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Bundesjugendspiele und WehrhaftigkeitLeistungsprinzip Reloaded

Wehrhafter Pazifismus beim Schulsport? Ist der staatlich verordnete Leistungsdruck auf dem Sportplatz zum psychologischen Auslaufmodell verkommen?

W as ist denn das da jetzt für 'ne Regierungsinitiative, dass die Bundesjugendspiele erneut stark leistungsorientiert aufgeladen werden sollen!?“, fragt die Freundin beim Gartenchill und nippt am Rosé.

„Die CDU will den Wettkampfgedanken stärken, Nachtigall, ick hör dir rekrutieren“, sagt die andere Freundin und spuckt einen Kirschkern über den Tisch.

„Die Jugend soll kriegsfit gemacht werden!“

„Das bisschen missglückter Weitsprung und hecheln auf Zeit soll militärisches Vorglühen sein?“

„Logo! Damit das Land notfalls wieder den Bach raufmarschieren kann.“

„Wehrhaftigkeit als gesamt-gesellschaftliche Selbstwirksamkeitsexperience ist eben ein Thema der Stunde.“

„Bei all meinem grundgütigen inneren Pazifismus, Abschreckung is' jetzt im Kern noch kein Verbrechen.“

„Aber wer garantiert, dass es beim kleinen Gespenst bleibt?“

„Wehrhafter Pazifismus ist militanter Pazifismus.“

„Die binären Zeiten sind vorbei, Leute, alles wird aufgebrochen, nicht nur bei Genderthemen.“

„Ambivalenz in allen Ecken ist also bloß schnöder Realismus?“

Die Kinder werden quasi aus dem Stand gezwungen, Bälle in die Ferne zu schleudern und zu rennen, als wäre der Feind hinter ihnen her

„Bundesjugendspiele haben es nicht so mit Ambivalenz, da wurde immer schon knallhart und ohne Fantasie gesiebt in fit und unfit.“

Nichts daran ist spielerisch, die Kinder werden quasi aus dem Stand gezwungen, Bälle in die Ferne zu schleudern und zu rennen, als wäre der Feind hinter ihnen her.“

„Politisch Verantwortliche argumentieren da neuerdings psychologisch: Die jungen Leute müssten lernen, dass Anstrengung sich immer lohne!“

„Lieblingslüge des Kapitalismus.“

„Es siegen da ja auch immer dieselben Sportskanonen, wo ist der Lerneffekt?“

„Dass du dich devot an die Stelle des Systems einsortierst, wo du hingehörst.“

„Bei dem Horrorevent war immer vorher klar, wer gewinnt.“

„Aber das hatte sich Putin eben auch gedacht.“

„Der hat nicht mit Wehrhaftigkeit gerechnet.“

„Und deshalb sollen Pubertierende mit Seitenstechen zusammenbrechen?“

„Da werden die meisten ja doch nur mit ihrer Selbstunwirksamkeit konfrontiert.“

„Frust or Freedom!“

„Ich hab beim Weitwurf mal versehentlich den Ball bei vollem Armkreisschwung nach hinten losgelassen, mein fieser Lateinlehrer rief laut meinen Namen und dann: Rekord: minus 9 Meter!“

„Immerhin wurden die Ehrenurkunden von Richard von Weizsäcker unterschrieben.“

Demütigungen auf der großen Bühne

„Und was sollte das aussagen?“

„Dein Präsident sieht dich!“

„Das war nur ein Vordruck.“

„Nein!“

„Doch!“

„Unterm Strich für die meisten Demütigungen auf der großen Bühne des Jugendmikrokosmos, und es gab immer diese Mädchen, die alles mit links hinbekommen haben!“

„Und in die waren alle Jungs verliebt.“

„Heißt das, am Anfang standen die Typen auf die leistungsstärksten Mädchen?“

„Das waren optisch die Trainiertesten.“

„Alles öde platt und wie immer.“

„Der schwitzige Dauerlauf bei instabiler Stimmung mit letzter Kraft, weitermachen für nix als Krämpfe und vielleicht ein bisschen Ego.“

„Kapitalismus für Newcomer.“

„Hinter der Hecke hingen die Abweichler ab und rauchten Menthol-Zigaretten.“

„Da durfte man einfach sein und sich so wenig bewegen, wie man wollte.“

„Wenn der Leistungsgedanke wieder eingeführt wird, dann sollte auch mal demokratisch der Chill-Gedanke eingeführt werden.“

„Neues Zeitgeist Schulfach: Abschalten und Runterfahren.“

„Aber gibt es dafür nicht die Pausen?“

„Purer Stress.“

„Hauen, mustern, vergleichen, vergraulen und Bälle an den Kopf bekommen in unter 'ner halben Stunde.“

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Jasmin Ramadan

Jasmin Ramadan

Jasmin Ramadan ist Schriftstellerin in Hamburg. Ihr neuer Roman „Reality“ ist 2025 im im Weissbooks Verlag erschienen. 2020 war sie für den Bachmann-Preis nominiert. In der taz verdichtet sie im 4-Wochen-Takt tatsächlich Erlebtes literarisch.
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3 Kommentare

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  • Auch viele Argumente in diesem bunten Potpourri als Sammlung und sprachliches Buket gegen eine Bewerbung Deutschlands für die Ausrichtung Olympischer Sommerspiele in den nächsten Dekaden.



    Norwegen hat weit weniger Probleme mit Kompetition im Sport, übrigens mit herausragenden und zu respektierenden Erfolgen als sogenanntes "kleines Land".



    Die negativen Einstellungen zum Sport sind schon irritierend, zumal bspw Ingo Froböse aus Köln immer wieder als ehemaliger Hochleistungssportler und Hochschullehrer dazu publiziert hat und in den Medien präsent ist, um zu betonen, wie nützlich Sport und Bewegung sind.



    www.sr-mediathek.d...=7&id=39065&tbl=pf

  • Ich war früher mal klein und dünn habe glaub ich auch nur einmal eine Teilnehmerurkunde errungen, damit konnte ich auch ganz gut leben, weil ich meinen Ehrgeiz anderweitig eingesetzt habe und auch nicht verstehen konnte, dass man als Kind z.b. seine Freizeit im Fussball- oder Turnverein verbringen kann um von Erwachsenen rumgescheucht zu werden. Ein Witz war ja ohnehin, dass dort ja ganz unterschiedlich entwickelte Kinder über einen Kamm geschoren wurden. Ein Schulkamerad war im 3.Schuljahr 1,75 groß, der hat natürlich überall Bestmarken erzielt was ihm kaum besondere Anstrengungen abverlangt hat.



    Aber Schwätzer wie Kanzler Merz könnten doch einfach mal gegen ein paar fitte Abiturienten antreten und dann stellen wir uns alle hin und verhöhnen die ob ihrer Minderleistung; diese Flaschen.



    Viele wurden in meiner Generation auch nicht gefragt sondern von ihren Eltern einfach dort angemeldet.

  • Computerspielkinder haben wir genug; die Drohnen sind also mit Personal für ihre Bedienung versorgt. Altenpfleger dagegen müssen kräftig und ausdauernd sein! Wie viele Bettlägerige kann man pro Stunde wenden? Das ist Wettbewerb.