Leute“ gibt Auskunft über dessen tragische Folgen: eingeschränkte Motorik, Meningitis, angeschlagene Psyche und Stimmverlust.
Zur Buchmesse in Leipzig 2026 erscheint wieder die Literataz – diesmal schon vorab in der wochentaz vom 14. März. Darin geht es um die neuen Bücher von Judith Hermann, Carla Hinrichs, Judith Holofernes, Siri Hustvedt, Michal Hvorecký, Hasan Kikić, Rinah Lang, Dorota Masłowska, Sophia Merwald, Quinn Slobodian, Eva von Redecker, Christoph Ribbat, Lukas Rietzschel, Kuku Schrapnell, Ben Tarnoff, Curtis Sittenfeld, Ronen Steinke, Yasemin Toprak, Michael Wildenhain. Alle Texte zur Buchmesse finden Sie in unserem Schwerpunkt auf taz.de.
Die Buchmesse in Leipzig geht von Donnerstag, 19.3, bis Sonntag, 22.3.
Die taz ist wieder mit einem eigenen Stand vor Ort, an dem in zahlreichen Talks mit Autor:innen diskutiert wird – live auf der Bühne in Halle 5 und als Stream im youtube-Kanal der taz.
Der Einstieg von „Hummelhirn“ verspricht tiefbohrende Ursachenforschung und tatsächlich schöpft die Autorin aus einem Reservoir unterschiedlichster Textsorten. Er kompiliert Tagebucheinträge, Briefe an und von Judith Holofernes, Beschreibungen von Familienfotos, diverse Listen, kurze Erzählungen sowie Zitate aus Poesiealben, Schulzeugnissen und Songtexten. Anhand dieser Quellen spannt Holofernes einen Bogen von ihrer Kindheit bis zu ihrem Erwachsenenleben als Musikerin der berühmten Band Wir sind Helden. Auf jene älteren Passagen blickt eine reflektierende, um Zusammenhang bemühte Erzählperspektive, die in der Entstehungszeit des Romans verankert ist.
Der Großteil von „Hummelhirn“ erzählt von Holofernes’ Kindheit in Berlin und in Freiburg nach der frühen Trennung ihrer Eltern. Man erfährt einiges. Wann sie sich die Haare kurz schnitt. Was sie alles verloren hat: Ranzen, Schuhe, eine Ratte. Wann, wo und mit wem sie ihre erste Stephen-King-Verfilmung gesehen hat. Dass sie alle Witze auf ihren Otto-Waalkes-Kassetten auswendig gelernt hat. Dass die Fahrt im rumpelnden Bus ihre sexuelle Erregung erwachen ließ. Man liest von ersten Partys. Von Freddie, Ulf, Mike, Timo. Und von vielem mehr! Schwer wiegt die Stoffmasse dieser autobiografischen Prosa, nur verflüchtigt sie sich allzu rasch.
Judith Holofernes: „Hummelhirn“. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2026, 304 Seiten, 24 Euro
Das Sterben üben
Es gibt wunderbare Passagen im Buch. Etwa wenn Holofernes tragikomisch beschreibt, wie sie als Kind vorsorglich das Sterben übt, um sich mit dem Tod anzufreunden. Oder sie die extensive Gefräßigkeit des Kapitalismus anhand des Besitzes einer einzigen Barbiepuppe spitzfindig exemplifiziert.
Vor allem ihre Mutter Cornelia und das gemeinsame Miteinander weiß Holofernes zu literarisieren. Hier gelingt die Poetisierung ihrer Erinnerungen. Selten jedoch fungiert im Roman das Schreiben als Denkbewegung. Zu additiv die Montage der einzelnen Textpassagen, die bis auf wenige Ausnahmen kurzgehalten sind. Statt in die Tiefe geht Holofernes in die Breite. Es wird aufgezählt, angerissen, abgehandelt – Menschen wie Themen (Essstörung, familiäre Verwicklung zum NS-Regime, Rassismus in Freiburg). Akribisch wird festgehalten, was alles (nicht) nett ist oder wie die Eltern ihrer Klassenkamerad:innen und das Lehrpersonal über das damals junge Mädchen geurteilt haben.
Das Gleiche gilt für die eingestreuten Medleys, wie zum Beispiel dasjenige, in dem Holofernes versucht, ihre emotionale Verwirrung als Teenagerin im Rückblick einzufangen: „Mit Ulf ins Kino! (Ki-no!) / Ulf mag ich eh so! (Oh-oh!) / Ich war bei Mike (Flix Flax) / Nur für Physik! (Knick Knack!)“.
Und wenn gen Romanende originale Tagebucheinträge aus dem Jahr 1990 nahtlos aneinandergereiht werden, die inhaltlich wie auch sprachlich das Niveau einer Bravo-Lovestory nicht überschreiten, fragt man sich: Worin besteht hier der ästhetische Mehrwert? Worin die Dringlichkeit, über Liebeskummer als Teenagerin derart – wenig ernsthaft – zu schreiben?
Blinde Flecken deckt man so nicht auf
Trotz der Fülle persönlicher Quellen, die Holofernes ins Textgefüge einspeist, fällt die Lektüre seltsam unberührt aus. Ihre Kindheit droht vorüberzufliegen wie die Landschaft während einer Zugfahrt. Viel zu häufig poppt das Adverb „derweil“ auf, als Symptom für die stetige Quantifizierung biografischer Anekdoten. Wenig hilfreich die Erzählperspektive, mit der Holofernes auf ihr Aufwachsen zurückblickt. Zu oft wird die Pointe bevorzugt, kaum verdichtet und analysiert. Blinde Flecken deckt man auf diese Weise nicht auf. Liegt es an der erwähnten Angst? Oder verhebt sich der Roman an seiner zu Beginn formulierten Hypothese: wenn zu nett, dann Genickbruch?
Sich wie Holofernes aufs Individuum zu verlegen, unterschlägt das strukturell Gemachte jenes Dilemmas, unter dem sie als Sängerin litt: erfolgreich (dabei nett geblieben), aber kaputt. Schon als Teenagerin den Wunsch zu hegen, berühmt werden zu wollen, ist legitim. Trotz großen Erfolgs nett zu sein zur Mitwelt, zugewandt und empathisch, sollte Standard sein – kein persönlicher Makel. Vielmehr muss mit der vom Musikbusiness wirkmächtigen Definition von Erfolg gebrochen werden, die besagt: Erfolg sei nur echt, wenn er ein Millionenpublikum generiert, Millionen einbringt und man millionenfach dafür blutet.
„Hummelhirn“ verrät, wie viel Anteil Holofernes’ Eltern daran haben, dass die Künstlerin ein warmherziger, mit kritischem Bewusstsein ausgestatteter Mensch ist. Umso bitterer die Erkenntnis, dass man trotzdem nicht davor gefeit ist, vom Kapitalismus geschluckt zu werden. Noch die resistenten Anlagen des Subjekts versteht er gewinnbringend zu integrieren. An diesem Kern schielt „Hummelhirn“ allerdings vorbei.
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