Abschied vom US-Team: Eine große Hoffnung
Das US-Team hat bei dieser WM begeistert. Tragisch ist nur, dass der größte Gegner des Gastgebers zugleich der Regierungschef des Gastgebers ist.
Ein bedauernswerteres Gastgeberteam hat es noch nie bei einer Fußballweltmeisterschaft gegeben. Spiel für Spiel haben sie mit ihrem unbeschwerten Offensivdrang die Begeisterung und Euphorie in ihrem Land größer werden lassen. Zehn Treffer hatten sie bereits vor dem Achtelfinale erzielt. Christian Pulisic etwa entzückte mit seinen kreativen Einfällen, der unermüdliche Weston McKennie mit seinen Antriebskräften und dann war da noch dieser pfeilschnelle Folarin Balogun. Seit Jahren haben sie im US-Verband von so einem zentralen Stürmer mit solch großer Nervenstärke vor dem Tor geträumt. Seine drei Treffer bei dieser WM machten Hoffnung, dass da noch viel mehr möglich ist.
Und naturgemäß hatten auch weltweit viele Fußballfans diesem Team die Daumen gedrückt. Mit dem Ausscheiden der Gastgeber verliert jede WM an Attraktivität. Sehr bedauerlich ist aber eben, wenn der größte Gegner des Gastgebers zugleich der Staatschef des Gastgebers ist. Und wenn dieser in einem Handstreich nicht nur die Integrität einer Sportart, sondern auch das Ansehen eines Fußballteams in den Schmutz zieht.
Mit dem Anruf von Donald Trump bei Fifa-Chef Infantino und seinem erfolgreichen Begehr, die Rot-Sperre von Balogun für das Spiel gegen Belgien auszusetzen, rauschten die Sympathiewerte für dieses Team in den Keller und die Fangemeinde des Achtelfinalgegners Belgiens gewann immer mehr an Größe. Und so motiviert hat man das bislang sehr behäbige Team der Belgier bei dieser WM auch noch nicht aufspielen sehen. Die Einflussnahme von Trump schien tatsächlich eine Wirkung zu haben, nur nicht die erhoffte.
Mitleid hatte dann auch Belgiens Trainer Rudi Garcia insbesondere mit Balogun: „Er kam zu mir, das hat mir gefallen. Er ist nicht schuld. Er hat nichts falsch gemacht. Ich schätze ihn.“ Der unfreiwillige Protagonist dieser Partie zeigte Verständnis für die verbreitete Empörung: „Natürlich ist es dann kontrovers, wenn die Entscheidung geändert wird.“ Fast schon entschuldigend erinnerte er daran, dass das Team die Rote Karte ja akzeptiert hätte. Im Unterschied zu Trump – konnte ein jeder im Geiste ergänzen.
Berührungsängste mit dem US-Team
Was die Angelegenheit besonders kurios macht: Trump akzeptiert einen Nationalspieler Folarin Balogun eigentlich auch nicht, weil dieser nach seinem Verständnis kein US-Bürger sein dürfte. Zu seinem US-Pass kam Balogun nur, weil seiner hochschwangeren nigerianischen Mutter die Ausreise nach England untersagt wurde. Das Geburtsortprinzip für die US-Staatsbürgerschaft will Trump abschaffen, was der Supreme Court gerade als verfassungswidrig einstufte.
Generell fiel Trump bei dieser WM lange Zeit eher durch seine Zurückhaltung auf. Seine Berührungsängste mit dem US-Team waren offensichtlich. Diese Mannschaft, die beim letzten WM-Test gegen Deutschland in Chicago mit Rückennummern in Regenbogenfarben auflief, verkörpert eine Weltoffenheit, die wenig mit der Regierungslinie gemein hat.
Anfang Juni postete U.S. Soccer auf Facebook: „In diesem Monat feiern wir die LGBTQ+-Community im gesamten US-Fußballverband und im gesamten Fußballumfeld. Wir sind davon überzeugt, dass der Fußball stärker ist, wenn sich jeder gesehen, unterstützt und bestärkt fühlt, ganz er selbst zu sein. Auf einen Monat voller Feierlichkeiten, Verbundenheit und Zugehörigkeit!“
Die größte Angst von Trump dürfte aber gewesen sein, nach einer Niederlage des US-Teams als Verlierer auf der Tribüne abgelichtet zu werden. Jedenfalls war er bei der WM bei keinem Spiel vor Ort. Sein erster WM-Einsatz als Telefonjoker erfolgte erst, als es scheinbar mit dem US-Team etwas zu gewinnen gab. Dass er damit dem US-Fußball die schmählichste Niederlage bescherte, ist von besonderer Tragik.
Der einzige Trost nach dem eigentlich so formidablen WM-Auftritt: Ein Besuch im Weißen Haus bleibt dem Team erspart.
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