piwik no script img

Berliner OrdnungsamtEine gemäßigt unterwürfige Frage an die Blume Demokratie

Manchmal geht’s ganz leicht, wenigstens kleine Dinge zu bewegen. Man muss es nur wagen – etwa auf dem Amt.

D er Mitarbeiter des Ordnungsamtes sieht ein bisschen aus wie Ulrich Siegmund. Aber hey – sollen wir die AfD nicht wie eine ganz normale demokratische Partei behandeln? Also ran an den Mann, so wie ich es vor Jahren von einer italienischen Freundin gelernt habe. Nicht einfach loslegen oder am Ärmel zupfen – mir oft als Kellner passiert, geht gar nicht! – sondern in gemäßigt unterwürfiger Tonlage sprechen: „Entschuldigen Sie, darf ich Sie etwas fragen?“

Und der Mann, der plötzlich überhaupt nicht mehr wie Ulrich Siegmund aussieht, grinst breit und sagt: „Na, klar!“

Wir befinden uns vor meiner Wohnung in Kreuzberg. Seit Wochen wächst ein Müllberg bei den Fahrradständern. Irgendwer hat angefangen, den um die Wohnanlage herumliegenden Sperrmüll hier zu einer Skulptur zu schichten, die von Straßenkünstlern schnell ergänzt wurde und auch von den Ratten als Spielplatz angenommen worden ist. Direkt daneben ist eine souverän ignorierte absolute Halteverbotszone, die dort abgestellten Fahrzeuge werden zweitägig von Mit­ar­bei­te­r:in­nen des Ordnungsamtes mit Zetteln versehen, der Müll wird ignoriert.

Das Logo der taz: Weißer Schriftzung t a z und weiße Tatze auf rotem Grund.
taz debatte

Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.

Ich finde das insofern gut, als ich dadurch wieder an meinen Rang als Nichtautobesitzer und Radfahrer in dieser Gesellschaft erinnert werde. Ich bin versucht zu denken, dass, wenn der Müll das – auch illegale – Parken von Autos verhindern würde, schon das SEK angetreten wäre. Aber lass doch mal die Polemik! Hier ist ein Mensch, der dir zuhört! Der eine Beschwerde aufnimmt und sie vor deinen Augen weiterleitet. Der mir auch noch etwas über die Tücken des internen Abrechnungswesen zwischen den Berliner Stadtreinigungsbetrieben (BSR) und dem Kreuzberger Ordnungsamt erklären möchte. Aber ich habe schon genug Probleme mit meiner Steuerklärung.

Würde der Müll Parkplätze blockieren, wäre sicher längst das SEK vor Ort

Zwei Tage später ist der Müll tatsächlich weg. Ich interpretiere das so, dass ich als Bürger die Verpflichtung habe, der Demokratie zu helfen. Die Demokratie kommt nicht einfach von selbst und macht Ordnung. Sie schafft Ordnung in dem Rahmen, in dem wir Ordnung nachfragen. Die Demokratie ist ein Angebot, aber die Kaufentscheidung liegt bei uns. Mit der Demokratie lässt sich reden, mit dem Müll und den Ratten eher nicht. Die Demokratie ist etwas anderes als ein Raumdufthändler. Sie ist selbst die duftende Blume, die wir pflegen dürfen.

Ambros Waibel

Ambros Waibel taz2-Redakteur

Geboren 1968 in München, seit 2008 Redakteur der taz. Er arbeitet im Ressort taz2: Gesellschaft&Medien und schreibt insbesondere über Italien, Bayern, Antike, Organisierte Kriminalität und Schöne Literatur.
Mehr zum Thema

5 Kommentare

  • Philippo1000

    Genau!



    Demokratie ist nur ein Wort.



    Ohne Demos geht es nicht.



    Das Volk ist hierzulande ja ein irreleitender Begriff.



    Demos ist angesichts der wortgleichen Veranstaltungen, die Demokratieförder*Innen gern besuchen,



    ein unbelasteter Begriff.



    Wir sind Demos,



    Wir machen Demos.



    Der Artikel erinnert unprätentiös daran, wer wir sind und wo wir leben.



    Wir leben in einer Demokratie.



    Die lebt vom Mitmachen.



    Ja, das ist ein alter Hut.



    Als griechische Idee in der Antike geboren ist der Hut sogar schon sehr alt.



    Immer wieder wurde die Demokratie von Egoisten abgeschafft, doch es gibt sie immer noch.



    Wer wirklich Demokrat*In sein will, muss sich als Teil der Idee begreifen.



    „Die da oben“ wurden von uns gewählt um die Arbeit zu machen, für die wir „ keine Zeit haben“.



    Es ist allerdings leicht, mehr Verantwortung zu übernehmen.



    Kommunalpolitik ist der Anfang.



    Veränderung heißt nicht Andere beschuldigen, sondern selbst beginnen.



    Berlin, für die dort lebenden Slawen, Schwaben und Pflanzen, der Nabel der Welt, ist von außen betrachtet relativ klein.



    Dennoch gibt es gerade eine große Chance,



    Berlin kann zeigen, dass es eine demokratische Alternative zu Sachsen Anhalt gibt.



    Das geht nur zusammen.

  • Mondschaf26

    „Die Demokratie ist ein Angebot, aber die Kaufentscheidung liegt bei uns."



    Sonderangebote, Vorteil-Apps und Payback-Punkte müssen her. Und Konsum-Rabattmarken. 🍔🍿🍟



    de.wikipedia.org/wiki/Rabattmarke

    • Bambuspanda

      @Mondschaf26:

      Finde ich gar nicht so übel die Idee!

      Für jeden aufgesammelten Müll auf den Straßen, bekommt der Bürger Rabattmarken, wenn er/sie/es zur Müllabfuhr vorbei bringt.

      Das würde sogar die Haushaltskassen etwas entlasten, wenn ich an die Aktion "Den Kotti sauber machen" kurz vor den Wahlen denke.

      Hab ich echt gestaunt über den damiligen Bericht in der Abendschau.



      Man sah etwas Politprominenz, Ehrenamtliche, etwas BSR mit Maschinen, wie sie aufhoben mit Teleskopgreifern, mit Besen kehrten Laubpustern und so.

      Das ganze soll 20.000€ gekostet haben.



      Ich dachte ich höre nicht richtig - 20.000€ um den Kotti sauber zu machen!!! Und das bei überwiegend Ehrenamtlichen!

      Das hätte man bei weitem billiger haben können.



      ZB 50 freiwillige Arbeitslose, die sich für 100€ für vielleicht maximal 5h Arbei, hätten verdienen können.



      Die BSR stellt Besen, Schaufeln und Säcke zur Verfügung.

      Das hätte 5000€ gekostet und die 50 Joblosen hätten sich sicher riesig gefreut, mal schnell einen Hunderter sich verdient



      zu haben.

      Ach so sorry, dass hat ich vergessen!



      Habta recht - die BSR hätte ja den aufgesammelten Müll in den Säcken abholen müssen.



      Da wären dann nochmal 15.000€ dazu gekommen.....

  • Heho

    Schöner Vergleich. Leider wurde 2023 in Hamburg das Ortsamt weggespart. 😕

  • rero

    „Sie schafft Ordnung in dem Rahmen, in dem wir Ordnung nachfragen.“

    Eben.

    Deshalb sieht Kreuzberg anders aus als etwa Frohnau.

    Niemand wohnt aus Versehen in Kreuzberg.