Kuku Schrapnell „Gender Punks“: Schon immer Punk
Queere Ikonen seit 1750: Kuku Schrapnell erzählt in „Gender Punks“ Geschichten von transgeschlechtlichen Personen vergangener Jahrhunderte.
Sie sind Soldaten in Armeen, Piraten auf hoher See, Sexarbeiterinnen in Bordellen, adelige Damen, Priesterinnen und Rebellenführer. Kuku Schrapnells Protagonist:innen klingen wie Figuren aus einem Abenteuerroman. Dabei geht es in ihrem Buch „Gender Punks“ nicht um fiktive Held:innen und Bösewichte, sondern um Menschen aus Fleisch, Blut und Schleim, die es wirklich mal gab. Oder zumindest so ähnlich.
Schrapnell begibt sich auf die Suche nach trans- und intergeschlechtlichen Personen in der Geschichte. Das ist nicht so einfach, weil die traditionelle Geschichtsschreibung nicht gespickt ist mit Persönlichkeiten, die sich von dem Geschlecht, dass ihnen bei der Geburt zugeschrieben wurde, abwandten und sich neu erfanden. Häufig finden sich Spuren dieser historischen Gender Punks, wie Schrapnell sie nennt, in Gerichts- oder Krankenakten oder in reißerischen Presseberichten. Sie wurden aus der Perspektive von Normgesellschaften beschrieben, die sie oft noch verfolgten.
Die erzählerische Annäherung an die Biografien einiger gender-nonkonformer Personen der westlichen Neuzeit ist selbst eher Punk als geschichtswissenschaftlich akkurat. Dass man vielleicht nicht jedes Detail auf die Goldwaage legen kann, macht nichts, denn es sind allesamt gute Storys. Obwohl Schrapnell – die selbsternannte Rosamunde Pilcher des Queerfeminismus – manche Passagen mit einem Augenzwinkern erzählt und immer mal wieder ihre eigenen Kommentare einfließen lässt, nimmt sie ihre historischen Figuren doch immer ernst.
Zur Buchmesse in Leipzig 2026 erscheint wieder die Literataz – diesmal schon vorab in der wochentaz vom 14. März. Darin geht es um die neuen Bücher von Judith Hermann, Carla Hinrichs, Judith Holofernes, Siri Hustvedt, Michal Hvorecký, Hasan Kikić, Rinah Lang, Dorota Masłowska, Sophia Merwald, Quinn Slobodian, Eva von Redecker, Christoph Ribbat, Lukas Rietzschel, Kuku Schrapnell, Ben Tarnoff, Curtis Sittenfeld, Ronen Steinke, Yasemin Toprak, Michael Wildenhain. Alle Texte zur Buchmesse finden Sie in unserem Schwerpunkt auf taz.de.
Die Buchmesse in Leipzig geht von Donnerstag, 19.3, bis Sonntag, 22.3.
Die taz ist wieder mit einem eigenen Stand vor Ort, an dem in zahlreichen Talks mit Autor:innen diskutiert wird – live auf der Bühne in Halle 5 und als Stream im youtube-Kanal der taz.
Patriarchale Gesellschaft contra Gender Punks
Auf 132 Seiten lässt Kuku Schrapnell den Blick vom 17. bis ins 20. Jahrhundert schweifen, schaut mal genauer hin, wo Spannendes passiert, mal demonstrativ weg, wo sich die zweigeschlechtlich organisierte patriarchale Gesellschaft gegenüber den Gender Punks zu hässlich verhält. Sie begegnet dabei unter anderem Anastasius Lagrantinus Rosenstengel im heutigen Thüringen, Romaine-la-Prophétesse im heutigen Haiti, Lucy Hicks Anderson in den USA und der Danshō Okiyo in Japan.
„Gender Punks“ berichtet vom Aufbäumen gegen die herrschende Ordnung und von staatlicher Repression und gesellschaftlicher Ächtung. Trotz der massiven Gewalt, die mit den Geschichten von trans- und intergeschlechtlichen Personen verknüpft ist, ist das Buch eine ermutigende und witzige Lektüre über die Kraft selbstbestimmten Lebens.
Kuku Schrapnell: „Gender Punks. Über trans Pionier*innen und die Kunst, widerständig zu leben“. Verbrecher Verlag, Berlin 2026, 136 Seiten, 16 Euro
Immer wieder lässt die Autor:in in ihre Erzählungen auch persönliche Überlegungen zur Transition einfließen. Sie geht auf die Frage ein, wie wir vergangene Zeiten mit Begriffen beschreiben können, die es damals noch nicht gab. Und plädiert für einen Blick auf Euphorie statt auf Dysphorie, wenn wir heute über Transgeschlechtlichkeit sprechen.
Kuku Schrapnell schreibt kurzweilig und trotzdem deep, rotzig und einfühlsam – immer wieder sind die Geschichten durchzogen von (teils eitrigem) Schleim. Nicht nur um zu verstehen, was es damit auf sich hat, sollte man dieses Buch lesen.
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