Grenzkontrollen: Wie Dobrindt uns die Zeit stiehlt
Die Kontrollen an den deutschen Grenzen verlängern Bus- und Autofahrten. Sehr zum Ärger der Reisenden. Anekdoten aus dem taz-Kosmos.
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Wut im Stau
Nach 5 Minuten werde ich wütend. Wir stehen im Stau. Wut im Stau ist nicht ungewöhnlich, vor allem wenn auf den Autobahnbaustellen weit und breit weder Menschen noch Maschinen zu sehen sind hinter diesen verfluchten weiß-roten Plastikaufstellern. Diese Wut ist meist ungerichtet, hat keinen einzelnen Empfänger. Meine Wut aber hat einen. Nein, zwei. Alexander Dobrindt und Friedrich Merz.
Weil wir gerade von Köln nach Brüssel ziehen, sitzen mein Mann und ich häufig im Auto. Während der Weg nach Belgien in rund 2 Stunden zu schaffen ist und man die Einfahrt in die Niederlande vor allem am plötzlich wechselnden Autobahnbelag und Tempolimit 100 merkt, dauert der Weg zurück nach Köln gerne 30 bis 45 Minuten länger. Denn kurz vor der Grenze staut es sich. Montags am frühen Nachmittag, Sonntagabend, fast immer.
Nach 20 Minuten werden aus drei Fahrspuren zwei. Ich versuche der Wut mit Nachdenken zu begegnen. Innenminister und Kanzler lassen die deutsche Grenze kontrollieren. Warum eigentlich? Wollen sie Menschen davon abhalten, illegal nach Deutschland zu kommen? Das wäre ja absurd. Die können von Kerkrade nach Herzogenrath laufen, mit dem Fahrrad von Raeren nach Walheim fahren oder halt mit dem Auto über eine der anderen Grenzübergänge links und rechts der Autobahn, die nicht kontrolliert werden. Geht es um Drogen? Bargeld? Illegale Tiertransporte? Nein. Bleibt: Symbolpolitik. Ich stehe im Stau, weil Merz und Dobrindt Symbolpolitik betreiben.
Nach 30 Minuten Stau gibt es nur noch eine Fahrspur. Das Wutlevel sinkt kurz: Ich darf das Fenster öffnen und fünfmal an der Vape ziehen. Die anderen Autofahrer scheinen auch wütend zu sein, viele wohnen im Grenzgebiet, verraten ihre Nummernschilder. Pendeln vielleicht täglich von Aachen nach Maastricht oder Lüttich – und leider wieder zurück. Sie drängen sich in kleine Lücken, überholen auf dem Standstreifen.
Nach 40 Minuten fahren wir im Schritttempo an zwei Bundespolizisten vorbei, die gelangweilt ihre Maschinengewehre halten und mit müden Augen in die Autos blicken. Ob sie überhaupt Autos rauswinken? Auf dem Parkplatz neben der Kontrollzone sehe ich keine.
Es rollt wieder, Richtung Köln. Eine Woche später fahren wir staulos Richtung Brüssel. Ich denke: Wie schön Europa doch sein könnte, wenn da nicht Dobrindt und Merz wären. Paul Wrusch
„Die ziehen ja nur solche raus, die nicht deutsch aussehen“
„Es nervt krass“, sagt mein Sohn, wenn er über die Grenzkontrollen in Europa spricht. Gerade ist der 20-Jährige per Bus aus Wien zurückgekommen. An der tschechisch-deutschen Grenze fuhr der Bus in eine überdachte Halle. „Wir mussten etwa zwanzig Minuten warten“, vergleichsweise eher wenig, „sonntags abends nach acht ist da wohl eher nicht so viel los“, erzählt er. Dann seien vier deutsche Beamte in den Bus gekommen, „voll unangenehm, die schauen einen an, als ob man seinen Ausweis gefälscht hat“. Gedauert habe das Prozedere dann vielleicht 15 Minuten, „aber es waren auch nur Weiße im Bus, und die ziehen ja nur solche raus, die nicht deutsch aussehen“, sagt er.
Mein Sohn hat in seinem jungen Leben schon die meisten europäischen Staaten besucht, in der Regel per Bahn. Wir waren in Schweden und Dänemark, in Polen und Tschechien, in Österreich, Ungarn, Belgien und Frankreich. Die wenigen Passkontrollen seines Lebens waren die bei Flugreisen nach Griechenland und bei der Einreise nach Russland.
Nur einmal wurde es kritisch, und das nicht mal an einer Grenze: In der Ukraine wollten sie beim Einsteigen in den Nachtzug neben unseren Pässen auch die Geburtsurkunde des Kindes sehen. Um sicherzustellen, dass er wirklich zu mir gehört. Nur energisches Eingreifen der Mitreisenden – „Was sollen Ausländer über unser Land denken? Lassen Sie die Frau mit dem Kind jetzt einsteigen!“ – verhinderte, dass wir in Lviv auf dem Bahnsteig stehen blieben. Aber da war er noch klein und schlief auf meinem Arm.
Dass jetzt plötzlich überall kontrolliert wird, ist für ihn eine völlig ungewohnte Situation. „Im Juni bin ich aus der Schweiz eingereist. Da gehen die durch den Zug und schauen sich ein bisschen um. Und solche, die so aussehen wie ich, fragen die nicht mal nach dem Pass.“ Wer wirklich illegal nach Deutschland einreisen will, der finde Wege jenseits der Grenzübergänge. Da ist sich der Zwanzigjährige ganz sicher. Gaby Coldewey
Viele Mitreisende erstarrten
Jedes Mal, wenn ich über die Stadtbrücke in Frankfurt/Oder gehe, um einige Stunden im polnischen Słubice zu verbringen, ist das für mich ein besonders emotionaler Moment. Dann erinnere ich mich daran, wie ich 1981 wenige Tage vor Weihnachten mit meinem Vater mit einem Kleinbus an dieser Grenze stand, um Hilfsgüter in das Nachbarland zu bringen. Bei klirrender Kälte warteten wir einige Stunden, bis wir durchgewunken wurden – bis dahin war es absolut dunkel. Wenige Tage zuvor hatte Polens Machthaber Wojciech Jaruzelski das Kriegsrecht verhängt.
Damals hätte ich mir nicht vorstellen können, dass es diese Grenzkontrollen eines Tages nicht mehr geben könnte. Als sie dann doch abgeschafft wurden – 2007 trat Polen dem Schengenraum bei –, fühlte sich das bei meinen ersten Übertritten immer noch etwas unwirklich an, wurde jedoch bald zur Gewohnheit. Wenngleich auch Dekaden nach der Wende in diesem Teil Europas nicht wirklich viel zusammengewachsen ist – von Kurzbesuchen vor allem Deutscher zwecks Jagd auf Schnäppchen einmal abgesehen.
Doch seit einer Weile gibt es wieder Grenzkontrollen. Vor zwei Monaten saßen 50 größtenteils komplett übermüdete Menschen, darunter auch ich, in einem Bus. Dieser hatte Warschau knapp sechs Stunden zuvor gegen Mitternacht verlassen und sollte gegen 8.30 Uhr in Berlin ankommen. In Frankfurt/Oder am Ende der Stadtbrücke war erst einmal Schluss, der Bus musste an die Seite fahren. Zwei Bundespolizist*innen stiegen zu, sichtlich um Freundlich- und Höflichkeit bemüht. Doch viele Mitreisende, vor allem Ukrainer*innen, erstarrten, als ihre Ausweispapiere akribisch kontrolliert wurden sowie die eine oder andere Frage beantwortet werden musste. Nach circa 20 Minuten war der Spuk vorbei, bis Ruhe und Entspannung eintraten, dauerte es etwas länger. Bei mir wurden wieder alte Erinnerungen wach, allerdings keine guten. Wer zum Teufel braucht so etwas? Barbara Oertel
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