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Raus aus dem DiskursTabula Wattebausch

Überall Dauerberieselung mit Erwachsenenmeinungen, nirgends Raum für eigene Gedanken: Am Familientisch beschließt Irma, Eremitin zu werden.

W enn ich groß bin, will ich mal keine Kinder haben“, sagt das Mädchen im Restaurant zu seinen Eltern und dem kleinen Bruder und rollt eine Kugel aus dem Inneren des Weißbrotes.

„Ok“, sagt der Vater, „deine freie Entscheidung Irma, aber woher willst du das denn jetzt schon wissen?“

„Hä? Genau, du hast doch noch nicht mal einen Freund oder so“, ruft ihr Bruder.

„Einen Freund will ich auch nicht“, sagt Irma und bewirft den Bruder mit der Brotkugel.

„Das ist total okay für uns“, sagt die Mutter, „dann hast du eben später eine Freundin“.

„Ich will auch keine Freundin, ich will gar nix, ich will einfach nur allein sein“, sagt Irma.

„Wieso das denn?“, fragt der Vater.

„Na, vielleicht will sie ja Spitzenpolitikerin werden!“, sagt die Mutter.

„Darf man dann keine Familie haben?“, fragt der Bruder.

„Doch Dorian, das geht schon, auch so als Frau, hier Frau von der Leyen hat doch, glaube ich, zig Kinder“, sagt der Vater.

„Und wie viele Männer hat die, die den Haushalt machen?“, fragt Dorian.

Irma ruft: „Nein, das will ich auch nicht, ich will keine Karriere, ich will gar nix.“

„Wie jetzt gar nix? Aber wie willst du denn leben?“, fragt der Vater.

„Und wovon?“, fragt die Mutter.

„Ich brauch’ nix!“

Ich hab gerade darüber nachgedacht, ob ich im Untergrund Nazis angreifen will, wenn ich groß bin und ob das was bringt

„Dann isst du Wattebäusche zum Frühstück, oder was?“, fragt die Mutter.

Irma sagt: „Ich will allein im Wald in einer Höhle leben und mit niemandem reden müssen.“

Beide Eltern legen ihr Telefon auf den Tisch und gucken sich an, dann sagt die Mutter: „Aber woher hast du denn diesen Input jetzt auf einmal?“

„Aus mir selbst.“

Der Vater sagt: „War jemand in der Schule oder bei Social Media gemein zu dir?“

„Nein, ich will einfach meine Ruhe und ich glaub’, das geht nicht zusammen mit anderen Menschen weltweit und deshalb will ich Eremitin werden, wenn ich groß bin.“

„Auch ohne Telefon?“, fragt der Bruder.

„Ohne alles, einfach nur ich und meine Gedanken über die dann niemand mehr bestimmen kann.“

Die Mutter beugt sich nach vorn: „Aber wer bestimmt denn über deine Gedanken? Ich etwa? Oder Papa?“

„Alle, einfach alle, immer und überall, ich hab das Gefühl, ich weiß gar nicht, wie man selber denkt, weil immer schon jemand da vorher was dazu gesagt hat und weil die ganze Zeit alle irgendwas zu allem sagen, bevor ich überhaupt einen eigenen Gedanken darüber fertig gedacht habe und dann, wenn ich fertig bin, dann reden schon wieder alle über was anderes.“

„Und welchen Gedanken hattest du zuletzt, als schon wieder alle was anderes geredet haben?“

„Ich hab gerade darüber nachgedacht, ob ich im Untergrund Nazis angreifen will, wenn ich groß bin und ob das was bringt, und dann haben alle darüber geredet, ob es okay ist, eine Schwangerschaft von ärmeren Menschen zu kaufen.

Und da bin ich völlig durcheinandergekommen und habe gedacht, es wäre besser, wenn niemand mehr schwanger wird, damit es keine Nazis und keine Waldbrände und sterbenden Schildkröten in Plastiktüten mehr gibt und keine Polizisten, die sich auf Menschen draufstellen, bis die sterben.

Und dann wusste ich aber sofort, dass immer wieder jemand schwanger werden will, wegen der Biologie oder der Liebe, die aber auch nur Chemie sein soll, und dass ich nichts von irgendwas radikal verhindern kann, also dachte ich, ich könnte ja zumindest radikal alleine sein.“

„Ach Mensch“, sagt der Vater.

Und der Bruder sagt: „Aber glaubst du, irgendwas ändert sich, wenn du allein im Wald lebst, bis du tot umfällst?“

„Ich hab ja nicht gesagt, dass ich da leben will, bis ich tot umfalle.“

„Wie lange denn?“, fragt die Mutter.

„Bis ich endlich einen klaren Gedanken fassen kann.“

„Und was wäre so ein Gedanke?“

„Mein eigener.“

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Jasmin Ramadan

Jasmin Ramadan

Jasmin Ramadan ist Schriftstellerin in Hamburg. Ihr neuer Roman „Reality“ ist 2025 im im Weissbooks Verlag erschienen. 2020 war sie für den Bachmann-Preis nominiert. In der taz verdichtet sie im 4-Wochen-Takt tatsächlich Erlebtes literarisch.
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