Angst vor Blackouts: EU verbannt Solaranlagen-Technik aus China
Blackout durch Photovoltaik aus Fernost? Die EU-Kommission stoppt die Förderung für sogenannte Wechselrichter. Die Branche ist überrascht.
Sie wandeln Gleichstrom in Wechselstrom um und sind wichtig für die Energiewende: Sogenannte Wechselrichter sollen künftig nicht mehr aus „Hochrisikoländern“ kommen. Künftig erhalten Energieprojekte keine Fördergelder aus EU-Töpfen mehr, wenn sie Geräte von Herstellern einsetzen, die unter der Kontrolle von China, Russland, Nordkorea oder dem Iran stehen. Faktisch geht es bei diesem Plan der EU allerdings fast ausschließlich um Wechselrichter aus China, vor allem von den Firmen Huawei und Sungrow. Die Entscheidung steht im Kontext des Cybersecurity Acts, mit dem europäische Produkte, Dienstleistungen und Prozesse widerstandsfähiger gemacht werden sollen. Die Maßnahmen sind eine Reaktion auf die Zunahme von Cyberangriffen sowie die wachsende Sorge vor ausländischer Einmischung, Spionage und der Abhängigkeit Europas von Technologielieferanten aus Drittländern.
Das Problem: Die Wechselrichter – etwa von Solarstromanlagen, die den Gleichstrom der Module in netzkompatiblen Wechselstrom umwandeln – verfügen über eine Kommunikationsschnittstelle. Über diese können Hersteller Software-Updates aufspielen oder Hacker könnten sich Zugang zu den Anlagen verschaffen und die Stromerzeugung in einer konzertierten Aktion abschalten.
Neben Solar-Wechselrichtern umfasst die Leitlinie der EU auch vergleichbare Produkte in anderen Einsatzbereichen, etwa Wechselrichter von Batteriespeichern, Umrichter in Windkraftanlagen und ebenso die Leistungselektronik in Wärmepumpen, in Ladestationen für Elektrofahrzeuge sowie weitere Wechselrichteranwendungen im Stromnetz.
Die deutsche Solarbranche zeigte sich nach den Meldungen aus Brüssel überrumpelt: „Weder der Bundesverband Solarwirtschaft noch unser europäischer Schwesterverband SolarPower Europe waren in die Entscheidungsfindung der EU-Kommission eingebunden“, sagt Carsten Körnig, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Solarwirtschaft (BSW Solar).
Europäische Hersteller könnten profitieren
Auch über die Anzahl der tatsächlich tangierten Projekte ist wenig bekannt. Man habe bisher keine Kenntnis davon, dass Mitglieder des eigenen Verbandes von den Brüsseler Beschlüssen betroffen sind, so Körnig. Aktuell soll es lediglich um solche Projekte gehen, die von Institutionen wie der Europäischen Investitionsbank (EIB), der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) und dem Europäischen Investitionsfonds (EIF) finanziell gefördert werden.
Die EU-Kommission sieht eine Übergangsregelung vor. Vorhaben, die bereits begonnen wurden, sollen nur dann noch durch die EU gefördert werden, wenn sie bis zum 1. Mai bei der Kommission gemeldet wurden und bis zum 1. November zur Entscheidung vorgelegt werden.
Der BSW Solar weist außerdem darauf hin, dass sich aus dem Beschluss der EU-Kommission „keine Vorgabe für den Umgang mit nationalen Fördergeldern, etwa der Einspeisevergütung im Rahmen des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG)“ ergebe. Eine Anfrage, ob es in der Bundesregierung Bestrebungen gebe, auch nationale Förderprogramme wie das EEG so auszurichten, dass chinesische Wechselrichter nicht mehr gefördert werden, ließ das Bundeswirtschaftsministerium zunächst unbeantwortet.
Europäische Hersteller setzen bereits darauf, dass sie von dem Vorstoß der EU profitieren werden. Der in Österreich ansässige Wechselrichter-Hersteller Fronius teilte mit, er begrüße „die Entscheidung der Europäischen Kommission ausdrücklich“. Dieser erste Schritt sende „ein wichtiges Signal, dass Energie- und Versorgungssicherheit in Europa ernst genommen werden“.
Mehr Autonomie Europas ist möglich
Die aktuelle Maßnahme betreffe zunächst vor allem große Freiflächenprojekte, erklärt das Unternehmen. Wichtig sei, dass jetzt die Mitgliedsstaaten die Maßnahmen der Kommission auch für kleinere Projekte umsetzen.
Schließlich wird der Ausbau der Photovoltaik in Europa stark von dezentralen Anlagen getragen: Im privaten und industriellen Segment würden jährlich rund 40 Gigawatt Photovoltaik-Leistung neu installiert, rechnet Fronius vor. Diese Anlagen seien „tief in Gebäude, Verteilnetze und Energiemanagementsysteme eingebunden“ und leisteten „einen zentralen Beitrag zur europäischen Versorgungssicherheit“.
Grundsätzlich sei mehr Autonomie Europas in dem Bereich möglich, betont Fronius. Die gesamte europäische Solarindustrie könne ihre Fertigungskapazitäten auch im Bereich von kleineren und mittleren PV-Anlagen „innerhalb kürzester Zeit hochfahren und damit den Bedarf in der EU decken“.
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