piwik no script img

Bühnenfassung von „Auf allen vieren“Die Frau an der Klippe

Ein vierköpfiges Frauenkollektiv hat Miranda Julys Roman „Auf allen vieren“ in den Sophiensaelen in Berlin uraufgeführt. In den Hauptrollen: Fritzi Haberlandt und Meike Droste.

Meike Droste und Fritzi Haberlandt verkörpern die Ich-Erzählerin gemeinsam Foto: Mayra Wallraff

Dieses Diagramm. Zwei Linien, projiziert auf die Wände des Bühnenbildes. Die eine pink, die andere blau. Sie steigen an, führen erst in ähnliche Richtung, umschlängeln sich, bis sie sich entzweien. Urplötzlich. Die namenlose Frau starrt sie an, mit halboffenem ungläubigem Mund, läuft näher heran, entfernt sich wieder, ohne den Blick abzuwenden.

Die beiden Kurven stehen für die Sexualhormone Östrogen und Testosteron, zeigen an, wie viel davon der weibliche bzw. männliche Körper im Laufe des Lebens produziert. Während die Testosteron-Linie ab Mitte 20 ganz sanft, dann ab Ende 40 etwas stärker, aber nie in bedrohlichem Winkel nach unten weist, knickt die Östrogen-Linie im mittleren Alter ab. Von jetzt auf gleich geht’s steil bergab.

„Wir stürzen jeden Moment von einer Klippe. In ein paar Jahren sind wir völlig andere Menschen“, so erklärt es die Ich-Erzählerin im Roman „Auf allen vieren“ in einer Schlüsselszene ihrer Freundin Jordie und so sagt sie es – verkörpert von Fritzi Haberlandt und Meike Droste – auch in der Bühnenfassung, die am Donnerstag in den Berliner Sophiensaelen uraufgeführt wurde.

Fast zwei Jahre ist es her, dass Miranda July ihren autofiktionalen Roman „All Fours“ (dt. „Auf allen vieren“) veröffentlichte, der hohe Wellen schlug. Er handelt von einer Frau in der Perimenopause, jener Phase, die den Wechseljahren vorausgeht. 45 ist sie zu Beginn, Künstlerin, verheiratet, Mutter. Alles ist irgendwie in Ordnung, aber komplett durchroutiniert, der Sex mit dem Gatten, das Wannenbad mit dem Kind. Sie wartet auf eine Art Wendepunkt, einen Durchbruch.

Monrovia statt New York

Den wird sie auch erleben, nur anders als erwartet. Vorher begibt sie sich auf einen Roadtrip, der von Los Angeles nach New York führen soll, aber unversehens im nahegelegenen Monrovia endet. Dort verknallt sie sich in einen jüngeren Mann, lässt sich ein schäbiges Motelzimmer von dessen Frau umgestalten, kehrt wieder zurück, aber nicht so ganz, sucht und findet sich auch, nicht zuletzt in sexueller Hinsicht. Das alles erzählt July, wie sie das eben kann, ziemlich komisch und verschroben sexy.

Die deutschen Bühnenrechte hat die US-Autorin kürzlich, das passt hübsch ins Narrativ, nicht an ein großes Haus, sondern ein unabhängiges Frauenkollektiv bestehend aus den genannten Schauspielerinnen und den Regisseurinnen Sabine Auf der Heyde und Holle Münster vergeben. Die Berliner Termine waren in kürzester Zeit ausverkauft. Im März ist das Stück im Theater im Pumpenhaus Münster und im Théatres de la Ville de Luxembourg zu sehen.

Kurz mal vor dem Leben verstecken: Meike Droste und Fritzi Haberlandt Foto: Mayra Wallraff

Mehr als 400 Seiten Roman haben die vier auf zwei Stunden Theater heruntergekürzt, ohne auf allzu viele Handlungsstränge zu verzichten. Das funktioniert, eingedampft auf seine Essenz verliert der Text aber doch etwas. Kaum Platz bleibt für all die irren Wendungen. Weich geschliffen wirken Ecken und Kanten, als hätte man auch sie mit einer der fliederfarbenen Steppdecken des pastellfarbenen Bühnenbildes überzogen.

Großen Spaß macht es aber, dem Duo Haberlandt-Droste zuzuschauen. In Kostümen, die aus Julys persönlichem Kleiderschrank stammen könnten – Hotpants und hohe Stiefel, fluffige Blusen und knappe Bodys, Schleifen, Chiffon, Rüschen – tanzen, singen und turnen sie umeinander. Palavern und kommentieren sich. Verkörpern die innere und äußere Stimme der Erzählerin. Schlüpfen kurzfristig auch in andere Rollen, werden immer wieder zu Freundin Jordie. Das restliche Personal hingegen, sogar jener Typ aus Monrovia, verschwindet fast. Im Fokus steht allein sie, die Frau an der Klippe.

Unser Mittel gegen Antifeminismus

Wir machen linken Journalismus aus Überzeugung: kritisch, unabhängig und frei zugänglich für alle. Es gibt keinen Bezahlzwang, keine Paywall. Das geht nur, weil sich viele freiwillig beteiligen und unsere Arbeit unterstützen. Auch im Digitalen muss Journalismus, der für mehr Gleichberechtigung eintritt, finanziert werden. Unsere Leser:innen wissen: Journalismus entsteht nicht aus dem Nichts. Damit wir auch morgen noch unsere Arbeit machen können, brauchen wir Ihre Unterstützung. Schon über 48.000 Menschen machen mit und finanzieren damit die taz im Netz - kostenlos für alle. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5 Euro sind Sie dabei. Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare