Ausstellung „Umstrittene Verwandtschaft“: Vergleichen, aber nicht gleichsetzen
Das Deutsche Historische Museum Berlin wagt sich an ein Reizthema. Wie unterscheidbar sind koloniale und nationalsozialistische Gewalt tatsächlich?
Foto: Raffaele Michelotti / Museo dell’aeronautica Gianni Caproni
Kann ein Vergleich neue Perspektiven eröffnen?“ Durch den „Raum der Fragen“ betritt man die Ausstellung „Umstrittene Verwandtschaft. Koloniale und nationalsozialistische Gewalt“ im Deutschen Historischen Museum (DHM) in Berlin. Und steht zunächst vor zwei nebeneinander in gläsernen Vitrinen ausgestellten Objekten.
In der einen befindet sich eine helle Peitsche aus Nilpferdhaut – das berüchtigte Instrument, welches zur Züchtigung und Folter von Menschen in afrikanischen Staaten und Kolonien eingesetzt wurde. In der anderen Vitrine eine leere Metalldose. Darauf deutlich sichtbar: ein Totenkopfemblem sowie die Aufschrift „Giftgas!“.
Die rostige Dose stammt aus dem Vernichtungslager Auschwitz. Sie enthielt Zyklon B, ein Schädlingsbekämpfungsmittel, basierend auf Blausäure. Die SS setzte es in Auschwitz für den industriellen Massenmord an allein dort über einer Million Menschen ein, die meisten von ihnen Juden.
Ausstellung und Buch
Die Ausstellung: „Umstrittene Verwandtschaft. Koloniale und nationalsozialistische Gewalt“, Deutsches Historisches Museum, Berlin, 16. Oktober 2026 bis 11. April 2027
Der Begleitband: Raphael Gross und Stephan Malinowski (Hrsg.), „Umstrittene Verwandtschaft. Koloniale und nationalsozialistische Gewalt“, Wallstein Verlag, 320 Seiten, 28 Euro
Produziert wurde Zyklon B in einer ursprünglich zur Zuckerherstellung gebauten Fabrik in Dessau – im Auftrag des Firmenkonglomerats aus Degesch, Degussa und IG Farben. Ausliefernder Zwischenhändler war die Hamburger Firma Tesch & Stabenow, später die SS selbst.
Methodisch klar
Peitsche und Gasdose – der Prolog zu einer Ausstellung, die anschaulich und dennoch komplex über Objekte, Dokumente, Videos, Hörstationen und Texttafeln von den Ähnlichkeiten und den Unterschieden kolonialer sowie nationalsozialistischer Gewaltausübung erzählen will.
„Methodisch ist dabei klar“, stellt DHM-Direktor Raphael Gross einleitend bei der Eröffnung fest: „Vergleichen heißt nicht gleichsetzen.“
Man leiste hier vielleicht Pionierarbeit, so Stephan Malinowski, Historiker und Chefkurator der Ausstellung. Der renommierte Historiker hat 2022 für sein Buch „Die Hohenzollern und die Nazis. Geschichte einer Kollaboration“ den Deutschen Sachbuchpreis erhalten. Auch ihm geht es um „eine empirisch fundierte Annäherung an jene Sachverhalte, die in kolonialen wie nationalsozialistischen Gewaltregimen sinnvoll miteinander in Beziehung gesetzt werden können, ohne deshalb ineinander aufzugehen oder identisch zu sein“.
Italiens Abessinien-Krieg
In acht analytisch unterteilten Räumen hebt die Ausstellung nun einzelne Aspekte ausschnitthaft hervor. Der erste rückt etwa den Angriffskrieg des faschistischen Italiens auf Abessinien 1935/36 in den Blick. Der Duce Benito Mussolini spekulierte auf neuen „Lebensraum“ in Ostafrika. Ein Gemälde von Alfredo Gauro Ambrosi wirkt zunächst irritierend pittoresk.
Im Stil futuristischer Luftmalerei stellt das Bild ein grotesk idealisiertes Kampfflugzeug beim Bombenabwurf dar. Wo die Bomben einschlagen, steigen im unteren Abschnitt des Gemäldes kleine Wolken wie Zigarettenrauch aus einer menschenleeren ostafrikanischen Landschaft auf.
Eine original italienische Gasbombe schwebt an einer Aufhängung über den Besuchern des Ausstellungsraumes. Zur Eroberung des durch interne Widersprüche geschwächten Kaiserreichs Abessinien (heute Äthiopien) betrieb das faschistische Italien eine Kriegsführung, die Historiker mit der der deutschen Wehrmacht in Polen vergleichen.
Gegenüber dem Gemälde des Futuristen Ambrosi befindet sich an der Wand die lebensgroße Reproduktion eines Fotos von Haile Selassie. Der Kaiser von Äthiopien warb in einer Rede 1936 vor dem Völkerbund in Genf um internationalen Beistand. Mit Hilfe Großbritanniens wurden die Italiener 1941 wieder vertrieben. Danach blieb Haile Selassie bis 1974 absoluter Herrscher Äthiopiens.
C.L.R. James in London
Eine weitere großformatige Fotografie in diesem Ensemble zeigt C. L. R. James in jenem Moment, in dem der aus Trinidad stammende Intellektuelle im August 1935 auf einer Kundgebung auf dem Trafalgar Square in London sprach und vor dem bevorstehenden Einmarsch Italiens in Abessinien warnte. Wie Frantz Fanon schloss er damals noch die vom Antisemitismus bedrohten und in Deutschland verfolgten Juden solidarisch mit ein.
Reduktion und Verdichtung, ohne zu trivialisieren, scheinen der Ausstellung fast mühelos zu gelingen. Auch wenn sie verengte nationalistische Sichtweisen antikolonialer Führer und Theoretiker wie Jawaharlal Nehru, Mahatma Gandhi oder Aimé Césaire thematisiert.
Beispielhaft zitiert eine Wandbeschriftung aus dem Disput zwischen Gandhi, Führer der indischen Unabhängigkeitsbewegung, und dem Religionsphilosophen Martin Buber.
Gandhis Empfehlung und Bubers Antwort
Vor seinem britisch-indischen Erfahrungshintergrund ordnet Gandhi die Ereignisse im nationalsozialistischen Deutschland zwei Wochen nach der Reichspogromnacht am 26. November 1938 so ein: „[Die Entrechtung der Inder] in Südafrika war nahezu von dem gleichen Typus wie die der Juden in Deutschland. […] Doch die Juden in Deutschland können Satyagraha [gewaltfreien Widerstand] unter unendlich besseren Voraussetzungen praktizieren als die Inder in Südafrika.“
Buber antwortete in einem Brief vom 24. Februar 1939: „Aber wissen Sie, oder wissen Sie nicht, Mahatma, was ein Konzentrationslager, welches die Martern des Konzentrationslagers, welches seine Methoden des langsamen und des schnellen Umbringens sind? […] Und meinen Sie etwa, ein Jude könnte in Deutschland auch nur einen einzigen Satz eines Vortrages wie jenes von Ihnen öffentlich aussprechen, ohne niedergeschlagen zu werden?“
„Umstrittene Verwandtschaft“ macht in verblüffenden Details Ähnlichkeiten und Unterschiede kolonialer und nationalsozialistischer Ordnungs- und Gewaltregime deutlich.
Foto: Rhodes Jewish Historical Foundation Archives, Los Angeles
Historische Plakate der französischen Kolonialverwaltung in Algerien etwa wiesen der muslimischen Frau den Weg in eine Zukunft ohne Kopftuch und Schleier, um assimiliert Teil des modernen Französisch-Algeriens zu werden – während eine Tafel aus der Wochenzeitung Der Stürmer 1935 so etwas für Juden negierte und üble antisemitische Karikaturen gleich mit Weltausschlussanspruch verbreitete: „Das ist der Jude: Der Feind aller Nationen“.
Muslimische SS-Brigade, britische Kolonialtruppen
Dabei waren andere, überraschende Kollaborationen durchaus möglich. Eine Ausgabe der Kölnischen Illustrierten präsentierte 1943 auf dem Titelfoto die strahlenden Gesichter einer muslimischen SS-Brigade. Ab 1941 residierte der Großmufti von Jerusalem, Mohammed Amin al-Husseini, bei Adolf Hitler in Berlin.
Wohingegen wiederum auf französischer und britischer Seite historische Plakate davon sprechen, Angehörige kolonisierter Staaten zum Kampf gegen den Nationalsozialismus anzuwerben.
Die Ausstellung beschönigt auch nicht die von der Kaiserlichen Schutztruppe begangenen Kolonialverbrechen an den aufständischen Nama und Herero in Deutsch-Südwestafrika. Doch regt sie dazu an, die Verbrechen in einem anderen historischen Kontext zu begreifen als den später industriell organisierten Massenmord an den europäischen Juden.
Der achte Raum
Der achte Raum der Ausstellung ist dann auch den Menschen der jüdischen Gemeinde von Rhodos gewidmet. Erinnerungsfotos zeigen Mädchen beim Schulsport, beim Baden im Meer, Frauen mit Hut bei einem Kaffeekränzchen oder posierende Männer des Maccabi-Sportvereins.
Noch im Sommer 1944, die Niederlage vor Augen, deportierten die Deutschen unter großem logistischem Aufwand die etwa 1.670 Menschen der jüdischen Gemeinde von Rhodos in die 2.000 Kilometer entfernten Vernichtungslager von Auschwitz.
„Ohne und gegen jede militärische und ökonomische Logik“, so Stephan Malinowski. In Auschwitz wurden die meisten unmittelbar nach ihrer Ankunft ermordet. Für solche Orte wie Auschwitz, sagt der Historiker, „einzig erschaffen für die möglichst effiziente Ermordung von Menschen, lassen sich koloniale Pendants nicht erkennen“.
Entsprechend sei dieser Raum am Ende der Ausstellung ohne vergleichbares koloniales Gegenstück geblieben.
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