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Auf der Suche nach StadionruheEin Raum im Nirgendwo

Die Fifa wirbt mit neu geschaffenen Sensory-Rooms in den Stadien. Gute Idee. Leider weiß in Guadalajara niemand, wo diese eigentlich zu finden sind.

G ut hat sie geklungen, die Ankündigung. Zum ersten Mal, so die Fifa, werde jedes WM-Stadion einen Sensory-Room haben. Er biete „gedimmtes Licht, reduzierten Lärm, bequeme Sitzgelegenheiten, Elemente zum Erfühlen und Entspannen sowie Fernseher, die beruhigende visuelle Inhalte zeigen“. Das richtet sich an Fans, die empfindlich auf Reizüberflutung reagieren. Laut Fifa soll das zwischen 5 und 16,5 Prozent betreffen, etwa Fans mit Autismus, PTBS, Demenz oder Angstzuständen.

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Die taz bei der Fußball-WM

Der Ball ist rund und die taz ist ihm dicht auf den Fersen. Unsere Reporterin Alina Schwermer ist auf einem Roadtrip (meist) per Bus und berichtet in Reportagen und in ihrem Blog – manchmal auch aus den Stadien, aber noch viel öfter über alles drumherum. Alle Spiele werden von ausgeschlafenen tazler:innen für Sie hier in „Alle Spiele“ kurz zusammengefasst. Dann gibt es das ganz geheime Tagebuch von Fifa-Dingsbums Gianni Infantino. Und alles andere rund um die WM finden Sie hier.

Die Fifa hat da einen großen Punkt. Es gibt noch viele weitere Gruppen, für die sich der Besuch eines Stadions mit Lärm, Chaos und vielen Reizen belastend oder unerreichbar anfühlen kann: Menschen mit Long Covid oder mit ME/CFS, mit postkommotionellem Syndrom oder anderen Folgen von Hirnverletzungen, mit schwerem ADHS und andere. Endlich also, denke ich, hat die Fifa mal eine gute Idee.

Die WM sei „das erste Sportturnier überhaupt“, das von KultureCity, einer Organisation für sensorische Barrierefreiheit, als „Sensory Inclusive Tournament“ ausgezeichnet worden sei. Diesen Sensory-Room möchte ich in Guadalajara besuchen. Ich glaube, dass so etwas vielen Fans wirklich weiterhelfen könnte. Wenngleich ich mir bei dem grölenden und trötenden mexikanischen Publikum schwer vorstellen kann, dass hier jemand einen Sensory-Room braucht.

Voller Zutrauen spreche ich vor der Partie Mexiko – Südkorea eine Volunteerin an. Ob sie weiß, wo der Sensory-Room ist. Sie starrt mich ratlos an. Sensory was? Nein, nie gehört. Das wird der Soundtrack der nächsten Stunde sein. Ich umrunde das Stadion. Umrunde es noch mal innen. Ich frage sehr, sehr viele Volunteers. Ratlose Gesichter. Niemand hat je davon gehört. Die Medienfrau fragt: Century-Room? Die Security wisse sicher Bescheid, sagt eine Volunteerin. Der Volunteer wisse sicher Bescheid, sagt die Security. Seine Managerin wisse sicher Bescheid, sagt der Volunteer.

Ein „historischer Meilenstein für die Barrierefreiheit“ seien die Rooms, erklärt die Mitteilung. Aber sollten sie nicht auch zu finden sein? Für Personen, die kurz vor einem Crash stehen, also einer rapiden Verschlechterung ihres Zustands durch Reizüberflutung, wäre die Sucherei hier ein Desaster. Ein Volunteer geht für mich auf Schnitzeljagd. Er fragt diesen und jenen, zeigt Hilfe suchend auf mich. Nichts. Endlich hat die Managerin Zeit. Ob sie mir sagen kann, wo der Sensory-Room ist? „Was soll das sein?“, fragt sie kühl. Ich erkläre es bestmöglich, auch darin bin ich mittlerweile geübt. „Nein.“ Ob sie denkt, dass es irgendwer wissen könne? Ihre Stimme wird noch kühler: „Nein.“

Ich gebe mich geschlagen. Wenn ich kurz vor einem Crash stünde, hätte ich ihn eh längst gehabt. Also wieder nichts mit Inklusion bei der Fifa. Dabei hatte sie es so hübsch formuliert. „Das dauerhafte Versprechen der Fifa, niemanden auszuschließen“, so heißt es in der Mitteilung. Ich denke an all die Mexikaner:innen, die mir erzählt haben, dass sie sich keine Tickets leisten können. Nein, finanziell ist das natürlich nicht gemeint. Die Fifa denkt eher daran, keine Reichen auszuschließen. Aber es gibt da natürlich einen Schönheitsfehler: Viele der Menschen, die die Fifa mit ihren Sensory-Rooms ansprechen will, sind sehr ernsthaft in ihrem Alltag eingeschränkt in einer Welt, die nicht für ihre Bedürfnisse gemacht ist – und arbeiten folglich seltener in Jobs, die ihnen ermöglichen, sich ein Fifa-Ticket zu leisten. Ich vermute, auch so weit denkt die Fifa nicht.

Ich schaue also stattdessen Fußball. Mexiko gegen Südkorea ist wieder ein schwacher Kick in dieser schwachen Gruppe, das Stadion ist nicht ausverkauft, Mexiko gewinnt irgendwie 1:0. Menschen, die wegen Neurodivergenz nicht hier sein konnten, haben nichts verpasst. Ich hoffe trotzdem, dass vielleicht ein Klub die Idee aufnimmt – und besser umsetzt als Infantino und Spießgesellen.

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Alina Schwermer

Alina Schwermer freie Autorin

Jahrgang 1991, studierte Journalismus und Geschichte in Dortmund, Bochum und Sankt Petersburg. Schreibt für die taz seit 2015 vor allem über politische und gesellschaftliche Sportthemen und übers Reisen. Autorin mehrerer Bücher, zuletzt "Futopia - Ideen für eine bessere Fußballwelt" (2022), das auf der Shortlist zum Fußballbuch des Jahres stand.
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6 Kommentare

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  • Okeee... also, ich mag Lärm, große Menschenmassen, Gedränge und Gegröhle nicht. Will aber für 600 $ ins Fußballstadion. Wieso? Und die ideale Lösung des Dilemmas ist dann, dass ich dort in einen speziellen Raum sitze, der mich davon abschirmt? Echt jetzt?

    • @CarlaPhilippa:

      Dürfen Menschen mit Autismus nicht ins Fußballstadion?



      Echt jetzt?



      Überlegen sie mal was für diskriminierende sch.... Sie hier denken.

  • Ein Sensory-Room pro Stadion gegen die Reizüberflutung. Wer dieses Konzept jedoch zu Ende denkt, merkt schnell: Es greift viel zu kurz.

    Um überhaupt in diese Oase der Ruhe zu gelangen, müssen betroffene Fans erst das logistische Bootcamp der Anreise überstehen. Und genau hier liegt das strukturelle Versagen. Ein Raum im Stadion nützt den Besucher:innen überhaupt nichts, wenn das gesamte System davor barrierefeindlich ist.

    Wir müssen die Gesellschaft, die Ausrichter:innen, die Stadienbetreiber:innen und vor allem die Mobilitätsunternehmen endlich radikal in die Pflicht nehmen:

    Verkehrsbetriebe: Die Reizüberflutung beginnt nicht am Tribüneneingang, sondern in überfüllten, dröhnenden Shuttlebussen und Bahnen. Wer Inklusion ernst meint, darf nicht nur Busse schicken.

    Stadienbetreiber:innen müssen radikal umdenken: Barrierefreiheit darf nicht an einer verschlossenen Tür in den Katakomben enden. Es reicht nicht, Barrieren abzubauen – wir müssen die Umgebung komplett umgestalten.

    Solange Verkehrsplaner:innen, Event-Ausrichter:innen und Betreiber:innen diese notwendigen Schritte verweigern bleibt dies ein Alibi-Marketing auf dem Rücken derer, die echte Teilhabe bräuchten.

  • Auch diese Luftnummer passt ins Bild. Aber ich glaube, Menschen mit Crash-Gefahr tun sich den Unsinn eh nicht an.

    • @snowgoose:

      "Menschen mit Crash-Gefahr" können sich diesen Unsinn vermutlich auch finanzell nicht leisten.

      • @Dens Caninus:

        Das auch!