Arzt über seelische Gesundheit: „Kreativität kann ein Schlüssel sein“
Der Beziehung zwischen Kunst und Psyche widmet sich die 15. Bremer Woche der seelischen Gesundheit. Auch Risiken und Nebenwirkungen hat sie im Blick.
Foto: Uwe Anspach/dpa
taz: Herr Gonther, ist die Verbindung zwischen Kunst und seelischen Erkrankungen nicht genauso eng wie die zur seelischen Gesundheit?
Uwe Gonther: Absolut. Wir haben die Woche der seelischen Gesundheit deshalb auch nicht unters Motto „gesund durch Kunst“ gestellt, sondern veranstalten sie bewusst unter dem Titel „Kunst und Gesundheit“. Wir wollten dieses große Thema so breit wie möglich angehen.
taz: Wer ist „wir“?
Gonther: Na alle, die mit der Organisation zu tun haben. Die Woche der seelischen Gesundheit wird in Bremen jetzt zum 15. Mal von der Deutschen Gesellschaft für Soziale Psychiatrie veranstaltet. Dafür hatte ich jetzt das Thema vorgeschlagen, und wir haben mit den verschiedensten kulturellen Einrichtungen, den Behörden und mit der Volkshochschule kooperiert, wo seit 2023 das Projekt „Kunst auf Rezept“ angesiedelt ist, aus dem heraus auch schon neue Netzwerke entstanden sind.
taz: Klingt nach viel …
Gonther: Ja. In den paar Tagen haben wir jetzt mehr als 30 Veranstaltungen. Und das ist noch längst nicht alles, was es in dem Spektrum in Bremen und Bremerhaven gibt.
Jahrgang 1965, ist ärztlicher Direktor am Ameos Klinikum Dr. Heines Bremen, lehrt als Prof an der Hochschule für Künste im Sozialen, Ottersberg.
taz: Kunst bedeutet hier aber nicht nur bildende Künste, oder?
Gonther: Nein, auch Theater ist dabei, Schreiben, also Literatur und sogar so etwas wie Spazierengehen, was jetzt nicht jeder sofort erwarten würde. Das ist hier als Wahrnehmungskunst gelabelt.
taz: Sie haben selbst über Friedrich Hölderlin und die therapeutische Selbstwirksamkeit seines Dichtens veröffentlicht. Schauen die Veranstaltungen stärker auf Kunstproduktion oder -rezeption?
Gonther: Auf beides. Außerdem geht es uns auch um die soziale Komponente – also darum, solche Dinge, die als Kunst verstanden werden können, zusammen zu erleben und zu reflektieren. Da gibt es viel zu besprechen, ohne die Kunst zu instrumentalisieren.
taz: Dafür wäre sie auch zu zweideutig: Dass Leute von Bildern getriggert werden und glauben, sie angreifen zu müssen, ist bekannt, und die bürgerliche Gesellschaft denkt Genie und Wahnsinn gern als Begriffspaar. Spielen die Klischees bei Ihnen auch eine Rolle?
Gonther: Die spielen immer eine Rolle. Ich glaube aber fest daran, dass wir da inzwischen als Gesellschaft wirklich weiter sind als das 19. Jahrhundert mit dieser etwas abgedroschenen Diskussion. In der steckt unglaublich viel Pathologisierung. Wir schauen heute eher individuell und prozesshaft: Wie lassen sich kreative Potenziale freilegen und wo lässt sich darüber auch das Wohlbefinden fördern? Denn Kreativität kann ein Schlüssel sein. Das weiß ich von vielen Betroffenen, die übers gemeinsame Theaterspielen oder durchs Malen entscheidende Schritte aus ihrer Sackgasse herausgefunden haben, einen Ausweg aus schweren psychischen Krankheiten.
Die 15. Bremer Woche der seelischen Gesundheit, 5.–11. Oktober steht unter dem Motto Kunst und Gesundheit. Rund 30 Veranstaltungen in Bremen und Bremerhaven, Programm-Infos online
taz: Kann Kunst als tendenziell monomane Beschäftigung mit einem Gegenstand nicht gerade in sie hinein führen?
Gonther: Das ist eine verbreitete Theorie. Die gibt es in Bezug auf Hölderlin oder auch auf van Gogh. Von denen heißt es oft, sie hätten sich durch eine für ihre Zeit eher exzentrische Formensprache selbst ins gesellschaftliche Aus begeben. Ich habe da so meine Zweifel: Diese Gefährlichkeit von Kunst kann auch eine Außenzuschreibung sein.
taz: Dann wäre Kunst alles in allem aber doch eher heilsam?
Gonther: Nicht in dem naiven Sinne, man malt jetzt ein Bild und ist dann gesund. Aber wenn man das Sozial-Verbindende von Kunst in den Blick nimmt, wird man in ihr immer auch eine Zeichensprache erkennen, in der die eigene Erfahrung zum Ausdruck kommen kann.
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