Hungerkrise durch Irankrieg: Ausgedüngt
Steigende Energiepreise, blockierte Handelsrouten und ein konzentrierter Düngemittelmarkt treiben die Kosten für Lebensmittel nach oben. Millionen Menschen droht Hunger.
Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) warnt: Sollte der Irankrieg bis Juni andauern, könnten zusätzlich 45 Millionen Menschen von Hunger betroffen sein. Bereits jetzt sind das laut Welternährungsbericht 2025 rund 673 Millionen Menschen – etwa jede zwölfte Person. Beobachtende gehen davon aus, dass die Krise Mitte 2026 ihren Höhepunkt erreichen könnte.
Dass auf die fossile Energiekrise jetzt eine Hungerkrise folgt, liegt zum einen daran, dass hohe Ölpreise Transportkosten von Lebensmitteln in die Höhe treiben. Zum anderen schlagen die Vereinten Nationen und die Weltbank wegen stark gestiegener Preise von Düngemitteln Alarm. Auch das ist eine direkte Konsequenz des US-israelischen Kriegs gegen den Iran.
Etwa ein Drittel der weltweiten Düngemittelexporte passiert normalerweise die derzeit blockierte Seestraße von Hormus. Hinzu kommt, dass die Produktion mineralischer Dünger von fossilem Gas abhängt, das zur Herstellung benötigt wird und außerdem als Energiequelle dient. Zwischen Februar und März stieg der Preis für Harnstoff, den wichtigsten stickstoffhaltigen Dünger, um mehr als 45 Prozent.
Düngemittelkonzerne erreichen Höchstwerte
Fünf Konzerne – Wesfarmers aus Australien, Yara aus Norwegen, IFFCO aus Dubai, Nutrien aus Kanada und der US-amerikanische CF Industries – kontrollieren etwa die Hälfte des Weltmarkts für mineralischen Dünger. Wenn wenige Unternehmen den Markt bestimmen, steigt die Abhängigkeit. Und einige Konzerne können satte Übergewinne einfahren.
Dieser Text erschien zuerst in der wochentaz, unserer Wochenzeitung von links!
In der wochentaz geht es jede Woche um die Welt, wie sie ist – und wie sie sein könnte. Eine linke Wochenzeitung mit Stimme, Haltung und dem besonderen taz-Blick auf die Welt. Jeden Samstag neu am Kiosk und natürlich im Abo.
Bislang größter Krisengewinner ist der norwegische Düngemittelkonzern Yara, der bereits 40 Prozent mehr Umsatz abzüglich Produktionskosten im ersten Quartal gegenüber vergangenem Jahr meldete. Das deutsche Unternehmen K+S notierte Börsenzuwächse. Der russische Düngemittelkonzern Akron erreichte im März sogar Höchstwerte von 2022.
Damals stand die Welt vor einer ähnlichen Krise. Als Russland die Ukraine angriff, schossen die Düngerpreise in die Höhe. Die neun größten Düngemittelkonzerne steigerten ihre Gewinne von 28 Milliarden US-Dollar im Jahr 2021 auf 49 Milliarden US-Dollar im Jahr 2022. Die Preissteigerungen lagen damit deutlich über den gestiegenen Produktionskosten.
Russland blieb trotz geopolitischer Spannung für die EU ein Schlüssellieferant. Bis 2025 stieg der Anteil russischer Stickstoffimporte von 17 Prozent im Jahr 2022 auf 30 Prozent. Erst im Juni 2025 verhängte die EU Sanktionen. In der aktuellen Krise dürften die russischen Gewinne also zumindest weniger aus Europa stammen.
Nach 2022 gründeten die Ernährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO), die Weltbank und private Düngemittelkonzerne eine Initiative, um die Verteilung von mineralischem Dünger gerechter zu gestalten. Denn die hohen Preise treffen importabhängige Länder am meisten, vor allem in Afrika.
Afrika ist letzter wachsender Absatzmarkt
Das Problem sei zum Teil hausgemacht, sagt der ugandische Agrarwissenschaftler Charles Tumuhe. „Es ist paradox, dass Afrika Nettoimporteur von Mineraldünger ist und gleichzeitig einen Überschuss produziert.“ Länder wie Marokko, Ägypten, Algerien und Tunesien exportieren stickstoff-, phosphor- und schwefelhaltigen Dünger. Dieser Widerspruch könnte innerhalb Afrikas gelöst werden, so Tumuhe, etwa durch Förderung des innerafrikanischen Düngemittelhandels im Rahmen der Afrikanischen Freihandelszone. Die Afrikanische Union (AU) beschloss nach 2022, auch stärker in afrikanische Düngeproduktion zu investieren. Forscher arbeiten zudem daran, wie Ammoniak für Stickstoffdünger auch mit erneuerbaren Energien gewonnen werden kann. Das Forschungsinstitut für Ernährungspolitik (IFPRI) empfiehlt bessere Bodenanalysen, um Dünger gezielter einzusetzen. Überdüngung gilt als weltweites Problem.
Für die Düngemittelkonzerne ist Afrika der letzte wachsende Absatzmarkt. Europa und China haben sich zum Ziel gesetzt, die Nutzung von synthetischem Dünger herunterzufahren – vor allem wegen der schädlichen Auswirkungen auf Klima und Grundwasser. In Afrika liegt der Verbrauch deutlich niedriger. Pro Fläche werden dort nur etwa 13 Prozent der weltweit üblichen Düngermengen eingesetzt. Die Afrikanische Union plant, dies bis 2034 zu verdoppeln.
Düngerkonzerne gehen Hand in Hand mit dem Verkauf von Pestiziden und Saatgut. Die Lobby bestimmt seit den sechziger Jahren den Diskurs über die notwendige Produktionssteigerung für die Welternährung. So investiert etwa Techmilliardär Bill Gates via die Organisation Agra Milliarden in Afrika, um dürreresistente und produktivere Hybridsamen in Umlauf zu bringen. Die kommerziellen Samen sind meistens auf synthetischen Dünger und Pestizide angewiesen. Der Großteil der Kleinbauern in Afrika produziert allerdings organisch, weil sie sich mineralischen Dünger oder Pestizide nicht leisten können. Sie fürchten, von der industriellen Landwirtschaft verdrängt zu werden.
Das Argument der Agrarkonzerne ist auch, dass sie nur mit dem Dünger gewinnbringend anbauen können. Synthetik geht ins Exportgeschäft. Und wieder zeigen sich die Auswirkungen globaler finanzialisierter Ernährungsketten: Im Umkehrschluss werden auch die Importe, etwa von Reis oder Weizen in Afrika, aufgrund der hohen Düngepreise teurer. Auch hier bestimmen wenige Länder den Markt. Nur fünf Länder produzieren über 72 Prozent des Weizens. Das macht das globale Ernährungssystem unflexibel und anfällig für Schocks.
Häufig wird argumentiert, dass ohne synthetischen Dünger die Weltbevölkerung nicht versorgt werden könne. Stimmt das?
Es gibt Studien, die zeigen, dass die Weltbevölkerung theoretisch mit organischem Dünger und ohne Pestizide ernährt werden könnte – allerdings nur unter einigen Bedingungen. So müsste Essensverschwendung eingedämmt und weniger Fleisch gegessen werden. Auch würden größere Flächen benötigt.
Agrarwissenschaftler Tumuhe, Programmkoordinator bei der Allianz für Ernährungssouveränität in Afrika (AFSA), ist sich sicher: Afrika kann sich selbst versorgen. Er plädiert für Agroökologie, also dafür, dass organische Dünger aus der Umgebung und vielfältige Kulturen die Böden regenerieren. Der Landwirt spricht per Videokonferenz mit der taz von einem seiner Projekte, im Hintergrund sind üppige grüne Pflanzen zu sehen.
Afrika müsse Ernährungssysteme fördern, die „nahrhafte, sichere Lebensmittel produzieren, die mit unserer Kultur verbunden sind“, sagt Tumuhe. Synthetischer Dünger mache Böden abhängig davon. Überdüngung habe zu einem massiven Nährstoffmangel im Boden geführt – was sich auch auf die Qualität der Ernte auswirke. „Was wir essen, spiegelt sich in unserem Körper, unserer Gesundheit und unserem Geist wider“, sagt Tumuhe. Hinzu kommt, dass chemischer Dünger sehr CO2-intensiv ist. Allein Stickstoffdünger macht je nach Bemessung bis zu 5 Prozent der jährlichen Emissionen aus – ähnlich wie die internationale Schifffahrt oder der Luftverkehr.
„Es ist Zeit für Souveränität, Agroökologie und gerechten Handel“, findet Tumuhe. Souveränität bedeute, dass Landwirte die Kontrolle über ihr Land, ihr Saatgut und ihre Düngemittel sowie das dazugehörige Wissen haben sollen. Nur so könne das Ernährungssystem sich unabhängig machen von Krieg, Konzernen und fossiler Chemie.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert