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Entsetzen in der PartyhauptstadtVerwüstungen nach einer Abifeier

Nach einer Party von Schüler*innen in Berlin war ein Park kurz in Unordnung geraten. Die große Aufregung darüber mag unsere Kolumnistin nicht verstehen.

Getrunken wurde natürlich auch bei der Berliner Abifeier was, so wie hier bei diesem Symbolbild Foto: Christian Thiele/picture alliance/dpa

L eute! Was war denn da los in der Partyhauptstadt Berlin? Furor, Entsetzen! Dabei ging es eigentlich nur um, na ja: eine weitere Party. Ein paar Hundert Schüler*innen hatten sich in der letzten Schulwoche vor den Abiturprüfungen in einem Park zum Feiern getroffen. Der Park: Eine große Grünfläche am Pankower Planetarium, an der einen Seite eine mehrspurige Hauptstraße, an der anderen S-Bahn-Gleise – im Grunde rücksichtsvoll gewählt für eine Party im öffentlichen Raum.

Die Hauptstadtpresse eskalierte. „Was als Abi-Party begann, endete mit der Verwüstung einer kompletten Parkanlage. Erst die Polizei konnte das Treiben von mehr als 350 Schülern am Planetarium in Prenzlauer Berg Ende der vergangenen Woche stoppen. Zurück blieb am Freitagabend eine Trümmerlandschaft aus zerbrochenen Glasflaschen, Getränkedosen und Verpackungsresten“, berichtete der Tagesspiegel Ende März.

Da hatten Schüler*innen die Parkanlage bereits wieder aufgeräumt, was den Tagesspiegel-Text in den redaktionell offenbar unbemerkten Widerspruch führte, dass an die „Verwüstung einer kompletten Parkanlage“ nur drei Tage nach dem Fest „nichts mehr“ erinnere.

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Ganz erstaunlich, was Berlins Abiturient*innen so können, oder? Oder nicht: Ich war nicht vor Ort, aber ein Freund, der kurz nach der Party Fotos auf Instagram postete. Ganz ehrlich, das sah aus wie jede innerstädtische Berliner Grünanlage nach einem sonnigen Wochenende. Was in der Regel nur dann zu Aufruhr führt, wenn dafür „Migrant*innen“ verantwortlich gemacht werden – eine Bevölkerungsgruppe, deren Anwesenheit im Stadtbild leider immer mehr Leute ebenso stört wie die von Jugendlichen.

Natürlich ist nicht nichts passiert: Es wurde laut Musik gespielt, es seien Böller gezündet, Flaschen geworfen, gar Polizisten angegriffen worden, berichtete sogar der Spiegel. Tatsächlich kam die Polizei, tatsächlich wurden 5 Personen kurzzeitig festgenommen: „Tatsächlich ist unklar, ob es sich bei den Angreifern aus der Partymenge um Schüler oder externe Teilnehmer handelte“, machte ausgerechnet Berlins Boulevardblatt BZ fairerweise deutlich.

Er habe seine Schüler*innen darum gebeten, dass „gern auch in Abstimmung mit umliegenden Schulen“ die Wiese gereinigt werde, zitiert der Tagesspiegel den Leiter eines wiesennahen Gymnasiums am Montag nach der Feier. Die Schüler*innen hätten ihm daraufhin mitgeteilt, dass dies bereits am Vortag eigenständig organisiert worden und die Wiese gereinigt sei. Vorangegangen war der Aufräumaktion ein „Ausmaß an Rücksichtslosigkeit, das sprachlos macht“, um die Pankower Lokalpolitikerin Manuela Anders-Granitzki selbst zu zitieren. Zwar habe sie großes Verständnis dafür, dass Schüler*innen den Abschluss ihrer Schulzeit feiern wollten, sie werde aber „nicht tatenlos zusehen“, wenn dabei Grünanlagen verwüstet würden: „Vermitteln Sie Ihren Schülern, dass Freiheit und Verantwortung untrennbar zusammengehören“, forderte die Christdemokratin. Als Ordnungsstadträtin trägt sie Verantwortung für Grünanlagen.

Leute! School’s out! Abi! Einmal im Leben! Und überhaupt: Jugendliche! Freiheit, Verantwortung und gegenseitige Rücksichtnahme – das wäre eine runde Sache. Drei Jahre lang sind die jetzigen Schulabgänger*innen unter Coronabedingungen aufgewachsen, mit denen gerade Kindern und Jugendlichen große Rücksicht abverlangt wurde – ohne sie dabei je nach ihren Bedürfnissen zu fragen. Rund ein Viertel der Jugendlichen in Berlin wächst in Armut auf – die können sich Feiern in Clubs gar nicht leisten. Gönnt ihnen doch auch mal ein Stück von unserem gemeinsamen öffentlichen Raum: Sie gehören dazu! Und sie haben es wirklich verdient.

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Kolumnistin taz.stadtland
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